„Ich würde nicht zu früh Entwarnung geben“

Um seinem Freund Dogan Akhanli beim Gerichtsprozess beizustehen, machte sich Günter Wallraff vergangene Woche auf den Weg nach Istanbul. Der türkischstämmige deutsche Schriftsteller war bei seiner Einreise in die Türkei verhaftet worden, als er seinen im Sterben liegenden Vater besuchen wollte. Mit den Deutsch Türkischen Nachrichten sprach Günter Wallraff über die möglichen Hintergründe des Prozesses, über Akhanlis Entlassung aus der U-Haft und die Lage in der Türkei.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sind persönlich mit dem Schriftsteller Dogan Akhanli befreundet, der seit 1991 als politischer Flüchtling in Deutschland lebt. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Günter Wallraff: Wir sind Nachbarn in Köln und haben gemeinsame Freunde. Ich hätte mich sicherlich nicht so eindeutig für ihn eingesetzt, wenn ich ihn nicht gut genug gekannt hätte. Ich habe mich in aller Öffentlichkeit dafür verbürgt, dass er unschuldig ist. Aus seinem ganzen Schreiben, seinem gesamten Werk ist eine Verabscheuung von Gewalt in jeder Hinsicht zu erkennen. Gegner der türkischen Militärdiktatur damals musste eigentlich jeder anständige Demokrat sein. Akhanli hat über die damalige Zeit in der Türkei offen gesprochen; ich kenne seine Kritik an den militanten linken Strategien, die mit Waffengewalt die Verhältnisse verändern wollten. Er hielt davon nichts, ja er verabscheute sie. Er ist wie ich Pazifist. Er war immer, schon damals auch ein Mann des Wortes und des Dialogs. Das sicherlich entschieden und radikal. Aber eben nicht auf Vernichtung des Gegners abzielend. Von daher war ich von Anfang an völlig sicher, dass ihm hier eine kriminelle Tat untergeschoben werden sollte, die er nicht begangen hat.

Dogan Akhanli drohte bis vor ein paar Tagen noch lebenslange Haft wegen „bewaffneten Umsturzversuchs“ in der Türkei. Nun ist er aus der U-Haft entlassen worden. Könnte das ein erstes Zeichen für einen Wandel in der türkischen Justiz sein?

Da würde ich jetzt nicht zu früh Entwarnung geben. Eine so große Öffentlichkeit und auch diplomatische Bemühungen hinter den Kulissen wie in diesem Fall gibt es selten. Aber es ist immerhin schon etwas erreicht worden. Nach meinem Eindruck wurde Akhanli eher notgedrungen, zähneknirschend freigelassen, nicht aus einer inneren Überzeugung. Die Stimmung zugunsten Akhanlis kippte erst mit der zunehmenden internationalen Medienöffentlichkeit. Erst dann plötzlich war das Gericht auch den Anwälten gegenüber offener, konzilianter und redebereiter.

Warum musste erst eine solche Öffentlichkeit Druck ausüben? Wer hatte oder hat ein so vorrangiges Interesse an einer Einkerkerung Akhanlis?

Die türkische Justiz hat autoritäre Strukturen und ist meiner Ansicht nach nicht in der Lage, Fehler öffentlich zuzugestehen. Es gab alte Rechnungen zu begleichen. Immerhin hat Akhanli als einer der ersten den Genozid an den Armeniern in seinem Roman „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ thematisiert (Das Buch ist jetzt in Neuauflage auch in Deutsch wieder erhältlich). Sie wusste von Anfang an, dass er unschuldig ist. Sie glaubte, ihn ohne nennenswerte Öffentlichkeit aburteilen zu können wie in vielen anderen Fällen. Es gibt ja hunderte Gesinnungsgefangene, die wegen Meinungsäußerung in den türkischen Gefängnissen sitzen.

Wie hat Akhanli selbst auf seine Freilassung reagiert?

