„Akademikerinnen werden nicht nach ihrer Qualifikation eingestellt“

Dr. Ingrid Jungwirth von der HU Berlin im Interview zu den Forschungsergebnissen des Verbundprojekts „Die Integration hochqualifizierter Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt“ der HU Berlin, der TU Hamburg-Haburg und der RWTH Aachen

Hochqualifizierte Migrantinnen haben trotz ihrer hohen Qualifikationen häufig Probleme am deutschen Arbeitsmarkt. Ursachen dafür sind die mangelnde Anerkennung von Hochschulabschlüssen, der fehlenden Zugang zu ausreichenden Sprachkursen und die unzureichenden Arbeitsvermittlungen durch die Job-Center. Das sind die Kernergebnisse des Verbundprojekts „Die Integration hochqualifizierter Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt“ der HU Berlin, der TU Hamburg-Haburg und der RWTH Aachen. In dem Projekt wurden die Berufsverläufe von Migrantinnen untersucht, die eine Hochschulausbildung in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) im Ausland absolviert haben. Dies ist, wie die Studie feststellt, eine erhebliche Gruppe. Sie wird aber unterschätzt, ihr Potenzial für die deutsche Wirtschaft wird noch nicht ausreichend genutzt.

Anders als in Deutschland sei es in vielen anderen Ländern für Frauen nicht ungewöhnlich, Studiengänge aus dem na-turwissenschaftlich-technischen Bereich zu belegen, sagte Dr. Ingrid Jungwirth von der HU Berlin den Deutsch Türkischen Nachrichten. Oft sei dieses Studium gar nicht die erste Wahl gewesen, sondern habe im Heimatland die besten Berufsaussichten versprochen. „Was meiner Meinung nach bemerkenswert ist,“ sagt Jungwirth, „ist, dass es den meisten Frauen gelang, aus dieser manchmal ’zweiten Wahl’ sehr gute Abschlüsse und erfolgreiche berufliche Laufbahnen zu machen.“ Nach dem Umzug nach Deutschland habe sich die Lage für viele aber drastisch verschlechtert. Die guten Abschlüsse führten hier nicht automatisch zu einer beruflichen Karriere.

Es gäbe in Deutschland keine ausreichende individuelle Beratung, zu wenig Sprachkurse und kaum Weiterbildungs-möglichkeiten. Dabei sei man gerade in den MINT-Fächern auf regelmäßige Weiterbildung angewiesen, um mit den sich ständig ändernden Ansprüchen, wie den Umgang mit neuer Software mithalten zu können. Jungwirth: „Die Erfahrung, die die Frauen überwiegend machten, ist, dass man sie in den meisten Fällen gar nicht weiter beraten hat und ihnen bestenfalls riet, sich selbst etwas zu suchen. Nicht selten wurden ihnen Stellen als Putzfrau oder Hilfsarbeiterin angeboten.“ Auch Unternehmen würden oftmals vor der Anstellung von hochqualifizierten Migrantinnen zurückschrecken, weil sie die Sprachkenntnisse dieser als ungenügend einstufen. Hinzu kämen das Stereotyp der Frau, die in naturwissenschaftlichen Bereichen als weniger versiert angesehen wird als ein Mann, oder sogar ausländerfeindliche Tendenzen.

Diejenigen Frauen, die zumindest auf Honorarbasis beschäftigt sind, verlieren in wirtschaftlichen Krisenzeiten gemäß der Forschungsergebnisse als erste ihre Arbeitsstelle. Dabei ist die deutsche Wirtschaft auf qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Zur Verbesserung der bestehenden Verhältnisse muss noch viel getan werden. Jungwirth: „Zur Zeit werden hochqualifizierte MigrantInnen, deren Abschluss im Ausland erworben wurde und (noch) nicht in der BRD anerkannt wurde, als Ungelernte registriert.“ Die Behörden müssen also erst einmal anerkennen, dass es sich hierbei um Menschen mit für die deutsche Wirtschaft wertvollen Qualifikationen handelt. Im zweiten Schritt müssen mehr Sprachkurse und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden, damit diese Frauen ihr Wissen auch in Deutschland anwenden können.

