„Ich bin keine Ausnahme unter den türkischstämmigen Frauen“

Zübeyde Tunç, erfolgreiche Anwältin in Berlin, im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommen türkische Frauen häufig mit einem niedrigen Bildungsniveau und meist ohne Berufserfahrung nach Deutschland, außerdem bekommen sie statistisch gesehen früher Kinder als deutsche Frauen. Viele türkische Frauen haben es demnach sicher schwerer, in Deutschland Karriere zu machen. Sie arbeiten als erfolgreiche Anwältin in Berlin. Somit sind Sie vor dem Hintergrund der Studienergebnisse eine Ausnahme. Können Sie sich dieser Einschätzung anschließen?

Zübeyde Tunç: Ich denke dass ich nicht unbedingt eine Ausnahme unter den türkischstämmigen Frauen bin. Insofern kenne ich auch die Verhältnisse in der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen nicht genau bzw. habe mich damit nicht beschäftigt.

Es dürfte auch da nicht der überwiegenden Mehrheit entsprechen, dass ein Kind von ungelernten Arbeitern Volljuristin wird.

Sie haben einen hohen Bildungsgrad erreicht. Haben Ihre Eltern einen hohen Bildungsabschluss? Wenn nein, unter welchen Umständen hätten Ihre Eltern eine ähnliche Karriere wie Sie machen können?

Zübeyde Tunç: Meine Mutter kam mit 24 Jahren aus einem Dorf in der Schwarzmeerregion nach Deutschland um bei der Siemens AG zu arbeiten. Sie hatte gerade noch die Grundschule besucht. Mein Vater kam ein Jahr Später mit 40 Jahren nach Deutschland und hatte keinerlei Schulbildung. Das Lesen und Schreiben hatte er sich beim Schafe hüten selbst beigebracht und hat aber täglich Zeitung gelesen. In der Türkei hatte mein Vater als Fahrer in der Personenbeförderung und zeitweilig als Fernfahrer gearbeitet. Hier arbeitete er beim Bezirksamt als Gartenbauarbeiter. Ich denke dass beide das intellektuelle Potential und den Ehrgeiz hätten unter den gleichen Umständen auch zu studieren, d. h. Eltern hätten die den Lebensunterhalt gewähren, einverstanden sind dass ihr Kind studiert, BAföG erhalten würden und später einen guten studentischen Job hätten.

Inwieweit war es für Sie als Türkin schwerer als für deutsche Frauen, in Deutschland Karriere zu machen?

Zübeyde Tunç: Während des Studiums und auch danach hatte ich nicht das Gefühl, dass ich es im Vergleich zu deutschen Frauen schwerer hatte. Vielmehr war es schwieriger, weil in meiner Familie niemand zuvor studiert hatte, erst recht nicht Rechtswissenschaft. Während andere schon zu der ersten Vorlesung mit ihrem Schönfelder und Sartorius kamen, wusste ich nicht einmal, dass ich diese benötige. Auch war das Finanzielle bei sechs weiteren Geschwistern ein Problem.

Können Sie die Erfahrungen anderer Frauen bestätigen, dass Frauen in Deutschland schwerer Karriere machen können als Männer?

Zübeyde Tunç: Dass Frauen schwerer Karriere machen können als Männer kann ich aus eigener Erfahrung nicht unbedingt bestätigen. Es könnte lediglich sein, dass z. B. Mandanten Rechtsfälle mit größerem Streitwert lieber männlichen Kollegen anvertrauen als mir, weil sie meinen, dass diese mehr Biss hätten als ich. Ich musste aber auch niemals im Job unmittelbar mit einem Mann konkurrieren.

Können Sie sich vorstellen, in der Türkei eine ähnliche Karriere wie in Deutschland zu machen?

Zübeyde Tunç: Soweit ich die Verhältnisse in der Türkei kenne, ich habe dort lediglich die Grundschule besucht, wäre ein ähnlicher Werdegang im der Türkei durchaus möglich. Wobei ich dazu anmerken muss, dass ich eine Behinderung habe und daher dort wie auch hier selbstverständlich vielen Skeptikern begegnen würde.

