„Die Türkei holt in beeindruckendem Tempo auf!“

Interview mit Andreas Schleicher, dem internationalen Koordinator der PISA-Studien, zu den aktuellen Ergebnissen.

Die PISA-Ergebnisse für türkische Schüler überraschen die OECD: „Die Türkei holt in beeindruckendem Tempo auf“, sagte Professor Dr. Andreas Schleicher, internationaler Koordinator des „Program for International Student Assessment“ (PISA), den Deutsch Türkischen Nachrichten. Zwar liege die Türkei noch am unteren Ende der Leistungsskala. Die Fortschritte seien jedoch auffällig. Schleicher: „In den Naturwissenschaften gibt es kein Land unter den OECD-Staaten, das größere Leistungsgewinne zu verzeichnen hat.“
Wenn Schleicher die Schulbildung für türkische Kinder in Deutschland und der Türkei vergleicht, kommt er zu einem interessanten Ergebnis: „Die Leistungen türkischer Kinder in Deutschland liegen unter denen der 15-Jährigen in der Türkei, allerdings sind die Unterschiede nicht sehr groß.“

In der Türkei seien Bildungschancen „innerhalb des Bildungssystems gerechter verteilt“. Der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf Bildungsleistungen sei „deutlich schwächer ausgeprägt als in Deutschland“. Allerdings „sind fast 40 Prozent der türkischen Kinder im Alter von 15 Jahren nicht mehr regelmäßig in der Schule.“ Hier habe die Türkei großen Nachholbedarf.

In Deutschland sind die Leistungsunterschiede im gegliederten Schulsystem begründet, diese in der Türkei sind es eher auf regionale Unterschiede sowie die Kluft zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Beide Länder könnten von den leistungsstärksten Bildungsnationen viel lernen. Diese würden Lehrpläne, Standards und Rückmeldesysteme wirksam verknüpfen. Lehrer brauchen unterstützende Systeme, um motiviert zu sein, sich kreativ einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend in der Lehrerausbildung werde es sein, „wie man Weiterbildung zu einem integralen Bestandteil der täglichen Arbeit der Lehrer machen kann.“

In PISA-Musterländern werde außerdem deutlicher auf verschiedene Interessen, Fähigkeiten und den sozialen Kontext der Schüler geachtet. So würden Klassenarbeiten und Zensuren nicht in erster Linie zur Kontrolle genutzt, „etwa um Leistungen zu zertifizieren oder den Zugang zu Bildungsangeboten zu rationieren“,
sondern vor allem dazu, „motivierende Leistungsrückmeldungen“ zu schaffen, die „Vertrauen in Lernergebnisse herstellen und neue, individuelle Lernwege ermitteln lassen.“

Um bei den nächsten PISA-Studien besser abzuschneiden, müssten beide Länder ihre Bildungssysteme weiter modernisieren. Schleicher äußert dazu: „Erfolgreiche Bildungssysteme haben klare und anspruchsvolle Leistungsziele die für alle Schülergruppen gelte, einschließlich der Schüler mit Migrationshintergrund. Sie machen sich Gedanken, wie sie Lehrer und Schulen unterstützen können, um gute Unterrichtspraxis und berufliche Weiterentwicklung zu gewährleisten.“
Leistungsschwächere Schüler in Schulen mit niedrigeren Anforderungen unterzubringen, könne keine Lösung sein. Dies führe dazu, dass sich alle Probleme in einer Schulform konzentrieren und dort kaum mehr zu lösen sein würden.

Bei der neuesten PISA-Studie konnte Deutschland im Vergleich zur letzten Erfassung etwas aufholen, dennoch könnten die Resultate noch weiter verbessert werden. Wie waren die Ergebnisse in der Türkei?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Die Ergebnisse für die Türkei liegen noch am unteren Ende der Leistungsskala. Die Türkei holt jedoch in beeindruckendem Tempo auf. In den Naturwissenschaften gibt es kein Land unter den OECD-Staaten, das größere Leistungsgewinne zu verzeichnen hat.