Sie befassen sich mit der Integration hochqualifizierter Migrantinnen in den deutschen Arbeitsmarkt, besonders aus den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Wie kam dieses Forschungsgebiet zustande? Gibt es so viele hochqualifizierte Migrantinnen? Die gängigen Vorstellungen in der deutschen Gesellschaft dürften dem widersprechen.

Dr. Ingrid Jungwirth: In der aktuellen öffentlichen Debatte wird vor allem Bildungsferne von – in der Regel männlichen – Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt gestellt. Ohne länger auf die vielfältigen Verkürzungen einzugehen, die mit diesem Diskurs produziert werden, möchte ich herausstellen, dass auf diese Weise in den Hintergrund gerät, dass es in der Bundesrepublik eine relevante Gruppe von Migrantinnen und Migranten gibt, die eine Berufs- oder Hochschulausbildung haben. Wir untersuchen in unserem Forschungsprojekt Berufsverläufe von Migrantinnen, die im Ausland eine Hochschulausbildung in den MINT-Fächern absolviert haben.

Generell wissen wir, dass ca. 7,8 Prozent der HochschulabsolventInnen in Deutschland ihren Hochschulabschluss im Ausland gemacht haben, wie in der Studie über hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten von Arndt-Michael Nohl und Anja Weiß (2009) berechnet wurde. Was die Ausbildung von Migrantinnen in der BRD angeht, stellen Migrantinnen mit Hochschulabschluss eine große Gruppe dar. So hatte Monika Stürzer für den Genderdatenreport (2005) berechnet, dass der Anteil von nicht-deutschen Frauen mit Hochschulabschluss in der Gruppe der 30- bis 35jährigen mit 12,6 Prozent sogar höher ist als der Anteil von HochschulabsolventInnen unter den deutschen Frauen und Männern wie auch unter den nicht-deutschen Männern. Tatsächlich gibt es in der Gruppe der nicht-deutschen Frauen, die älter als 60 Jahre sind, auch eine große Gruppe ohne Berufsausbildung (ebd.). Das weist aber darauf hin, dass die Gruppe der MigrantInnen heterogener ist als die allseits reproduzierten Stereotype glauben machen wollen.

Wir untersuchen mit unserer Studie, welche Möglichkeiten qualifizierter und hochqualifizierter Beschäftigung Migrantinnen in der BRD haben. Das wurde bislang auch in der Forschung oft vernachlässigt, indem man sich auf die Beschäftigung von Migrantinnen im niedrig qualifizierten Bereich konzentrierte oder aber hochqualifizierte Migration ohne systematische Einbeziehung von Geschlecht untersuchte. Es handelt sich um ein Verbundvorhaben, das an der Humboldt-Universität zu Berlin, der TU Hamburg-Harburg und der RWTH Aachen durchgeführt wird, finanziert vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) von 2009 bis 2011.

Der historische Anlass, sich vor allem mit der Arbeitssituation von Migrantinnen aus postsozialistischen Staaten näher zu befassen, ist, dass seit dem Fall der Mauer in Europa neue Migrationsbewegungen entstanden sind, u. a. von Ost- nach Westeuropa. Seit den 1990er Jahren ist dabei eine große Gruppe MigrantInnen aus den postsozialistischen Staaten zugewandert. Sie machen mittlerweile rund ein Drittel aller MigrantInnen in der Bundesrepublik aus.

In den (post-)sozialistischen Staaten waren und sind die Bildungssysteme gut ausgebaut, so dass viele MigrantInnen, die aus diesen Staaten zuwandern, über eine Berufs- oder Hochschulausbildung verfügen, wenn sie nach Deutschland kommen. Darüber hinaus sind Berufe in Naturwissenschaft und Technik im Vergleich zur Bundesrepublik weniger stark geschlechtlich segregiert in diesen Ländern. So zeigen die She Figures der EU von 2009, dass der Anteil promovierter Naturwissenschaftlerinnen in Deutschland bei 35 Prozent liegen, während sie z. B. in Rumänien bei 62 Prozent, in Kroatien bei 58 Prozent, in Polen bei 57 Prozent liegen. Der Anteil promovierter Ingenieurinnen liegt in Deutschland bei 14 Prozent, im Vergleich zu z. B. 59 Prozent in Estland, 38 Prozent in Kroatien, 35 Prozent in Rumänien. Aber auch im Vergleich zu manchen westeuropäischen Staaten ist der Frauenanteil in MINT-Fächern in Deutschland niedriger. So sind in z. B. Italien 52 Prozent Frauenanteil unter den promovierten NaturwissenschaftlerInnen und 36 Prozent unter den promovierten IngenieurInnen. Auch in der Türkei ist der Frauenanteil z. B. unter den promovierten Ingenieurinnen mit 36 Prozent weit über dem in der Bundesrepublik von 14 Prozent.