Bis drei Uhr nachts haben wir nach seiner Freilassung zusammengesessen. Er hat gesagt: Feiert nicht mich, denkt an die anderen, die keine Menschen haben, die sich für sie einsetzen. Er möchte eigentlich in dem Land, in dessen Sprache er seine Romane schreibt, leben und hofft, dass sich die Türkei demokratisiert. Er ist auch für die EU-Mitgliedschaft, die man langfristig in Aussicht stellen sollte. Wirtschaftlich wird die Türkei vielleicht in fünf oder zehn Jahren einige andere europäische Länder überholt haben. Aber was die Menschenrechtskriterien angeht, da ist noch so viel im Argen.

Wie beurteilen Sie das Referendum vom September, mit dem die rigide türkische Verfassung der Militärs von 1982 liberalisiert werden soll?

Es ist erst einmal ein Hoffnungsaspekt und eine Möglichkeit, durch diese Reform eine andere Zeit einzuleiten. Aber es müsste mit einer Amnestie verbunden sein. Alle, die im Augenblick wegen Gesinnungs- und kultureller Meinungsäußerung im Gefängnis sitzen, müssten erst einmal freigelassen werden. Dann erst kann die Justizreform richtig greifen und erst dann ist sie glaubwürdig.

Hatte sich womöglich seit dem Referendum das Klima bereits geändert in Richtung eines faireren Prozesses für Akhanli?

Ich hoffe, dass es so wäre, denn ich bin Zweckoptimist. Der Prozess gegen Pinar Selek im Januar wird das vielleicht zeigen.

…der genau wie Akhanli wegen der angeblichen Beteiligung an einem Anschlag lebenslange Haft in der Türkei droht…

Wenn man eine Menschen- und Frauenrechtlerin, die jenseits von jeglicher Gewaltbefürwortung steht, nicht rehabilitiert, dann ist das Ansehen der Türkei nach wie vor ganz schwer beschädigt. Und ihr diese terroristische Attentatsgeschichte zuzuschieben, das ist schon was Ungeheuerliches. Das zeigt, dass bestimmte Kräfte in der Türkei noch sehr aktiv und mächtig sind. Das ist, glaube ich, noch ein langer Weg, um das Land in eine Rechtsstaatlichkeit zu überführen.

Akhanlis Anwalt ist optimistisch hinsichtlich des weiteren Verfahrens. Rechnen auch Sie mit einem Freispruch im März oder steht das noch auf der Kippe?

Ich glaube, der Grund, warum sie Akhanli nicht bereits jetzt freigesprochen haben, ist, dass man hofft, dass später keiner mehr darüber spricht. Sie haben vielleicht, um ihr Gesicht nicht zu verlieren, es jetzt so deutlich noch nicht gesagt. Dass sie sich damit wahnsinnig schwer tun, sieht man aber bereits daran, dass sie Akhanli erst zwei Stunden nach dem Prozess im Gefängnis mehr beiläufig mitgeteilt haben, dass er jetzt frei kommt. Das war eine zusätzliche Demütigung.

Welchen Eindruck hatten Sie generell von der Gerichtsverhandlung?

Richter und Staatsanwälte sprachen sehr leise während der gesamten Verhandlung. Man konnte sie im Zuhörerraum nur schwer verstehen. Man hatte fast den Eindruck, sie merkten, dass eigentlich sie auf der Anklagebank saßen. Die Tatsache, dass Akhanli die ganze Zeit geschwiegen hat, war seine Möglichkeit, die Farce dieser Verhandlung kenntlich zu machen.

Gab es mediale Solidarität mit Akhanli in der Türkei im Vorfeld des Prozesses?

Ja, „Radikal“, eine beachtete türkische Tageszeitung, hat ein sehr langes Interview mit mir abgedruckt. Auch andere Zeitungen haben berichtet, vor allem als Akhanlis Vater gestorben war.

…zu dessen Besuch der in Deutschland lebende Akhanli überhaupt erst den Weg in die Türkei angetreten war, um dann bereits am Istanbuler Flughafen verhaftet zu werden…

Von dieser menschlichen Betroffenheit haben unterschiedliche türkische Zeitungen berichtet. Und was man auch sagen muss: Es wurde auch in der streng nationalistischen Presse keine Stimmung gegen ihn gemacht, eben weil alle auch von seiner Unschuld überzeugt waren.

