“Dem ‘Biodeutschen’ eine Chance geben”

Seit zwei Jahren betreibt Ekrem Senol die Plattform „MiGAZIN“. Er will Themen, die nicht im Mainstream ankommen oder dort nur verzerrt dargestellt werden, bedienen und dabei auch perspektivisch neue Wege gehen. Oberstes Ziel dabei: gegenseitiges Verständnis schaffen. Ein reines Magazin für Migranten ist „MiGAZIN“ also nicht, erklärt Ekrem Senol im Interview.

"Es geht darum, Themen anzusprechen, die aus dem Leben selbst kommen."

Seit zwei Jahren betreibt Ekrem Senol die Plattform MiGAZIN. Er will Themen, die nicht im Mainstream ankommen oder dort nur verzerrt dargestellt werden, bedienen und dabei auch perspektivisch neue Wege gehen. Oberstes Ziel dabei: gegenseitiges Verständnis schaffen. Ein reines Magazin für Migranten ist „MiGAZIN“ also nicht. Was den Herausgeber bewegt, wie sich die tägliche Redaktionsarbeit in einer offenen Struktur gestaltet und wer sich letztlich hinter „MiGAZIN“ verbirgt, das verrät er im Interview.

Sie sind der Herausgeber, was machen Sie beruflich oder ist das MiGAZIN Ihre Hauptaufgabe?

Nein, meine Brötchen muss ich mir woanders verdienen. Das MiGAZIN ist noch nicht so weit, dass wir hauptamtliche Stellen schaffen können. Das ist aber eines unserer Ziele. Mit der steigenden Resonanz und den Leserzahlen steigt auch die Verantwortung. Dem wollen wir gerecht werden und die Redaktionsarbeit verstärken.

Welche Sprachen sprechen Sie?

Deutsch, Türkisch, Englisch und ich kann „Ich liebe Dich“ in vielen Sprachen sagen.

Können Sie kurz anreißen, wie man sich das MiGAZIN vorstellen kann? Wie ist es entstanden, was sind die Ziele?

Die Idee für das MiGAZIN entstand erstmals vor vier Jahren. Damals führte ich noch das www.jurblog.de und recht erfolgreich für einen einfachen Blog. Allerdings war die Decke mit einem Blog schnell erreicht. Ich dachte mir, es muss doch mehr möglich sein. Ich wollte viel mehr Leser erreichen und auf Themen aufmerksam machen, die im Mainstream entweder überhaupt nicht thematisiert oder verzerrt dargestellt werden.
Aus diesen Überlegungen heraus entstand das MiGAZIN. Wir wollen auf Themen aufmerksam machen, die man in den Medien sonst selten oder überhaupt nicht findet und Mainstreamthemen aus einer anderen Perspektive beleuchten. Wir wollen dem „Biodeutschen“ die Chance geben, einen Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt seines „ausländischen Nachbarn“ zu bekommen. Ich bin der Überzeugung, dass Integration nur funktionieren kann, wenn wir auf das gegenseitige Verständnis setzen. Es ist wichtig, dass der ausländische Arbeiter mit seinen Kollegen über die Bild-Schlagzeile redet. Es ist aber auch wichtig, dass der deutsche Kollege zumindest eine ungefähre Ahnung davon hat, was seinen ausländischen Kollegen beschäftigt und bewegt.

Wer sind Ihre Leser?

Entgegen dem ersten Anschein ist das MiGAZIN kein Magazin für Migranten. Nein, wir wollen alle erreichen. Entsprechend setzt sich unserer Umfrage zufolge auch die Leserschaft zusammen. Sie hat zu 50 Prozent keinen Migrationshintergrund. Die Restlichen 50 Prozent kommen ursprünglich aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt.

Wie viele RedakteurInnen arbeiten für MiGAZIN? Ist jeder für ein verschiedenes Ressort zuständig?

Wir haben keine klassische Redaktion, wie man es typischerweise von einem Magazin erwartet. Wir pflegen eine offene Struktur. Mittlerweile arbeiten und schreiben für MiGAZIN über 50 MiGMACHER aus dem gesamten Bundesgebiet -der eine mehr, der andere weniger. Eine feste Ressortzuteilung gibt es nicht. Das MiGAZIN ist ein Fachmagazin zu Themen rund um Integration und Migration und da sind Ressortübergreifende Themen die Regel. Jeder MiGMACHER hat aber seine ganz persönlichen Themenschwerpunkte.