Aus welchen Ländern kommen diese Frauen vor allem? In unserer Studie zur Arbeitsmarktintegration hochqualifizierter Migrantinnen in den MINT-Fächern haben wir vor allem Frauen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion befragt. Wer sind diese Frauen? Wie kommt es, dass sie Expertinnen in MINT-Fächern sind? In Deutschland ist das ja eher männliches Terrain.

Dr. Ingrid Jungwirth: In den postsozialistischen Staaten wird ganz allgemein Berufstätigkeit von Frauen als selbstverständlich angesehen. Zweitens sind die naturwissenschaftlich-technischen Fächer für viele Frauen gleichermaßen wählbar wie andere Fächer. Sie haben oft schon in der Schule die Erfahrung gemacht, dass Mädchen und Jungs sich für alle Fächer interessieren können und in jedem Fach gute Leistungen erwartet werden. Dazu kommt, dass der Beruf der Ingenieurin oft auch hoch angesehen war und eine aussichtsreiche Berufstätigkeit damit verbunden wurde. Mit der Entscheidung für einen Beruf wurde dabei weniger die Idee von Selbstverwirklichung verfolgt. So haben viele junge Frauen, die mehrere Interessen und Begabungen hatten – etwa in Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften – sich oft aus pragmatischen Gründen oder auch weil sie aus unterschiedlichen Gründen nicht viele Wahlmöglichkeiten hatten (bis hin zu einem fehlenden Zugang zu bestimmten Studiengängen, von dem jüdische Migrantinnen berichten) für ein ingenieur- oder naturwissenschaftliches Studium entschieden. Was meiner Meinung nach bemerkenswert ist, dass es den meisten Frauen gelang, aus dieser manchmal „zweiten Wahl“ sehr gute Abschlüsse und erfolgreiche berufliche Laufbahnen zu machen. Das zeigt, dass die MINT-Fächer für Frauen offen waren und eine Wahl dieser Fächer für Frauen selbstverständlich und gleichrangig neben anderen Möglichkeiten stand. Darüber hinaus stand auch die Arbeitswelt den Frauen offen. Manche Frauen berichten zwar auch von Geschlechterdifferenzen in den Tätigkeiten bspw. der IngenieurInnen. Gleichzeitig war es aber selbstverständlich, dass Frauen auch Ingenieurinnen sind.

Wieso haben sie trotz ihrer Qualifikationen Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Dr. Ingrid Jungwirth: Das ist eine der zentralen Fragen, die wir mit unserer Studie untersuchen. Es ist frappierend, dass nur eine sehr kleine Minderheit der Frauen ihre Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt umsetzen können, obwohl die technischen und naturwissenschaftlichen Qualifikationen als am ehesten international transferierbar gelten. Sprachkenntnisse sind mit Sicherheit ganz entscheidend für die Ausübung des Berufs. Den Frauen fehlt jedoch ganz oft ein Zugang zu Sprachkursen, die ein ausreichendes Niveau an Sprachkenntnissen bieten. Die vorgesehenen Sprach- und Integrationskurse reichen nicht. Auch die Beratung und Vermittlung, die von den Behörden wie Job-Center und ARGE und den früheren Arbeitsämtern geleistet wurde, ist einfach nicht ausreichend. Es ist erstens eine viel individuellere Beratung notwendig. Zweitens sind weiterqualifizierende Angebote etwa für die spezifische Fachsprache, neue Software u. ä. wichtig. Außerdem ist Information zentral. Die Erfahrung, die die Frauen dagegen überwiegend machten, ist, dass man sie in den meisten Fällen gar nicht weiter beraten hat und ihnen bestenfalls riet, sich selbst was zu suchen. Nicht selten wurden ihnen Stellen als Putzfrau oder Hilfsarbeiterin angeboten. Viele Frauen arbeiten in diesen Jobs, wenn auch nur vorübergehend. Wenn ihnen Umschulungen angeboten werden, dann oft in Tätigkeiten, in denen überwiegend Frauen beschäftigt sind, im Handel, Büro- und Verwaltungstätigkeiten, im Servicebereich.

