Türkische Gründer wandern ab

Die jungen Türken finden das Land am Bosporus attraktiver als das einstige Traumziel Deutschland. Bülent Tulay, Vorsitzender der deutsch-türkischen Wirtschaftvereinigung, sieht einen kritischen Trend, und erwartet, dass sich auch die deutschen Wirtschaftslobby-Verbände entsprechend ändern und türkische Unternehmer als vollwertige Leistungsträger anerkennen.

Tulay, der von München aus Unternehmen in den Branchen HR, Energie und Kommunikation betreibt, glaubt, dass sich der Abwanderungs-Trend bei gut qualifizierten Deutsch-Türken negativ auf die nächste türkische Gründer-Generation auswirken könnte. Zwei Gründe für diese Entwicklung nennt der Vorsitzende der deutsch-türkischen Wirtschaftsvereinigung im Interview mit den Deutschen Mittelstands Nachrichten: der Wirtschaftsboom in der Türkei und die Diskriminierung in Deutschland. So würden vor allem junge Akademi­ker  Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Circa 40.000 ausgewanderten Türken und türkischstäm­migen Deutschen  hätten im vergangenen Jahr nur circa 30.000 in die Bundesrepublik eingewanderte Türken gegenüber gestanden. Viele der gut ausgebildeten Türken fühlten sich in Deutschland benachteiligt, ihre gute Qualifizierung würde allzu oft nicht in die erwarteten guten Arbeitsplätze einmünden, bemängelt Tulay.

Auf die Frage, wo sich die türkischen Mittel­ständler im Gefüge der deutschen Wirtschaft sehen, sagte Tulay: „Eines ist klar: es kann keine sepa­raten migrantenspezifischen Wirt­schaftsinteressen geben.“ Die Türken in Deutschland  seien vor allem im Dienstleistungs­sektor tätig. Daher hätten sie ein vitales Interesse an einer erfolgreichen und exportorientierten deutschen Wirtschaft. Als Dienstleister wären viele türkische Unternehmen als erste von einer ngativen Entwicklung in Deutschland betroffen, sagte Tulay.

Tulay kritisiert in diesem Zusammenhang die Abschottung der deutschen Wirtschafts-Lobbyisten: „Der deutsche Mittelstand ist sehr unzugänglich, undurchläs­sig“, kritisiert Tulay. Dies gelte auch für die großen Organisationen wie den BDI oder die Mittelstandsverbände. Tulay verlangt deshalb eine Öffnung dieser Organisationen, „und zwar nicht, damit jetzt jeder seine Quote erfüllt und den Vorzeigetürken irgendwo sitzen hat, sondern um eine ernst­hafte Öffnung hin zu den deutsch-türkischen Unternehmen zu erreichen“. Schließlich würden dringend Vorbilder zur Orientierung für die nächste Gründer-Generation gebraucht.

Immerhin: der Trend jener Türken, dioe sich in Deutschland selbständig machen, zeigt nach oben. Seit 1987 ist die Zahl der Selbständigen in Deutschland im Fünf-Jahres-Rhythmus um durchschnittlich ca. 10.000, von 2002 auf 2007 sogar um 13.500 auf insgesamt 70.300 gestiegen.

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Mittelstands Nachrichten

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Als Vorsitzender der deusch-türkischen Wirtschaftvereinigung und als Unternehmen – welchen Eindruck macht die Sarrazin-Debatte auf Sie?

Tulay: Ich sehe in dieser Debatte nichts Neues. Sarrazin enttabuisiert nichts, er bedient vorhandene Stimmungen. Seite den 80er Jahren hat es mindestens 30 Landtagswahlen gegeben, in denen das Migrantenthema eine Rolle gespielt hat.

Woran liegt es, dass dieses Thema immer wieder hochkocht?