Sie sind schon seit Ihrem 12. Lebensjahr in Deutschland. Fühlen Sie sich mehr als Türkin oder mehr als Deutsche? Können Sie anhand von 3 Beispielen die Unterschiede zwischen türkischer und deutscher Kultur nennen?

Zübeyde Tunç: Auf die berühmte Frage, ob ich mich eher als Türkin oder als Deutsche fühle, kann ich zunächst sagen, dass ich mich eher als eine neue Spezies fühle. Ich bin als Mitglied einer recht großen Familie mit den türkischen Traditionen und Werten wie familiärer Zusammenhalt, religiösen Vorstellungen aufgewachsen, versuche mit diesem Weltbild die in der deutschen Gesellschaft propagierte Individualität und egoistische Lebensweise in ein Gleichgewicht zu bringen. Dies – so meine Ansicht – ist der Hauptunterschied zwischen den beiden Kulturen. Als ich mit 12 Jahren ohne irgendwelche Sprachkenntnisse die deutsche Gesellschaft zum ersten Mal wahrnahm, war mir z. B. negativ aufgefallen, dass jemand etwas zu essen mitten in einer Menschengruppe verzehrte ohne zu fragen, ob jemand anderes auch möchte. Hier pocht man gern auf sein Recht z. B. im Bus, auf der Straße, bei Behörden und zieht zumeist nicht in Betracht, dass man einfach toleranter und großmütiger sein kann. Die deutsche Gesellschaft zeichnet sich zudem durch Unflexibilität aus. Man kann Dinge – hier offensichtlich herrschende Meinung – nur auf eine Art und Weise machen.

Man kann davon ausgehen, dass Sie sich als vollkommen in die deutsche Gesellschaft integriert fühlen und auch von außen so wahrgenommen werden. Oder gibt es Situationen in Ihrem Alltag, wo dies anders ist?

Zübeyde Tunç: So ein Alltagsbeispiel zu meiner Integration und deren Wahrnehmung durch andere: Während der Debatte über Sarrazins pseudowissenschaftliches Buch habe ich auf der Straße in Wilmersdorf/Berlin eine Dame nach dem Weg gefragt, in dem ich nach dem Eingangshallo einfach den Straßennahmen nannte, weil ich mittlerweile zum zehnten Mal fragte und keine Zeit hatte. Die Dame, die nach ihrem äußeren Erscheinungsbild weder eine Arbeit noch eine besondere Schul- oder Berufsbildung zu haben schien, sagte nach dem sie den Weg beschrieben hatte „Man bildet in Deutschland ganze Sätze“. Ein weiteres Beispiel aus meiner beruflichen Tätigkeit: Ich wurde vor dem Kammergericht während einer Verhandlung auch mal gefragt, wie lange ich schon hier lebe. Dass Rechtsanwälte vom Gericht Persönliches gefragt werden ist sehr ungewöhnlich. Beim Arbeitsgericht fragte mich eine Richterin, ob ich hier studiert hätte. Meine jüngere Schwester, die Studienrätin ist und Deutsch und Geschichte an einem Berliner Gymnasium unterrichtet, wurde auf einem Kinderspielplatz nach einem Gespräch, in dem sie auch von ihrem Beruf sprach, von einer äußerlich intellektuell wirkenden deutschen Mutter gefragt, ob sie Deutsch könne, weil diese während des Gesprächs bemerkte, dass meine Schwester mit ihrer Tochter ausschließlich Türkisch sprach. Nach alledem kann ich sagen, dass die deutsche Gesellschaft sehr große Schwierigkeiten hat, den nicht deutschstämmigen Menschen – egal ob hier geboren oder nicht, integriert oder nicht – das Gefühl der Dazugehörigkeit zu geben.

Deutschland braucht mehr Fachkräfte. Wie kann Deutschland Ihre gut ausgebildeten Landsfrauen und- männer ins Land locken?

Zübeyde Tunç: Deutschland hat zwischenzeitlich in der Türkei bei den gut ausgebildeten Leuten sehr schlechten Ruf. Die Haltung der deutschen Gesellschaft gegenüber Menschen aus dem Ausland ist abschreckend. Insofern weiß ich nicht, wie man dies ändern könnte, ohne dass sich große grundlegende Veränderungen in den Köpfen der Menschen vollziehen.

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