Aber auch von Seiten der Unternehmen werden zu hohe Hürden aufgestellt. Die Erfahrungen der Frauen sind, dass unzureichende Sprachkenntnisse oft als Begründung angegeben werden, weswegen sie bestimmte Tätigkeiten nicht ausüben können in einem Unternehmen oder aber nach einem Praktikum nicht übernommen werden. Und es kann angenommen werden, dass viele Bewerbungsgespräche zu einer Ablehnung führen aufgrund der Einschätzung, dass die Sprachkenntnisse einer Bewerberin nicht ausreichen. Allerdings kann man auch kritisch hinterfragen, weswegen fachsprachliche Kenntnisse als nicht ausreichend angesehen werden, weswegen auch von dem Smalltalk in der Pause erwartet wird, dass er fast auf muttersprachlichem Niveau erfolgt. Weswegen sollte eine Person am Telefon, die mit einem Akzent Deutsch spricht, von KundInnen als negativ angesehen werden? Es könnte ja auch ein Unternehmen auszeichnen, international besetzt zu sein. Da muss auch in der Wirtschaft ein Umdenken stattfinden. Die Vorstellung, dass die MitarbeiterInnen in einem Unternehmen möglichst homogen sein sollten, ist da mit Sicherheit ein Hindernis für viele hochqualifizierte Migrantinnen.

Aber sehr oft kommt es gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch nach einer Bewerbung. Da sind Migrantinnen in den MINT-Fächern mit den gleichen Stereotypen konfrontiert wie deutsche Frauen: Es wird angenommen, dass Frauen Mütter sind oder werden und dann nicht mehr entsprechend berufstätig sind.

Es kann mit Sicherheit ein Zusammenhang zwischen den Schwierigkeiten von Migrantinnen und anderen Frauen in den MINT-Fächern und Idealvorstellungen und Stereotypen in Deutschland angenommen werden, denen zufolge technische Kompetenz nicht mit weiblichem Geschlecht in Verbindung gebracht wird. Dazu kommen ausländerfeindliche Stereotypien, die Konstruktion einer als „osteuropäisch“ ethnisierten Frau oder die generelle Disqualifizierung von Ausbildungen aus ehemals kommunistischen Staaten. Viele Frauen haben irgendwann einmal zu hören bekommen, dass sie es als Ausländerin und Ingenieurin mit einer Karriere vergessen können.

Dazu kommt die jeweilige allgemeine Situation auf dem Arbeitsmarkt. Als 2008 die Krise begann, wurden viele Menschen arbeitslos. Unter unseren Interviewpartnerinnen sind aber zudem viele, die prekär beschäftigt sind, als geringfügig Beschäftigte, nur konjunkturbedingt, wenn es Aufträge gibt und auf Honorarbasis, als LeiharbeiterInnen. Sie werden als erste arbeitslos.

Wieso bleiben sie nicht auf dem heimischen Arbeitsmarkt?

Dr. Ingrid Jungwirth: Es gibt unterschiedliche Gründe, weswegen Frauen migrieren. Die Migration aus den postsozialistischen Staaten nach dem Systemwechsel Ende der 1980er Jahre ist auch dadurch gekennzeichnet, dass sich neue Möglichkeiten zur Migration eröffneten und Unzufriedenheit mit der allgemeinen Situation in den Ländern in die Migration umgesetzt wurde. Oft auch nur mit der Vorstellung, „erst mal“ etwas von der Welt zu sehen oder zu eruieren, ob das eine dauerhafte Option darstellt. Der Systemwechsel brachte, ähnlich wie in der ehemaligen DDR, den Abbau von Industrie mit sich, der insbesondere für viele Ingenieurinnen Arbeitsplatzverlust und Berufswechsel zur Folge hatte.