Das liegt nicht zuletzt an den Erhebungsmethoden, die  gesamtgesellschaftliche Probleme auf ethnische Differenzierungen reduzieren. Tatsächlich müssten wir Milieustudien machen. Bei denen gibt es nämlich das unerfreuliche Ergebnis, dass es ein immer größer werdendes   Prekariat in Deutschland gibt. Und zwar unabhängig von der ethnisch-konfessionellen Zugehörigkeit. Das ist auch der Hauptvorwurf, den man Sarrazin machen muß: Er lenkt von den gesamtgesellschaftlichen Problemen ab. Diese bestehen darin, dass es tatsächlich Verelendung in erheblichen Maß gibt, Formen der Langzeitarbeitslosigkeit, die nicht mehr mit traditionellen Maßnahmen verschwinden werden, bis hin zu einer Art Weitergabe der Armut an die nächste Generation.

Diese Probleme werden bei den Migranten durch gruppenspezifische Eigenheiten extrapoliert. Ein weiteres Problem ist m.E., -das ist eine Sondersituation in Berlin-  dass in Berlin besonders viele „geschlossene Gesellschaften“ eingewandert sind. Ganze Klans, die den Einzelnen ein „Ankommen“ in der Mainstream- Gesellschaft verhindern. Und unter dem Rückzug der Industrie aus Berlin leiden die ehemaligen mehrheitlich in den großen Produktionsbetrieben beschäftigten Migranten besonders.

Wie wirkt sich die Debatte auf die türkischen Mittelständler aus?

Man macht nur mit Freuden Geschäfte. Insoweit ist alles, was die Beziehungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen stört, schädlich. Ganz gewiss ist die Meinung von Herrn Sarrazin keine Minderheiten-Position. Aber man muss doch sehen, dass wir in einer vernetzten, globalisierten Wirtschaft leben. Jeder handelt heute mit jedem, unsere Probleme können nicht mit Ausgrenzung und Diffamierung gelöst werden. Abgesehen davon bringt es nichts, wenn sich einer über den anderen erhebt.

Wo sehen sich die türkischen Mittelständler im Gefüge der deutschen Wirtschaft?

Eines ist klar: es kann keine separaten migrantenspezifischen Wirtschaftinteressen geben. Wir können und wollen unsere Wirtschaft nicht von der deutschen entkoppeln, mehr noch: Wir wollen auch, dass es Frankreich als unser größter Exportmarkt gut geht. Und besonders wollen wir, dass es den Amerikanern gut geht. Wir beobachten mit Sorge die Entwicklung in den USA. Denn die Türken in Deutschland sind vor allem im Dienstleistungssektor tätig. Wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht ausreichend exportieren kann, dann werden unsere Dienstleister sehr bald darunter leiden. Das kann nicht in unserem Interesse sein, daher sind wir an der bestmöglichen Entwicklung der deutschen Wirtschaft interessiert.

Herr Sarrazin hat die Türken ja schon im Vorfeld diskriminiert, indem er sagte, sie seien vor allem Obsthändler ….

Dank dieser Obsthändler haben die Menschen in Deutschland mit einer bisher unbekanten Vielfalt von Obst und Gemüse die Bekanntschaft gemacht. Gesund ist es auch. Insofern ist es ein sehr erfreulicher Beitrag der Türken. Allerdings ist um diesen deutsch-türkischen Lebensmittelhandel  eine beachtliche türkische Großhandelsszene entstanden. Hier in unserem unmittelbaren Umfeld (die Münchener Innenstadt, Anm. d. Red.) machen die Obst-Gemüse- und Fleischhändler 250 Millionen Euro Jahresumsatz. Das haben all die geschafft, die vor 50 Jahren als Gastarbeiter in dieses Land gekommen sind.

Dennoch gibt es mehr als nur die Gemüsehändler….

Man kann sagen, dass die deutsch-türkischen Unternehmen und Freiberufler  in praktisch allen Branchen vertreten sind. In der Regel überwiegen allerdings  Mikro-Unternehmen, die 1-9 Mitarbeiter beschäftigen. Für die nächste türkische Gründer-Generation brauchen wir junge und gut qualifizierte Akteure. Hier machen wir uns allerdings langsam etwas  Sorgen, da bei den gut qualifizierten Deutsch-Türken  der Abwanderungstrend zunimmt. Ursächlich dafür sind der Wirtschafsboom in der Türkei und die Diskriminierung in Deutschland. Die große Mehrheit der Auswanderer sind junge Akademiker, die Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen den Rücken kehren. Ca. 40.000 Türken und türkischstämmige Deutsche wanderten im vergangenen Jahr  in die Türkei ab. Das sind 10.000 mehr als umgekehrt in die Bundesrepublik kamen.

