„Levin Öztunali würde ich niemals fragen, ob er für die Türkei spielen will“

Erdal Keser, Talentscout der türkischen Fußballnationalmannschaft, würde Levin Öztunali, den Enkel von Uwe Seeler, einem Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft "nie fragen, ob er Lust hätte, für die Türkei zu spielen". Keser: "Er müsste von sich aus zu uns kommen und sagen: Ich möchte für die Türkei spielen."

Im Wettbewerb um die besten Spieler schenken sich Deutsche und Türken nichts, wie die aktuellen Migrationsbewegungen von einem Verband zum anderen zeigen. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Uwe Seelers Enkel Levin Öztunali ist für den türkischen Fußballverband tabu. Er sei „der einzige Junge, den ich niemals fragen würde, ob er Lust hätte, für die Türkei zu spielen“, sagte Erdal Keser, Talentscout der türkischen Nationalmannschaft, den Deutsch Türkischen Nachrichten. Es sei eine Frage der „Ethik“, den Nachfahren des Ehenspielführers der deutschen Nationalmannschaft nicht anzubaggern. Der Sohn von Uwe Seelers Tochter Frauke, die mit Mete Öztunali verheiratet ist, spielt derzeit für die deutsche U15-Auswahlmannschaft. Nur unter einer Bedingung würde Keser schwach werden: „Er müsste von sich aus zu uns kommen und sagen: Ich möchte für die Türkei spielen.“

Sonst ist Erdal Keser weniger zurückhaltend, wenn es um die Abwerbung junger deutscher Fußballtalente mit türkischem Pass geht. Erst vor kurzem konnte er einen ersten Erfolg feiern, als Mehmet Ekici vom Bundesligisten 1. FC Nürnberg nach drei Einsätzen in der deutschen U-21-Nationalmannschaft sich plötzlich entschied, künftig für die türkische Nationalelf aufzulaufen, was zum Teil für Unmut in Deutschland sorgte. Keser kann diesen Unmut allerdings nicht verstehen, „da jeder Verband natürlich darauf aus ist, gute Spieler für sich zu gewinnen“. Immerhin sei es in Deutschland auch schon der Fall gewesen, „dass man Spieler, die aus anderen Nationen in Deutschland waren, eingedeutscht hat, damit die dann für die deutsche Na-tionalmannschaft spielen konnten.“ Entscheidend sei jedoch, „dass sich ein Spieler aus freien Stücken und aus Herzenslust für sein Land entscheidet“. Das habe dann jeder zu akzeptieren und respektieren.

Auf die Frage, warum in Deutschland ausgebildete türkische Spieler in der Türkei so begehrt sind, antwortet Frank Engel, deutscher U15-Fußball-Nationalcoach, gegenüber den Deutsch Türkischen Nachrichten, Deutschland habe „hervorragende Ausbildungsstrukturen, die durch systematische und kontinuierliche Ausbildungsinhalte gekennzeichnet sind.“ Und: „Gepaart mit Disziplin und Zielstrebigkeit sowie dem entsprechenden Wettkampfsystem“ seien „beste Voraussetzungen gegeben“, was auch die türkischen Trainerkollegen wüssten.

Die FIFA-Regeln erlauben es, dass ein Spieler die Nationalmannschaft so lange wechseln kann, wie er nicht in der A-Mannschaft gespielt hat. „Solange es diese Regelung gibt, kann sich auch gar keiner darüber beschweren“, sagt Keser. Und auch Frank Engel meint, es könne schon passieren, dass türkische Nationaltrainer die besten Talente abwerben, die in den deutschen Auswahlmannschaften herangereift sind, „aber es sollte immer die persönliche Entscheidung des Spielers sein“. Dort „wo der Spieler sein Herz hat und sich mehr hingezogen fühlt“, sollte er auch spielen. Natürlich werde „jeder Spieler auch seine Möglichkeiten abwägen, wo seine Einsatzchance, A-Nationalspieler zu werden, größer ist.“ Die Wiedereinführung der alten FIFA-Regel, wonach sich ein Spieler bis zum Alter von 21 entscheiden musste, für welches Land man auflaufen möchte, lehnt auch er, genau wie Keser ab.