In die Bundesrepublik kamen viele MigrantInnen aus den postsozialistischen Staaten als AussiedlerInnen und deren Angehörige, als jüdische MigrantInnen und deren Angehörige und aus Jugoslawien als Flüchtlinge während des Kriegs. Den zahlenmäßig wichtigsten Zuwanderungsweg nach Deutschland stellt die Familienmigration dar, seit nach dem Anwerbestop 1973 die Arbeitsmigration stark eingeschränkt wurde.

Haben qualifizierte männliche Migranten weniger Probleme als weibliche?

Dr. Ingrid Jungwirth: Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Migranten andere Erfahrungen machen als Migrantinnen und dass sie eher qualifikationsadäquat oder in einer vergleichbaren beruflichen Stellung beschäftigt sind. Unsere Studie bezieht sich allerdings auf die Berufsverläufe von Migrantinnen. Um mehr über die Berufsverläufe von Migranten aus postsozialistischen Staaten in MINT-Fächern zu erfahren, wäre weitere Forschung notwendig.

Wie gehen Sie bei Ihren Untersuchungen vor?

Dr. Ingrid Jungwirth: Unsere Studie besteht aus drei Teilen, in denen mit jeweils unterschiedlichen Methoden gearbeitet wird. Der wichtigste Teil ist qualitative Interviewforschung. An der Humboldt-Universität haben wir dabei 30 Migrantinnen befragt, die in unterschiedlichen Regionen in der BRD leben. In dem Verbundvorhaben wurden insgesamt 60 Interviews mit Migrantinnen sowie Kontrollgruppen autochthoner Frauen ohne Migrationshintergrund gemacht. In einem zweiten Teil werden Berufsverläufe und berufliche Stellung hochqualifizierter Migrantinnen und Migranten auf der Basis der Längsschnittbefragung des Sozioökonomischen Panels (SOEP) rekonstruiert. Diese quantitative Analyse ermöglicht uns, auf der Basis repräsentativer Daten Erkenntnisse über die Arbeitsmarktsituation und insbesondere über Verläufe, zu bekommen. Zusätzlich haben wir am Anfang ExpertInneninterviews mit MitarbeiterInnen aus Bildungsinstitutionen, einer MigrantInnenorganisation und einem Wohlfahrtsverband gemacht.

Wie sieht die Zukunft für hochqualifizierte Migrantinnen in Deutschland aus?

Dr. Ingrid Jungwirth: Das hängt davon ab, inwiefern es gelingt, dass man sich in Deutschland als Einwanderungsland begreift. Es ist noch nicht so lange her, dass auch von offizieller Seite anerkannt wurde, dass Migration nach Deutschland nicht eine Anomalie und eine vorübergehende Erscheinung ist, sondern einen zentralen Bestandteil der Gesellschaft ausmacht. Erst im Zusammenhang des Greencard Programms und während der Vorbereitung des Zuwanderungsgesetzes wurde das vor rund 10 Jahren auch von Seiten der Bundesregierung und der konservativen Parteien offiziell verlautbart. Es ist bekannt, welche politischen Kämpfe sich um diese Politik entzündeten und wie zweideutig sie war. Das Greencard Programm begrenzte eher Migration als dass es sie willkommen hieß und war ebenso wie das Zuwanderungsgesetz Anlass für ausgesprochen ressentimentgeladene politische Kampagnen, die nicht nur von rechten Parteien betrieben wurden. Auch linke Politiker bis hin zu den Gewerkschaften beteiligten sich an diesem Diskurs. Das zeigt sich auch in der gesellschaftlichen Praxis.