Wie ist die Struktur allgemein? Es gibt verschiedene Büros. Wie koordinieren Sie Ihre Arbeit?

Zugegeben, die Koordination ist nicht immer einfach weil wir in ganz Deutschland verteilt sind. In der Regel erfolgt die Koordination über gängige Telekommunikationsmittel. Eine wichtige Schaltzentrale ist aber unser MiGMACHEN-Forum. Das ein geschlossenes Forum nur für MiGMACHER. Dort werden Themenvorschläge unterbreitet und diskutiert, Projekte besprochen, Small Talks gehalten oder auch Netzwerktreffen arrangiert.

Was kann man sich unter MiGMACHERINNEN und MiGMACHERN vorstellen?

Das sind Menschen, wie wir sie täglich in der Bahn oder auf der Arbeit antreffen. Es sind engagierte Leute, die eine Affinität zu Integrations- und Migrationsthemen mitbringen. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern oder haben überhaupt keinen Migrationshintergrund; sie sind Muslime, Christen oder Atheisten. Sie alle haben in der Regel aber ein Ziel: Teilhabe. Sie wollen das Land, in dem sie leben, mitgestalten.
MiGMACHEN kann jeder, der konstruktiv mitwirken möchte. Es spielt überhaupt keine Rolle, welchen politischen, konfessionellen und politischen Hintergrund jemand hat. Wir haben auch MiGMACHER, die früher in der rechten Szene aktiv waren.

Wie frei sind die MiGMACHER in ihrer Themenwahl bzw. der inhaltlichen Gestaltung ihrer Beiträge?

MiGAZIN muss man sich vorstellen wie ein Open-Source-Programm. Das heißt,dass bei uns die MiGMACHER das sagen über ihre Themen haben. Jeder, dem ein Thema wichtig ist, bringt es ein und wir sprechen lediglich darüber, wie wir die Story bringen können.
Das zeichnet das MiGAZIN aus. Denn jeder Mensch hat seinen eigenen Horizont. MiGMACHER tragen Themen heran, auf die wir sonst niemals gekommen wären. Das ist die Vielfalt, die wir auf MiGAZIN fördern wollen. Es geht nicht darum, diese oder jene Themen in den Vordergrund zu rücken. Es geht darum, Themen anzusprechen, die aus dem Leben selbst kommen und uns – die MiGMACHER – bewegen.
Unsere Aufgabe liegt lediglich darin, die journalistisch weniger erfahrenen MiGMACHER dabei zu unterstützen, ihr Vorhaben umzusetzen. Wir stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite oder bitten erfahrene Journalisten – unsere MiGMACHER-Paten – darum, das Ganze zu begleiten.

Wie alt sind Sie, ihre Redakteure und die MiGMACHER im Schnitt?

Der Schnitt dürfte zwischen 25 und 35 liegen. Es gibt aber auch junge MiGMACHER unter 18, die noch Abitur machen und auch ältere über 60.

Werden Sie für Ihre journalistische Arbeit häufig angefeindet, etwa von rechter Seite? Wie wehren Sie sich dagegen?

In den ersten zwölf Monaten hatten einige rechte Seiten MiGAZIN immer wieder thematisiert. Die Folge war, dass wir regelmäßig mit unschönen Spamkommentaren zugemüllt wurden. Wir haben uns streng an unsere Netiquette gehalten und solche Kommentare erst überhaupt nicht freigeschaltet. Mit der Zeit ging die Zahl solcher Kommentare zurück. Heute sind wir „clean“. Den meisten wurde es offensichtlich langweilig weil wir nie eine Reaktion gezeigt haben.
Angefeindet wurden wir oder ich persönlich zu keinem Zeitpunkt. Ich denke, dass auch die Rechten langsam merken, dass wir für das Gemeinsame sind und daran ist nun einmal nichts auszusetzen.

Wird Ihrer Meinung nach in den Medien ausreichend bzw. ausgewogen genug über Integration in Deutschland berichtet?