In den letzten Jahren hat Keser das Talent Scouting der Türken perfektioniert und straffer durchorganisiert. Er stellte 25 Scouts ein und verteilte diese in ganz Europa: „Und dort werden die Talente gesichtet, die dann in jungen Jahren von uns begleitet werden, um ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid auf unserer Liste, wenn ihr wollt. Und wenn ihr die Qualität habt, dann stehen euch unsere Türen offen.“ Denn in der Vergangenheit sei es öfter passiert, dass Spieler gesagt haben: „Ich hätte ja ganz gerne für mein Land gespielt, für die Türkei, aber man hat mich nicht gesichtet, man hat mich nicht gesehen, nicht gefragt. Das soll möglichst in Zukunft vermieden werden“, so Keser.

Wo liegen die Unterschiede zwischen deutscher und türkischer Fußballkultur?

Erdal Keser: Türkische Fußballer kann man eher noch mit einem Straßenfußballer vergleichen. Vieles wird auf den Straßen erlernt und ein grundsätzliches Talent mitgebracht. Die Technik ist da, alles andere muss dann noch in den Vereinen beigebracht werden. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Schon in jungen Jahren ist man in Vereinen. Dort wird man zur Spieldisziplin usw. erzogen. Erst später erlernt man die Technik.

Mehrere deutsche Trainer haben in der Türkei als Trainer gearbeitet. Wie hoch schätzen Sie den Einfluss, den der deutsche auf den türkischen Fußball hatte?

Erdal Keser: Den schätze ich sehr hoch ein. Denn ich war selbst einer der ersten Spieler, die aus Deutschland wieder zurück in die Türkei gegangen sind, damals gemeinsam mit Jupp Derwall am Anfang der 80er Jahre. Mit ihm fing eigentlich der Einfluss der deutschen Trainer im türkischen Fußball an. Und danach kam mit Christoph Daum, Kalli Feldkamp und ähnlich großen Namen die deutsche Fußballkultur zum Bosporus.

Woher kommt die Spielfreude der türkischen Fußballer und mit welcher Nation lässt sich die Art der Spielweise am ehesten vergleichen?

Erdal Keser: Das ist eben mediterraner Fußball, dass die Spieler mit sehr viel Begeisterung und sehr viel Herz spielen und da natürlich schon auch mal Gefahr laufen, die Spieldisziplin etwas in die zweite Reihe zu stellen.

Das heißt, Sie haben viele offensive Spieler, aber es fehlen Ihnen vielleicht ein paar Defensivkräfte?

Erdal Keser: Ja, denn – wie gesagt – wenn die Jungs von der Straße kommen, dann geht jeder von denen nach vorne und will eben auch ein Tor machen.

Sind Sie der Meinung, dass man türkische Spieler anders ausbilden muss als deutsche? Und wenn ja, wie?

Erdal Keser: Wie gesagt, ich denke, dass türkische Spieler etwas mehr Technik in die Wiege gelegt bekommen. Man muss aber ihr Temperament zügeln und sollte die Technik nicht immer nur in den Vordergrund stellen, sondern auch die Mannschaftsdisziplin und das Organisatorische. Aber es ist ja so, dass dieser Weg schon seit den 70er und 80er Jahren genommen wird und dass man heute in der Türkei sehr europäischen Fußball spielt und versucht, das noch zu optimieren.

Aktuell ist eine Diskussion darüber entbrannt, dass sich Mehmet Ekici, ein Spieler des Bundesligisten 1. FC Nürnberg nach drei Einsätzen in der deutschen U-21-Nationalmannschaft nun doch plötzlich entschieden hat, für die türkische Nationalelf zu spielen. Können Sie verstehen, dass dies in Deutschland für Unmut gesorgt hat?

Erdal Keser: Das hat es schon immer gegeben, dass sich ein Spieler entscheidet, für ein anderes Land zu spielen. Den Unmut verstehe ich insofern nicht, da jeder Verband natürlich darauf aus ist, gute Spieler für sich zu gewinnen. Es war ja in Deutschland auch schon der Fall, dass man Spieler, die aus anderen Nationen in Deutschland waren, eingedeutscht hat, damit die dann für die deutsche Nationalmannschaft spielen konnten. Man soll das nicht immer so einseitig sehen. Es ist legitim, wenn einer türkische Wurzeln hat und sich dann aus freien Stücken – das ist das Entscheidende – und aus Herzenslust für sein Land entscheidet. Das hat jeder zu akzeptieren und respektieren.