Am Arbeitsplatz wird offenbar auch ein hohes Maß an Anpassung erwartet, so dass MigrantInnen nicht oder nur graduell anders als die Mehrheit sein dürfen. Sprache steht für ein bestimmtes Bildungsniveau und Kompetenz. Ein Akzent oder Sprachkenntnisse, die nicht ganz auf muttersprachlichem Niveau sind, werden dann schnell mit Inkompetenz oder fehlender Qualifikation in Verbindung gebracht. Das ist nicht unbedingt eine ausschließlich fachliche Anforderung, sondern auch die Erwartung einer möglichst hohen Homogenität in einem Betrieb. In dieser gesellschaftlichen Realität ist es allerdings schwierig für Migrantinnen und Migranten, die mit anderen Erfahrungshorizonten und Lebenswelten hierher kommen, sich willkommen zu fühlen oder für manche, überhaupt einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

Aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive ist schon lange bekannt, dass Migration für die Wirtschaft förderlich ist. Die EU-Staaten und auch die Bundesrepublik versuchen seit einigen Jahren, für hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten attraktive Einwanderungsländer zu werden und mit den historischen Einwanderungsländern wie z. B. den USA um sie zu konkurrieren. (Hoch-)qualifizierte Migration wird kaum mehr wegzudenken sein in einer Situation, in der schon seit Längerem ein Fachkräftemangel befürchtet und beklagt wird.

Allerdings müsste anerkannt werden, dass die Einwanderungsbestimmungen für hochqualifizierte MigrantInnen nur einem kleineren Teil von Menschen die Zuwanderung in die BRD ermöglichen. Es leben bereits viele hier, die über andere Wege zuwanderten und auch über eine Berufs- oder Hochschulausbildung verfügen. Insbesondere für sie, die nicht mit einem Arbeitsvertrag oder der Aussicht darauf zuwanderten, müssen Wege gefunden werden, um ihnen eine Zugang zum Arbeitsmarkt in eine qualifikationsadäquate oder vergleichbare Beschäftigung zu finden.

Was muss passieren um die Bedingungen für sie zu verbessern?

Dr. Ingrid Jungwirth: Vor allem auf der politischen Ebene müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Erleichterung der Qualifikationsanerkennung ist eine Sache, die ja derzeit im Gespräch ist und im Laufe der nächsten Zeit umgesetzt werden soll. Davon hängen eine Reihe von Folgen ab, etwa eine angemessene Eingruppierung von Arbeitssuchenden bei den Jobcentern und deren Beratung. Z. Zt. werden hochqualifizierte MigrantInnen, deren Abschluss im Ausland erworben wurde und (noch) nicht in der BRD anerkannt wurde, als Ungelernte registriert. Eine andere wichtige Sache ist die Verbesserung des Zugangs zu Sprachkursen und Weiterqualifizierungen. Dazu muss von Seiten der Behörden erst mal anerkannt werden, dass viele Menschen hier sind, die eine Reihe von Qualifikationen haben, die wertvoll sind. Um diese einsetzen zu können, müssen sie die Möglichkeit haben, auf einem hohen Niveau Sprachkenntnisse zu erwerben. Sie brauchen Zugang zu Informationen und sie brauchen eine individuelle Beratung und Begleitung, um ihre Kenntnisse mit den Qualifikationen in der BRD abzugleichen und sich beruflich zu orientieren.

Was ist die erste Anlaufstelle für qualifizierte Migrantinnen, die Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben?

Dr. Ingrid Jungwirth: Es gibt eine bundesweite Vernetzung von Beratungsstellen und Organisationen, die sich an (hoch-)qualifizierte MigrantInnen richtet, das IQ-Netzwerk: http://www.intqua.de/

In Berlin ist die entsprechende Anlaufstelle Kumulus Plus: http://www.kumulus-plus.de/kompetenzzentrum/

Die Otto-Benecke-Stiftung biete Sprachkurse für AkademikerInnen sowie Studienergänzungen und eine Reihe von anderen Programmen.

Können Sie ein Beispiel für eine deutsche Branche nennen, wo qualifizierte Migrantinnen besonders gute Chancen haben?

Dr. Ingrid Jungwirth: Nach unseren Ergebnissen sind hochqualifizierte Migrantinnen überwiegend in Handel, Büro- und Verwaltungstätigkeiten, Finanzdienstleistungen, Service beschäftigt.

In der Informations- und Kommunikationstechnologien Branche haben hochqualifizierte MigrantInnen mit Ausbildungen in MINT-Fächern am ehesten eine Beschäftigung gefunden.

Kennen Sie ein Beispiel für eine Branche in der sie besonders schlechte Chancen haben?

Naturwissenschaften und Technik.

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