Europa und die Türkei: Der Flirt könnte schon wieder vorüber sein

Schließt sich ein Mondfenster? War die Idee von einem um die Türkei erweiterten Europa nur ein Traum, geträumt während eines friedenstrunkenen Sekundenschlafs der Geschichte? Die Zeichen stehen nicht gut: Europa hat große Probleme mit sich selbst. Neben dem wirtschaftlichen Ungleichgewicht...

Schließt sich ein Mondfenster? War die Idee von einem um die Türkei erweiterten Europa nur ein Traum, geträumt während eines friedenstrunkenen Sekundenschlafs der Geschichte? Die Zeichen stehen nicht gut: Europa hat große Probleme mit sich selbst. Neben dem wirtschaftlichen Ungleichgewicht hört man in Brüssel immer öfter Stimmen, die auf die unbedachte Integration von Bulgarien und Rumänien verweisen: Korruption ohne Ende und andere post-kommunistische Beharrungsphänomene zeigen, dass der gute Wille allein nicht reicht. Und jetzt auch noch die Türkei?

Auch in der Türkei selbst macht sich Ernüchterung breit. (Siehe den aufrüttelnden Beitrag von Orhan Pamuk). Dies wurde mir neulich in Istanbul klar, als bei einem Treffen mit Schriftstellern und Publizisten diese aus ihrer Frustration kein Hehl machten. Das Niveau, auf dem die Debatte vor allem von Frankreich und Deutschland geführt werde, sei „primitiv“. Sarkozy finden die Intellektuellen in diesem Zusammenhang „unmöglich“, von Angela Merkel hätten sie sich mehr erwartet. Das Fazit: Die Türken wissen, dass sie zehn Jahre warten müssen, bis es wirklich zum Beitritt kommt. Aber wenn bis dahin nicht eine gewisse Ernsthaftigkeit in die Gespräche komme, dann hätte das Projekt keine Aussicht auf Realisierung.

Eine Kolumnistin der Tageszeitung „Zaman“ sieht die Gespräche zwischen der Türkei und der EU gar schon „in den letzten Zügen“: Die Türkei beschwere sich über die unfaire Behandlung, während die EU der Türkei mangelnden Reformwillen vorwerfe. Der Zypern-Streit drohe sich zu einem Teufelskreis immer neuer gegenseitiger Beschuldigungen auszuwachsen – ein gordischer Knoten, kaum zu durchschlagen. So sieht die Kommentatorin jetzt schon die Verhandlungen am Scheideweg: Beide Seiten müssten sich bewegen.

Wir haben in Europa schon mehrmals gesehen, dass es anders als erwartet kommt. Zuletzt war dies öfter mit positivem Beigeschmack – wie etwa dem Fall der Berliner Mauer. Es muss aber nicht immer eine Wende zum Guten sein: Das Momentum kann verloren gehen, und die geopolitische Schwerkraft könnte die Türkei anderswohin ziehen. Deutschland kann das gar nicht egal sein: Mit einer starken türkischen Volksgruppe im eigenen Land, ist eine Teilnahme der Türkei an den europäischen Spielregeln für Deutschland eine Frage des genuinen nationalen ­Interesses.

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