Wie Mastercard in die Historien-Falle tappte

Eigentlich sollte der große Fußball im Mittelpunkt stehen: Das Finale der Champions League im Mai 2005 lautete AC Milan gegen den FC Liverpool. Es fand in Istanbul statt. Allen ist in Erinnerung, dass das Ereignis erstaunlich friedlich verlief. Und so...

Eigentlich sollte der große Fußball im Mittelpunkt stehen: Das Finale der Champions League im Mai 2005 lautete AC Milan gegen den FC Liverpool. Es fand in Istanbul statt. Allen ist in Erinnerung, dass das Ereignis erstaunlich friedlich verlief. Und so glaubte auch der Hauptsponsor Mastercard, mit dem erfolgreichen Schutz seiner VIP-Gäste alles richtig gemacht zu haben. Allerdings hatten sich die Verantwortlichen zu früh gefreut. Unmittelbar nach der Fußball-Gala zitierte die größte Zeitung des Landes, „Zaman“, aus einem von Mastercard eigens für die angereisten Gäste produzierten Türkei-Führer. Darin wurde auch die Geschichte des Landes kurz gestreift – unter anderem mit einigen kritischen Passagen über die Türkisch-Kurdischen Beziehungen und die Tragödie der Armenier im Jahr 1915.

Die Veröffentlichung löste einen wahren Proteststurm aus. Es hagelte Aufrufe zum Boykott von Mastercard. Der Governeur von Istanbul drohte mit unnachgiebiger Verfolgung, sollte sich herausstellen, dass hier eine „Straftat“ begangen worden sei. Vor allem aber gab es etliche anonyme Todesdrohungen gegen die türkische Managerin von Mastercard, Ozlem Imece. Außerdem drohten mehrere nationalistische Organisationen mit Protestaktionen gegen das Mastercard-Büro in Istanbul. Dieses musste daraufhin geschlossen werden.
Es stellte sich heraus, dass Mastercard den Führer nicht selbst geschrieben hatte. Das Büchlein war vom bekannten alternativen Reiseführer „Lonely Planet“ produziert worden, die inkriminierten Texte stammten von einem britischen Lonely Planet Journalisten, der in Istanbul lebt. Mastercard war von der Heftigkeit der Reaktionen sichtlich überrascht und versuchte sich in „Schadensbegrenzung“, wie die US-Botschaft nach Washington kabelte. Zuerst versuchte Mastercard, die Schuld auf Lonely Planet zu schieben. Man habe den Reiseführer-Verlag aufgefordert, die „irrigen Passagen“ zu entfernen. Als dies den öffentlichen Aufruhr nicht dämpfte, entschuldigte sich die Managerin öffentlich und sagte, dass sie von einigen Teilen des Textes nichts gewusst habe und „tief schockiert“ sei.
Die US-Diplomaten bezeichneten die Thematisierung der historischen Themen im Kontext eines Sportereignisses als „schweren Fehler“ (serious mistake). Die gereizte Reaktion der Öffentlichkeit zeige jedoch auch, welche Gereiztheit und Sensibilität im öffentlichen Diskurs der Türkei nach der EU-Entscheidung vom Vorjahr herrsche, mit welcher die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beschlossen worden war.

Das Finale gewann damals übrigens Liverpool nach einer dramatischen Aufholjagd (von 0:3 auf 3:3) im Elfmeterschießen, für die Engländer verwandelte unter anderem der Deutsche Didi Hamann.
Im Zug der aktuellen Diskussion um Wikileaks hatte Mastercard die Konten von Wikileaks gesperrt, woraufhin die Websites des Kreditkartenunternehmens von Hackerangriffen stundenlang lahmgelegt worden waren.

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