Worin unterscheiden sich die Schulsysteme in Deutschland und in der Türkei? Und worin unterscheiden sich beide im Vergleich zu Spitzenländern wie Korea oder Finnland?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Sowohl Deutschland als auch die Türkei haben relativ stark fragmentierte Bildungssysteme. In Deutschland liegen die Leistungsunterschiede im gegliederten Schulsystem begründet, in der Türkei in regionalen Unterschieden sowie sozialer Segregation zwischen öffentlichen und privaten Schulen. Beide Länder können von den leistungsstärksten Bildungsnationen viel lernen. Diese ersetzen Detailregulierung durch strategische Zielsetzungen, verknüpfen Lehrpläne, Standards und Rückmeldesysteme wirksam und schaffen Anreiz- und Unterstützungssysteme, die Lehrer motivieren, sich kreativ einzubringen und Verantwortung für Bildungsleistungen zu übernehmen. Sie antworten auf die verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexte der Schüler nicht mit institutioneller Fragmentierung und verschiedenen Schulformen, sondern mit einem konstruktiven und individuellen Umgang mit Vielfalt. Dazu nutzen sie Klassenarbeiten und Zensuren nicht in erster Linie zur Kontrolle, etwa um Leistungen zu zertifizieren oder den Zugang zu Bildungsangeboten zu rationieren, sondern sie schaffen motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen und mit denen Lernwege entwickelt, individualisieret und begleitet werden können. Schulen sind dort Lernorganisationen, in denen Lehrer voneinander und miteinander lernen, mit einem professionellen Management sowie einem Arbeitsumfeld, das sich durch mehr Differenzierung im Aufgabenbereich, bessere Karriereaussichten und Entwicklungsperspektiven, die Stärkung von Verbindungen zu anderen Berufsfeldern und mehr Verantwortung für Lernergebnisse auszeichnet.

Können Sie auch etwas dazu sagen, wie die türkischen Kinder in Deutschland im Vergleich mit den Kindern in der Türkei abgeschnitten haben?

Prof. Dr Andreas Schleicher: Die Leistungen türkischer Kinder in Deutschland liegen unter denen der 15-Jährigen in der Türkei, allerdings sind die Unterschiede nicht sehr groß.

In Deutschland ist der Einfluss des sozialen Umfeldes, etwa der berufliche Status der Eltern oder der Familientyp (Ein-Eltern-Familie vs. Zwei-Eltern-Familie) nach wie vor signifikant. Wie stark ist der Einfluss in der Türkei?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: In der Türkei ist der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf Bildungsleistungen deutlich schwächer ausgeprägt als in Deutschland, Bildungschancen sind also innerhalb des Bildungssystems gerechter verteilt. Allerdings sind fast 40 Prozent der türkischen Kinder im Alter von 15 Jahren nicht mehr regelmäßig in der Schule, hier hat die Türkei großen Nachholbedarf.

Haben Kinder aus einem benachteiligten Milieu vielleicht gar keine Chance? Oder wie können die schlechten Voraussetzungen überwunden werden?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Mit großer Leistungsbereitschaft. Da wird auch Eltern viel Engagement für die Bildung ihrer Kinder abverlangt.

Wie viel Schuld kann man den Schulen geben? Was kann oder muss geändert werden?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Erfolgreiche Bildungssysteme haben dazu klare und anspruchsvolle Leistungsziele, die für alle Schülergruppen gelten, einschließlich der Schüler mit Migrationshintergrund, und machen sich dann Gedanken, wie sie Lehrer und Schulen unterstützen können, um gute Unterrichtspraxis und berufliche Weiterentwicklung zu gewährleisten. Also die Frage ist nicht, wie wir den Horizont von Schülern aus ungünstigeren sozialen Verhältnissen möglichst schnell herunter nivellieren können, indem wir sie in Schulen mit niedrigen Anforderungen stecken, so wie wir das in Deutschland beobachten, sondern die Frage, wie wir sie so fördern können, dass sie möglichst schnell den Anschluss finden.

Wie viel Schuld trifft die Lehrer? Woran mangelt es in der Lehrerausbildung?

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Man kann sicher noch mehr tun, um pädagogische Elemente sowie den Praxisbezug vor allem in der ersten Ausbildungsphase zu stärken. Entscheidend wird aber sein, wie man Weiterbildung zu einem integralen Bestandteil der täglichen Arbeit der Lehrer manchen kann. Das hat ganz wesentlich mit den Anreiz- und Unterstützungssystemen zu tun, die Lehrer in ihrer täglichen Arbeit vorfinden. Es gibt hier viele hoch qualifizierte und motivierte Menschen, die ein Arbeitsumfeld brauchen, das Perspektiven für Entwicklung und Kreativität bietet.

Muss vielleicht das ganze Bildungssystem geändert werden? Die letzten Reformen scheinen alles eher schwieriger gemacht zu haben.

Prof. Dr. Andreas Schleicher: Ja, aber erfolgreiche Bildungssysteme sehen in den verschiedenen Interessen, Fähigkeiten und sozialen Kontexten der Schüler nicht in erster Linie das Problem, sondern legen den Schwerpunkt ihrer Anstrengungen darauf, wie sie das Potenzial, das in der Verschiedenheit der Schüler liegt, wirksam nutzen und einbringen können. Dazu konzentrieren sie die Schwierigkeiten nicht, wie in Deutschland, in einer Hauptschule, wo sie dann kaum noch zu lösen sind, sondern unterstützen Lehrern und Schulen dabei, auf diese Verschiedenheit konstruktiv einzugehen und Lernprozesse entsprechend zu individualisieren.

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