Aber der Unmut hat sich ja vor allem daran entzündet, weil er in Deutschland ausgebildet wurde.

Erdal Keser: Er spielt in Deutschland in einem Verein. Es ist ganz normal, dass einer, der in einem deutschen Verein spielt, dann auch zur Auswahlmannschaft berufen wird. Das ist auch in Frankreich und in England so, überall ist es so, wo die FIFA-Regeln gelten. Nach diesen Regeln kann man die Nationalmannschaft noch bis zur A-Mannschaft wechseln. Solange es diese Regelung gibt, kann sich auch gar keiner darüber beschweren. Denn jeder Spieler wird in seinem Verein ausgebildet. Jeder Verein ist darauf aus, dass der Spieler sehr gute Leistungen bringt. Für welche Nationalmannschaft er sich dann entscheidet, ist ganz allein seine eigene Entscheidung.

Aber dennoch ist zu beobachten, dass in Deutschland ausgebildete türkische Spieler derzeit offensichtlich weit oben auf der Liste von Guus Hiddink stehen, dem türkischen Nationaltrainer. Warum sind denn gerade in Deutschland ausgebildete türkische Spieler so begehrt bei Ihnen?

Erdal Keser: Das stimmt nicht, nicht nur in Deutschland haben wir Spieler. Wir haben auch in England Spieler, in Holland und in Frankreich. Alle diese Spieler sind auf der Liste. Man muss das nicht nur auf Deutschland beziehen. Es ist einfach nur wichtig für den türkischen Fußball, dass mehrere Fußballkulturen sich mischen, damit man dann internationale Erfolge feiert.

Aber sehen Sie nicht die Gefahr, dass sich so etwas wie ein Transfermarkt für Nationalspieler entwickeln könnte, d.h. dass ein Spielerwechsel irgendwann mit Prämien verbunden wird oder sonstigen Vergünstigungen?

Erdal Keser: Nein, so etwas wird es nie geben, denn es ist ja die Nationalmannschaft. Nationalmannschaft heißt, dass man für ein Land spielt und zwar aus freien Stücken. Das ist also eine Herzensangelegenheit. Wenn einer nicht mit dem Herzen dabei ist, dann wollen wir den auch gar nicht haben. Den brauchen wir dann sowieso nicht, denn von dem kann man dann keine Top-Leistung erwarten. Nur wer sich mit reinem Herzen und aus Überzeugung für die türkische Nationalmannschaft entscheidet, wird auch mit offenen Armen von uns empfangen. Alles andere, Prämien und solche Geschichten, die sind in diesem Zusammenhang unvorstellbar und nicht auf der Ebene einer Nationalmannschaft denkbar.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass – seitdem Sie im Amt sind – , sich wieder mehr Spieler für die Türkei entscheiden. Was machen Sie denn anders als andere Talentscouts?

Erdal Keser: Es ist so, dass seitdem ich im Amt bin, wir alles etwas mehr durchorganisiert haben. Wir haben 25 Scouts, die ich eingestellt habe, in ganz Europa verteilt. Diese haben alle die Trainerlizenz. Sie beobachten am Wochenende Spiele und Spieler – aber in ganz Europa, das betone ich noch einmal, nicht nur in Deutschland! Und dort werden die Talente gesichtet, die dann in jungen Jahren von uns begleitet werden, um ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid auf unserer Liste, wenn ihr wollt. Und wenn ihr die Qualität habt, dann stehen euch unsere Türen offen. Denn in der Vergangenheit ist es öfter passiert, dass Spieler gesagt haben: Ich hätte ja ganz gerne für mein Land gespielt, für die Türkei, aber man hat mich nicht gesichtet, man hat mich nicht gesehen, nicht gefragt. Das soll möglichst in Zukunft vermieden werden.