Warum fühlen sich gut ausgebildete Türken in Deutschland offenbar nicht wohl?

Die türkischen Eliten sind noch nicht im deutschen Bürgertum angekommen. Die Zirkel der westdeutschen bürgerlichen Erbengeneration sind dicht geschlossen. Sie sind nicht durchlässig genug und haben geringen Aufnahmewillen. Da bleiben auch die jungen gut qualifizierten Deutsch- Türken als Kinder der ehemaligen Gastarbeiter oft Außenseiter. Ihre gute Qualifizierung mündet nicht in die erwarteten guten Arbeitsplätze ein.

Trifft das auch auf die Integration der türkischen Wirtschaft in die deutsche Wirtschaft zu?

Der deutsche Mittelstand ist sehr unzugänglich, undurchlässig. Das gilt auch für die großen Organisationen wie den BDI oder all die Mittelstandsverbände. Die müssen sich öffnen, Und zwar nicht, damit jetzt jeder seine Quote erfüllt und den Vorzeigetürken irgendwo sitzen hat, sondern eine ernsthafte Öffnung hin zu den deutsch-türkischen Unternehmen. Das ist auch deswegen so wichtig, weil wir Vorbilder brauchen, Unternehmer, an denen sich die nächste Gründer-Generation orientieren kann.

Wo sehen Sie den türkischen Mittelstand in den nächsten Jahren in Deutschland?

Die OECD hat ermittelt, dass es in Europa im Jahr 2050 zwei große Volkswirtschaften geben wird – die deutsche und die türkische. Aufgrund dieser Tatsache gehen wir davon aus, dass auch die deutsch-türkischen Handelsbeziehungen enorm zunehmen werden. Bilateral. Aber auch in Deutschland, da die Deutsch-Türken hier eine wichtige Brückenrolle einnehmen werden. Wir erwarten eine ordentliche Zunahme der Unternehmensgründungen, vor allen Dingen in IT- Logistik- und  Industriedistribution – Segmenten. Diese Betriebe werden allerdings nicht mehr ein Bestandteil der Migration sein, sondern eher in der „Ankunftskultur“ stehen. Zugleich erwarten wir, dass diese neuen Betriebe bestimmte Standards annehmen werden. Der relativ verbreitete niedrige Organisationsgrad des gegenwärtigen türkischen Mittelstandes in Deutschland  wird  in diesen Betrieben nicht mehr an der Tagsordnung stehen. Ja, eine gute Buchhaltung führt zur Steuerehrlichkeit. Auch hier erwarten wir positive Entwicklung. Und nicht zuletzt bei dem Thema „ Unternehmensnachfolge“ gehen wir davon aus, dass künftig sehr viele traditionelle deutsche Mittelstandsbetriebe (wohl ohne Änderung der eingeführten Firmierung) von Deutsch-Türken geführt werden.

Wird die Türkei Teil der EU sein, und muß sie das überhaupt?

Als wir unser Beitrittsansuchen gestellt haben, wollten wir dem Europa der 6 beitreten. Heute haben wir ein Europa der 27. Das ist nicht mehr dieselbe EU, der wir beitreten wollten. Dennoch glaube ich, dass es für die Türkei gut wäre beizutreten. Allerdings, und das muss klar sein, nur als Vollmitglied mit allen Rechten und Pflichten.

Braucht Europa die Türkei mehr als die Türkei Europa?

Ich halte nichts von solchen Gegenüberstellungen. Tatsache ist, dass die EU mit der Türkei eine eurasische Dimension bekommen wird. Nachdem sich die Weltwirtschaftsachse deutlich in Richtung Eurasien dreht, wäre es für alle Beteiligten gut, eine EU mit einem Vollmitglied Türkei zu haben.

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