Und wie wurde der Prozess selbst in den Medien wiedergegeben?

Von der Mehrheit der Medien ist der Freispruch allenfalls klein vermeldet worden. Es gibt aber auch Ausnahmen: So habe ich etwa in einer der populärsten türkischen Fernsehsendungen auf dem nichtstaatlichen Sender NTV am Tag des Prozessbeginns über eine halbe Stunde lang sehr offen und freimütig mit der Moderatorin Banu Güven reden können, eine Frau, die in der Türkei jeder kennt. Die Sendung wurde mehrfach den ganzen Tag über wiederholt.

Was haben Sie in der Talksendung denn Kritisches geäußert?

Ich habe den Genozid an den Armeniern offen angesprochen und erklärt, jede Gesellschaft müsse sich daran messen lassen, wie sie sich Fremden und Andersdenkenden gegenüber verhält. Ich habe gesagt, dass ich, würde ich in der Türkei leben, mich wahrscheinlich anonymisieren und als Vertreter einer Minderheit leben würde. Obwohl ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, würde ich wahrscheinlich die Rolle eines Christen annehmen, in einem Gebiet, wo die aramäischen Christen immer noch Probleme haben und bürokratische Hürden in den Weg gelegt bekommen. Es gibt dort nur noch 0,2 Prozent aramäische Christen. Das war einmal eine ganz andere Verbreitung. Früher wurden sie vertrieben und zum Teil auch ermordet.

Sie tragen sich derzeit ernsthaft mit dem Gedanken, diese Aktion zu unternehmen?

Zurzeit bereite ich noch andere Rollen im eigenen Land vor, aber es ist eine Idee, die mich schon seit langem beschäftigt. Ich käme ja auch nicht als Feind, sondern als Freund der Türkei, dann findet man auch eher Gehör.

Warum ist es so wichtig, dass sich die Öffentlichkeit weiterhin für Menschen wie Akhanli einsetzt?

Solche Menschen werden gebraucht. Sowohl in der Türkei, wie bei uns. Das sind Menschen der Zukunft, die ihre Wurzeln in zwei Kulturen haben, die sich die positiven Seiten der jeweiligen Kultur zu eigen machen und Rückständiges hinter sich lassen können. Und davon kenne ich sehr viele, diese Wanderer zwischen den Welten. Deshalb bin ich auch für die doppelte Staatsbürgerschaft. Die müssen wir hervorheben, die müssen wir fördern. Das sind unsere Botschafter einer neuen Gesellschaft, einer neuen Zeit. Da gehört Dogan Akhanli dazu.

Wie nehmen Sie die Türkei bei Ihren Besuchen wahr?

Die Türkei wäre eigentlich ein gelungenes Beispiel für einen Viel-Völker-Staat, für eine multikulturelle Gesellschaft. Verschiedene Mentalitäten, verschiedene Kulturen sind wie in einem Schmelztiegel zusammengekommen. Die Christen, die früher vertrieben, verfolgt und ermordet wurden, machen leider nur noch 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Es sind zwischen 300.000 und 500.000 Armenier, so die Schätzungen, zum Islam übergetreten, um zu überleben. Wenn das alles wieder verlebendigt und nicht ein verordnetes Türkentum übergestülpt würde – ich glaube, dass dieses Land Vorbild sein könnte, auch für Deutschland, wo gerade der Fehler gemacht wird, eine Einheitsleitkultur verordnen zu wollen und uns eine ganz unselige Debatte von oben herab bestimmt und Menschen türkischer Herkunft ausgrenzt. Da könnte die Türkei, langfristig gesehen, zeigen, dass es auch anders geht. Nur im Moment sehe ich die Weichen noch in eine ganz andere Richtung gestellt. Da ist einiges besorgniserregend, wenn nicht gar beängstigend.
Dennoch, Istanbul ist für mich eine der lebendigsten und schönsten Städte der Welt, die ich kenne. Über Weihnachten reise ich wieder dahin, in dieser Stadt ist noch alles möglich. Auch im positiven Sinne.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.