Zur Ausgewogenheit: Nein, definitiv nicht. Aus zweierlei Gründen: Zum einen muss die Kopftuch tragende Frau mit Discounter-Einkaufstüte und Kinderwagen, die fast jeden zweiten Medienbericht ziert, verbannt werden aus den Redaktionen. Die Kraft der Bilder ist gewaltig. Zum anderen mangelt es an der Schwerpunktsetzung beziehungsweise Themenwahl. Ein aktuelles Beispiel: Das Koordinationsrat der Muslime gibt kurz nach den Anschlägen in Ägypten eine Pressemitteilung heraus, in dem sie die Anschläge in aller Klarheit und Eindeutigkeit verurteilt. Das mediale Echo war eher gering. Einige Tage später verlangt ein ranghoher Unionspolitiker von Muslimen eine Distanzierung. Darüber berichten alle Medien. Und welchen Eindruck vermittelt das der Mehrheitsgesellschaft? Natürlich die, dass Muslime sich zu diesem Thema nicht distanzieren. Da steckt unterschwellig auch die Botschaft drin, dass Muslime die Anschläge gutheißen. Zur Quantität: Ich glaube nicht, dass wir uns über zu wenig Aufmerksamkeit beschweren können.

Welche Websites können Sie neben Ihrer eigenen empfehlen?

Die Arbeit auf MiGAZIN bringt es natürlich mit sich, dass wir ganz viele Medien beobachten. Eine ganz bestimmte Seite hervorzuheben wäre Unrecht allen anderen gegenüber, die keine Erwähnung finden. Ich empfehle immer, sich anhand verschiedener Quellen zu informieren und eine Meinung zu bilden. Dazu gehören das MiGAZIN, die Deutsch-Türkischen-Nachrichten genauso wie der Spiegel, die Welt, Bild oder die Tagesschau.

Wie kann Ihrer Meinung nach die steigende Angst vor Islamismus in Deutschland gehemmt werden?

Wir würden schon einen großen Schritt in die richtige Richtung machen ,wenn wir nicht über „den Islam“ oder „die Muslime“ reden. Auch müssen wir die Sicherheitsdebatte vom Islam trennen und uns von dem Begriff „islamistischer Terrorismus“ verabschieden. Eine besondere Verantwortung kommt natürlich Politikern zu. Wenn der Niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann ohne jegliche Grundlage und sinnentleert eine verstärke Polizeipräsenz in islamischen Vierten fordert, sehe ich schwarz. Das fördert geradezu die Angst vor Muslimen.
Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zu letzt und ich bin optimistisch, dass eine aufgeklärte Gesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben, das Kalkül mancher Medien und Politiker durchschauen und sich nicht zum Spielball von Auflagenzahlen und machtpolitischen Interessen machen lassen.

Welche politischen Parteien finden Sie gut, welche schlecht und warum?

Ich lege mich da ungern fest. In allen Parteien gibt es positive wie negative Aspekte. Genauso gibt es in allen Parteien Politiker, die gut oder schlecht sind. Würde ich deswegen die gesamte Partei für gut oder schlecht einstufen, wäre das falsch. Im Übrigen wäre das der gleiche Fehler, den man auch in der Integrationsdebatte oftmals macht. Man wirft Individuen in einen Topf und stempelt sie kollektiv ab.

Was ist gut in Deutschland?

Es wäre sicherlich einfacher, wenn ich die schlechten Seiten aufzähle aber die freiheitlich demokratische Grundordnung ist vorbildlich.

In welchen Ländern können sich Türken besonders wohl fühlen?

In der Türkei? Nein, ich bin der Auffassung, dass der Mensch sich Zuhause immer am wohlsten fühlt. Und ein türkisches Sprichwort sagt, dass das Zuhause immer dort ist, wo man seine Brötchen verdient.

Welche deutsch-türkischen Themen haben Sie 2010 am meisten geärgert oder bewegt?

Speziell deutsch-türkische Themen fallen mir da nicht ein. Was mich aber besonders geärgert hat, war die Aussage von Angela Merkel, Multikulti sei gescheitert. Horst Seehofer, der es gleich für Tod erklärt hatte, hat mich nicht überrascht. Von unserer Bundeskanzlerin hätte ich aber mehr erwartet als in diesem Strom mitzuschwimmen. Diese Aussage ist eine dicke Keule gewesen auf meine und die in Deutschland Millionfach gelebte tägliche Realität.

Was wünschen Sie sich für 2011?

Mehr Selbstkritik – von allen Beteiligten.

Hier geht es zum Migazin.

Interview: Laura Räuber

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