Muslime mit Weihnachtsbäumen?

Wundern Sie sich, wenn Sie Muslime sehen, die in Neukölln einen Weihnachtsbaum kaufen? Viele Familien legen sich einen Weihnachtsbaum zu, damit ihre Kinder mit ihren Freunden Weihnachten feiern können und nicht leer ausgehen. Denn es ist für die Kinder nicht...

Wundern Sie sich, wenn Sie Muslime sehen, die in Neukölln einen Weihnachtsbaum kaufen? Viele Familien legen sich einen Weihnachtsbaum zu, damit ihre Kinder mit ihren Freunden Weihnachten feiern können und nicht leer ausgehen. Denn es ist für die Kinder nicht ganz einfach, wenn alle anderen beschenkt werden und sie nicht. Dies ist zwar kein Massenphänomen. Aber auch andere Weihnachtsbräuche sind sehr beliebt: Gebrannte Mandeln etwa sind bei viele Muslimen sehr gefragt. Es gab noch nie so viele kulturelle Verschmelzungen wie heute – Tendenz steigend!

Die Dynamik der Globalisierung sowie die neuen Kommunikations- und Transporttechnologien bewirken einen tiefgreifenden Wandel sozialer Realitäten. Territorial gebundene kulturelle homogene Identitäten werden immer seltener. Wir sehen, dass Migranten die Fähigkeit entwickeln, zwischen bisher unverbundenen Welten eine Verbindung herzustellen. Identität kann daher als ein Prozess und nicht als unveränderlich verstanden werden.

Migranten bewegen sich ständig in mehr als einer Gesellschaft. Ihre Erfahrungen überschreiten traditionelle nationale und kulturelle Grenzen. Sie kommen woanders her, sie sind von „dort“ und von „hier“, leben innerhalb und außerhalb der Gesellschaft. Sie erleben in verschiedenen nationalen Zusammenhängen Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Die türkischen Migranten zum Beispiel werden hier als Türken gesehen und in der Türkei als Deutsche. Genau das ist ihre Realität. Sie sind weder deutsch noch türkisch. Sie sind beides ein wenig und keins von beidem ganz. Sie wechseln von einer Identifikationsmöglichkeit zur anderen, meistern die Navigation zwischen den Kulturen, verschmelzen sie. Genau aus diesem Grund werden diese Identitäten in der sozialwissenschaftlichen Forschung als hybrid bezeichnet. Hybrid insofern, als ihnen nicht eine Kultur zugrunde liegt, sondern weil sie Elemente der Herkunfts- und der Ankunftsregion aufnehmen und zu etwas Eigenem und Neuem transformieren – jeder auf seine eigene Art und Weise. Hybride Identität bedeutet, dass ein Mensch sich zwei oder mehreren kulturellen Räumen gleichermaßen zugehörig fühlt und dadurch etwas neues entsteht.

Tagtäglich gibt es hunderte von Situationen, in denen die Migranten zwischen den Kulturen hin und her „switchen“. Sie wählen ständig zwischen Alternativen. Meist ist es für sie nicht möglich zu beurteilen, ob dies nun deutsch oder türkisch ist. Das ist auch nicht ganz einfach und erfordert interkulturelle Kompetenzen und Selbstvertrauen. Andernfalls kann eine hybride Identität im ständigen inneren Kulturkampf enden. Sie kann zur Identitätslosigkeit führen. So kann eine Generation heranwachsen, die nicht weiß, wohin sie gehört und was sie will. Sie kann aber auch viel Potenzial entfalten. Eine Generation kann sich herausbilden, die sowohl hier als auch dort heimisch ist, die aus dem Anderssein ihre Stärke schöpft. Menschen mit Migrationshintergrund sind daher Experten der Vermittlung zwischen den Kulturen, die eine Nation bereichern können, wenn diese bereit ist, sich darauf einzulassen.

Ercan Karakoyun

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