Die Tore Özils beim 3:0 im Länderspiel gegen die Türkei wurden von vielen Türken als Verrat an der eigenen Nation gesehen. Spiegelt das die vorherrschende Stimmung in der türkischen Fußballwelt wider?

Erdal Keser: Das ist sehr provokant ausgedrückt und ich glaube nicht, dass sehr viele so empfunden haben. Im Gegenteil haben viele Türken gesagt, dass er ein super Spieler ist, und dass er sich eben für Deutschland entschieden hat. Das habe jeder zu akzeptieren und respektieren. Und dass wir lieber stolz auf ihn sein sollten, dass er so ein guter Fußballer geworden ist. Es gibt geteilte Meinungen, aber ich glaube, nach dem was ich mitbekommen habe, war die Meinung, die ich gerade erklärt habe, in der Mehrzahl.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie es nicht so gut fanden, dass sich Lukas Podolski nicht gefreut hat über sein Länderspieltor gegen die Polen. Haben Sie es Özil übel auch genommen, dass er sich demonstrativ nicht gefreut hat über sein Tor im Länderspiel gegen die Türken?

Erdal Keser: Überhaupt nicht. Wenn jemand sich für ein Land entscheidet, dann hat er auch das Recht oder sogar die Pflicht gegenüber seinen Fans, sich ganz frei über sein Tor zu freuen. Da hat auch keiner irgendwie negativ etwas daran auszusetzen. Da sollte man dann als Spieler auch keine Komplexe haben, denn man hat sich sowieso für dieses Land entschieden, also hat man mit Haut und Haaren auch dieses Land zu vertreten und wenn man ein Tor schießt, kann man doch auch in die Kurve gehen und sich mit allen Fans zusammen freuen. Das betrifft nicht nur Özil. Es waren auch schon einmal Schweizer Fußballer türkischer Abstammung, die gegen die Türken ein Tor gemacht und sich nicht gefreut haben. Das brauchen sie nicht, genauso wie Podolski, sollen sie sich doch ruhig freuen!

Wie beurteilen Sie denn generell die gegenwärtige Integrationsdebatte in Deutschland?

Erdal Keser: Ich denke, dass sich die Stellung des Ausländers in Deutschland, gerade im Fußball, doch sehr zum Positiven gewendet hat. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, als ich noch selbst Fußball gespielt habe, war das ja alles noch ein wenig prekärer. Da hat manchmal das halbe Stadion „Türken raus!“ gerufen. Ich kann den DFB nur loben, dass er den Weg eingeschlagen hat, den Zuschauern in den Stadien Courage zu vermitteln. Dass also einschritten wird, wenn jemand rechtspopulistische Äußerungen von sich gibt. Letztere sind heute tatsächlich auf das Geringste zurückgegangen.

Jedoch über den Fußball einmal hinausgehend, was halten Sie von der Figur Thilo Sarrazin, der mit seinen Thesen die Debatte um die Integration von Ausländern in Deutschland neu entfacht hat?

Erdal Keser: Sarrazin hat natürlich sehr polarisiert mit seinen Äußerungen und eine Welle losgetreten. Die Umfragen zeigen, dass viele Deutsche in die gleiche Richtung denken wie er, wenn auch nicht so extrem. Ihnen missfällt, was die Politiker da oben verbockt haben und deshalb vertreten sie in etwa Sarrazins Meinung. Das lässt natürlich viele andere Menschen wiederum darüber nachdenken, warum das so gekommen ist, was man vielleicht in der Vergangenheit falsch gemacht hat und was man in Zukunft besser organisieren müsste.

Ist es ein gutes Beispiel für Integration, wenn Levin Öztunali, der Enkel von Fußball-Legende Uwe Seeler, für die deutsche U 15-Auswahlmannschaft spielt?

Erdal Keser: Ja, zu hundert Prozent. Und: Das ist zum Beispiel auch der einzige Junge, den ich niemals fragen würde, ob er Lust hätte, für die Türkei zu spielen. Er müsste von sich aus zu uns kommen und sagen: Ich möchte für die Türkei spielen. Aber ich würde den Enkel von einem Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft nie fragen, ob er sich für ein anderes Land entscheiden würde. Das hat auch etwas mit Ethik zu tun.

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