Es flogen Argumente und Eier

Oft hilft es, bei jedem Wetter einen Regenschirm dabei zu haben. Zumindest, wenn man als türkischer Politiker einen Auftritt an der Universität Ankara plant.

Es waren Szenen die an längst vergangene Zeiten an deutschen Universitäten Ende der 60er Jahre erinnerten. Ein überfüllter Hörsaal, wütende Studenten und Studentinnen und auf dem Podium zwei Politiker, die sich Gehör verschaffen wollen. Während der Generalsekretär der oppositionellen CHP Süheyl Batum vergeblich versucht, gegen ein Pfeifkonzert anzukommen und dann entnervt den Saal verlässt, bleibt sein Kollege von der regierenden AKP, Burhan Kuzu, am Podium. Als er gerade seine Rede beginnen will, fliegen die ersten Eier aus den Reihen der Studenten auf den Politiker. Kuzu duckt sich hinter das Pult, seine Bodyguards haben Regenschirme mitgebracht, mit denen sie dann verzweifelt versuchen, den Eierregen abzuwehren.  Die Veranstaltung endet im Tumult, als schließlich Pfefferspray sprühende Polizisten den Saal stürmen.

Der Eierwurf-Skandal, wie der Vorfall an der Politischen Fakultät der Universität Ankara in den türkischen Medien genannt wird, kam jedoch nicht aus heiterem Himmel. Davon zeugten schon die mitgebrachten Regenschirme der Bodyguards. Tatsächlich konnten weder Süheyl Batum von der CHP und erst recht nicht der Verfassungsrechtler der AKP, Burhan Kuzu, damit rechnen, in diesen Tagen einen „normalen“ Vortrag an der Universität halten zu können. Die Stimmung unter den Studenten ist seit langem extrem schlecht und seit Anfang Dezember ist sie vollends im Keller.

Am 4. Dezember traf Ministerpräsident Tayyip Erdogan sich an seinem Istanbuler Amtssitz im Dolmabahce  Palast mit dem obersten Rat der Universitäten (YÖK), einem Gremium von Rektoren, das im Auftrag des Staatspräsidenten Forschung und Lehre in der Türkei überwacht. Einige tausend Studenten hatten sich vor den Toren von Dolmabahce versammelt und forderten ihr Recht ein, ebenfalls zur Situation an den Universitäten gehört zu werden. Als Antwort schickte der Ministerpräsident die Polizei, die mit brutaler Härte gegen die Studenten vorging. Etliche wurden verletzt, eine schwangere Studentin wurde so hart in den Bauch geschlagen, dass sie ihr Kind verlor.

Seitdem herrscht an vielen Universitäten der Türkei der Ausnahmezustand. An allen großen Universitäten wurde Polizei stationiert, wer den Campus betreten will, muss sich zuerst von der Polizei durchsuchen lassen. Während die Regierung linke Organisationen für die Proteste verantwortlich macht  und von „linkem Faschismus“ spricht, wird in den Medien breit über die Situation der Studenten diskutiert.

Alpaslan Isikli, Vorsitzender des Akademiker Verbandes, verweist vor allem auf die schlechte soziale Situation der Studenten. „Die Studiengebühren sind zu hoch“, sagte er in einer TV-Debatte im Sender NTV, „die Studenten haben das Gefühl die Universitäten würden zunehmend kommerzialisiert. Außerdem habe die meisten nur sehr schlechte Aussichten, nach dem Studium einen Job zu bekommen“.

Auch der ehemalige Rektor der Technischen Universität in Ankara, Ural Akbulut, sagte, die Auseinandersetzungen an den Universitäten seien typische Anzeichen ökonomischer Probleme. Ein paar Eierwürfe solle man nun nicht kriminalisieren.

Viele Studenten bestehen allerdings darauf, dass es nicht nur um soziale Probleme geht. Etliche befürchten, dass die herrschende konservative, islamische Weltsicht der Regierung sich an den Universitäten ausbreitet. Nachdem der „Hohe Rektorenrat“ YÖK im Oktober die Erlaubnis gab, dass nun auch Studentinnen mit Kopftuch die Universitäten besuchen können, kam es bereits mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen säkularen und islamischen Studentengruppen. Viele Studenten sind enttäuscht, dass die AKP entgegen ihren früheren Beteuerungen den Hochschulrat YÖK, den ursprünglich die Militärs nach dem Putsch 1980 zur Disziplinierung der Universitäten  eingeführt hatten, nun doch nicht abschaffen will, sondern stattdessen lediglich mit ihrer Partei nahestehenden Personen besetzt. Sie fordern stattdessen die Rückkehr zur Autonomie der Universitäten, wie sie vor dem Putsch 1980 bestanden hat.

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.