Das letzte Wort hat der Mann

Bochum. Männer mit Migrationshintergrund sind Machos, so die landläufige Meinung. Mit Religiosität hat das nichts zu tun. Eher mit Diskriminierung und mangelnder Bildung,sagt ein Dortmunder Professor.

Bochum. Männer mit Migrationshintergrund sind Machos, so die landläufige Meinung. Mit Religiosität hat das nichts zu tun. Eher mit Diskriminierung und mangelnder Bildung,sagt ein Dortmunder Professor.

Da sitzen sie nun, höflich, beinahe brav, im Jugendzentrum in Dahlhausen. Emre (16), der aufs Berufskolleg geht; Cihan (15), der Realschüler; Ali (19), Zivi im Augusta-Krankenhaus, und Erkan (18), einst Hauptschüler, jetzt Abiturient. Die Jungs haben Migrationshintergrund. Männlich und Muslime: Folgt man der Integrationsdebatte, wie sie derzeit geführt wird, müssten sie Machos sein, durch und durch. Und damit auch: Frauenverachter, Ärgersucher, In­tegrationsverweigerer. Die Sorte Halbstarker, die mit gegelten Haaren vor den Fast-Food-Filialen des Reviers herumlümmeln, mit Sprüchen wie „Was guckst du, bin isch Kino oder was?“ Gleichaltrige nervös machen, ihre Freundin „Ey, Alte“ ansprechen und Komikern wie Kaya Yanar zu Gags verhelfen.

Das schwache Geschlecht

Also: „Seid ihr Machos?“ Große Augen. „Nicht wirklich“, traut sich Emre zu sagen. Cihan gibt sich schlagfertiger: „Das kommt darauf an, was man darunter versteht.“ Fragen wir ein Lexikon. Dort steht: „Machismo (von span. macho >männlich<), besonders in den lateinamerikan. Ländern verbreitetes gesellschaftl. Leitbild, das von der Dominanz des Mannes, männl. Stärke, Überlegenheit und Geschlechtskraft geprägt und meist mit einer Geringschätzung der Frau verbunden ist.“

Das Lexikon ist alt, es geht noch nicht um Türken. Fragen wir also einen Experten. Professor Ahmet Toprak lehrt und forscht an der Uni Dortmund. Männer mit Migrationshintergrund sind sein Spezialgebiet. Toprak hat zehn Jahre lang mit gewalttätigen Jungs gearbeitet und Bücher geschrieben wie „Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer“. Für ihn ist Machismo in erster Linie eine Verteidigungsstrategie. „So versuchen sie, ihre persönlichen Misserfolge zu überspielen“, sagt der Erziehungswissenschaftler. Mit besonderer Religiosität, wie häufig behauptet, habe dies nichts zu tun. Vielmehr käme der Rückzug in traditionelle Verhaltensweisen „häufig auch aus dem Gefühl heraus, falsch behandelt zu werden“. Diskriminierungserfahrungen, gepaart mit schlechten Schulnoten und der Unfähigkeit, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, machen den Weg frei für ein Gehabe, an dem sich dann Erzieher, Lehrer und Polizisten die Zähne ausbeißen. Für Toprak immer eine Schicht- und Milieufrage: „Bei Bildungsaffinen spielt das keine Rolle.“

Die Jungs im Jugendzentrum gehören bildungstechnisch zu den Aufsteigern. Sie haben selber Vorurteile. „Ein Macho ist einer, der auffallen möchte“, sagt Emre. „Das ist ein Draufgänger“, sagt Erkan, „einer, der sich in den Vordergrund stellen und Weiber anbaggern möchte.“ So wollen sie alle nicht sein. Dann lieber wie der Papa werden. „Mein Vater ist nicht der klischeehafte türkische Mann“, sagt Emre. „Er geht nicht Karten zocken, sondern sitzt den ganzen Abend mit meiner Mutter vor dem Fernseher.“

Männer und Frauen haben gleich viel zu sagen

Dennoch sind sie sich einig: Autoritär muss man als Mann schon sein. Und sagen, wo’s lang geht. „Ich würde mit meiner Frau Kompromisse suchen“, sagt Ali, „aber im Endeffekt müsste ich die Sache in die Hand nehmen.“ Emre stimmt zu: „Männer und Frauen haben gleich viel zu sagen, aber das letzte Wort hat der Mann.“

Ahmet Aygün ist Sozialpädagoge in dem Dahlhausener Jugendzentrum, das in Trägerschaft des multikulturellen Vereins Ifak eine wichtige Anlaufstelle in dem von Migration geprägten Stadtteil ist. Fast sieben Prozent der 13 115 Einwohner Dahlhausens sind ausländisch, die Eingebürgerten nicht mitgerechnet. „Wenn man über Integration spricht“, sagt Aygün, „dann muss man auch immer über Stadtentwicklung sprechen.“ Migranten und ihre Kinder seien an die Ränder der Stadt gedrängt worden. Hier blieben sie unter sich, lebten ihre Herkunftskultur – konserviert wie zum Zeitpunkt ihrer Einwanderung. Deshalb würden den Mädchen und Jungen hier Verhaltensweisen vorgelebt, die selbst in den zumeist ländlichen Herkunftsgegenden längst überholt sein dürften.

Arbeiten, heiraten, Kinder kriegen

„Die Jugendlichen wollen die Kulturen verbinden“, beobachtet Aygün. „Wenn sie es nicht schaffen, wenden sie sich ihrer Herkunftskultur zu.“ Dabei laste ein hoher sozialer Druck auf den männlichen Mitgliedern der türkischen Community: „arbeiten, heiraten, Kinder kriegen.“ Die meisten schaffen es jedoch nur bis zur Hauptschule. Danach schreiben sie Bewerbungen, auf die sie keine Antworten erhalten. Diese „Unterschicht der Minderheit“, wie sie Ahmet Aygün nennt, ist weit entfernt vom Männlichkeitsideal, versucht sich jedoch in der Überbetonung des eigenen Geschlechts ein letztes bisschen Aufmerksamkeit zu sichern – und zumindest im Kiez den Respekt zu bekommen, den es sonst nirgendwo für sie gibt.

Emre, Cihan, Ali und Erkan versuchen den Spagat. Sie wollen nicht alles wie ihre Eltern machen, nicht so früh heiraten und Kinder kriegen, lieber ein Studium schaffen als eine Ausbildung. Und dennoch soll einiges so bleiben, wie sie es gelernt haben: Die älteren Geschwister sollen auf die jüngeren aufpassen, besonders auf die Mädchen, und die zukünftige Frau ist im Idealfall Türkin – und Muslimin. Auch beim Thema Jungfräulichkeit zeigen sie sich traditionell. „Ich würde lieber eine Frau heiraten, die keinen Sex hatte“, sagt Cihan. „In diesem Punkt bin ich halt der Meinung meiner Herkunftskultur.“

Auf die Frage, ob sie denn auch selbst bis zur Ehe keusch bleiben wollen, drucksen sie herum. Also doch: Machos?

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