„Wo der Spieler sein Herz hat, sollte er auch spielen“

Frank Engel, U15-Nationalcoach der deutschen Fussballnationalmannschaft, erklärt im Interview, warum deutsch-türkische Nachwuchsspieler für die türkische Nationalmannschaft attraktiv sind.

Haben in Deutschland ausgebildete türkische Spieler ihren in der Türkei ausgebildeten Landsleuten etwas voraus? Warum sind in Deutschland ausgebildete türkische Spieler in der Türkei so begehrt?

Frank Engel: Ja. Deutschland hat hervorragende Ausbildungsstrukturen, die durch systematische und kontinuierliche Ausbildungsinhalte gekennzeichnet sind. Gepaart mit Disziplin und Zielstrebigkeit sowie dem entsprechenden Wettkampfsystem sind beste Voraussetzungen gegeben. Das wissen auch die türkischen Trainerkollegen.

Sind Sie der Meinung, dass man türkische Spieler anders ausbilden muss als deutsche? Und wenn ja, wie?

Frank Engel: Nein, Ausbildungsinhalte sollten überall altersgerecht und langfristig sein. Unterschiedliche Mentalitäten sind dabei zwar zu berücksichtigen, aber weniger inhaltlich sondern vor allem im Coaching.

Mehmet Ekici vom Bundesligisten 1. FC Nürnberg hat sich nach drei Einsätzen in der deutschen U-21-Nationalmannschaft entschieden, für die Türkei zu spielen. Befürchten Sie, dass Ihnen türkische Nationaltrainer die besten Talente abwerben, die in den deutschen Auswahlmannschaften herangereift sind?

Frank Engel: Das kann schon passieren, aber es sollte immer die persönliche Entscheidung des Spielers sein. Dort „wo der Spieler sein Herz hat und sich mehr hingezogen fühlt“, sollte er auch spielen. Natürlich wird jeder Spieler auch seine Möglichkeiten abwägen, wo seine Einsatzchance, A-Nationalspieler zu werden, größer ist.

Wie beurteilen Sie die vor zwei Jahren stattgefundene Änderung der FIFA-Statuten, welche es Spielern erlaubt, ohne Altersbeschränkung für ein anderes Land aufzulaufen, sofern sie noch nicht in einer A-Mannschaft gespielt haben?

Frank Engel: Das ist o.k. Wir leben in einer freien Gesellschaft und in einer modernen Zeit.

Sollte die FIFA Ihrer Meinung nach die alte Regel wieder einführen, nach der man sich bis zum Alter von 21 entscheiden musste, für welches Land man auflaufen möchte?

Frank Engel: Nein.

Nicht wenige sehen die Gefahr, dass sich so etwas wie ein Transfermarkt für Nationalspieler entwickeln könnte, d.h. dass ein Wechsel mit Prämien oder diversen anderen Vergünstigungen für den Spieler verbunden sein könnte. Sehen Sie diese Gefahr auch? Ist das schon längst Realität?

Frank Engel: Das ist der modernen, freien Gesellschaft geschuldet, wo leider Werte wie Vereinstreue und Zuverlässigkeit nicht mehr so zählen und jeder sehen muss, wie er seine private Existenz bestmöglich absichern kann. Das ist aber nicht verwerflich (sondern menschlich verständlich), da der Spieler mit dem Status Nationalspieler seinen Marktwert erhöht und auch seinen gesellschaftlichen Stellenwert.

Auch andere Länder haben Probleme mit Spielern, die aus der Nationalmannschaft abwandern. Frankreichs Trainer Laurent Blanc etwa hat diese Praxis mit den Worten, „ich finde es bedauerlich, wenn man seine nationale Identität an Kriterien wie Karriere oder Weiterkommen festmacht“, scharf kritisiert. Wie ist ihre Meinung dazu?

Frank Engel: Diese Meinung teile ich, aber man sollte den Spieler entscheiden lassen, für welche Nationalität er spielen möchte. Dabei erwarte ich, dass er sich dann völlig mit der Nation identifiziert. Gerade in Frankreich spielen viele Spieler mit Migrationshintergrund.

Spieler mit doppelten Staatsbürgerschaften haben oft eine größere Chance, in Nationalmannschaften kleinerer Länder zu spielen als in Deutschland. Als Nationalspieler erhöht sich zugleich ihr Marktwert. Können Sie nachvollziehen, wenn es Einige als anrüchig empfinden, die Nationalelf als Karrieremittel zu benutzen?

Frank Engel: Nationalmannschaft ist nicht unbedingt ein Karrieremittel, sondern hat auch einen hohen moralischen Wert. Wenn ein Spieler das Gefühl hat, in dem „größeren Land“ keine Auswahlchance zu haben, kann er meinetwegen im „kleineren Land“ für die Nationalmannschaft auflaufen.

Ist es ein gutes Beispiel für Integration, wenn Levin Öztunali, der Enkel von Fußball-Legende Uwe Seeler, für die deutsche U 15-Auswahlmannschaft spielt?

Frank Engel: Ja, mit Sicherheit. Levin ist hier geboren und aufgewachsen, hat eine deutsche Mutter. Warum soll er da nicht für Deutschland spielen.

Wo werden in Zukunft die besseren Fußballtalente herkommen, aus der Türkei oder aus Deutschland? Und warum?

Frank Engel: Gute Fußballtalente gibt es überall. Die Frage ist, wo sie besser ausgebildet werden. In Deutschland.

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