Türkische Eltern vertrauen zu sehr auf das deutsche Schulsystem

Türkische Migranten setzen besonders große Erwartungen in das deutsche Bildungssystem, ihre Kinder weisen aber häufig schwache schulische Leistungen auf. Ilona Relikowski, Mitautorin der Studie "Wie lassen sich die hohen Bildungsaspirationen von Migranten erklären?" der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Bei türkischen Migranten in Deutschland ist der Unterschied zwischen den hochgesteckten Zielen auf der einen – und den schwachen schulischen Leistungen auf der anderen Seite besonders groß. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Ilona Relikowski: Zum einen kann mit der Zusammensetzung der türkischen Migrantengruppe argumentiert werden: Aufgrund ihrer Herkunft aus vornehmlich ländlichen Regionen in der Türkei, sind gering Qualifizierte in niedrigen manuellen Tätigkeiten auch im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen deutlich überrepräsentiert. Daher ist bei der türkischen Gruppe das Aufstiegsmotiv für die nächste Generation besonders wirksam und die Wahrnehmung von hoher Bildung als Instrument für späteren Arbeitsmarkterfolg besonders präsent. Die Kombination von Unzufriedenheit mit der eigenen beruflichen Situation und wahrgenommenen Aufstiegsmöglichkeiten führt zu hohen Bildungszielen für die nächste Generation.

Zum anderen können sich Türken als größte ethnische Gruppe in Deutschland deutlich stärker auf ihre ethnische Gemeinschaft konzentrieren, was stärkere Segregation und geringere Integration zur Folge hat. Ohne dies anhand der vorliegenden Daten überprüfen zu können, ist hier die Argumentation der Bedeutung von ethnischen Netzwerken für die Formation von Bildungszielen sehr naheliegend. Aus dem vergleichsweise selteneren Kontakt mit Einheimischen, die bessere Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem besitzen, könnte ein erhöhtes Informationsdefizit über relevante Voraussetzungen, Anforderungen und Abschlussperspektiven im gegliederten Schulsystem angenommen werden, was sich in unrealistisch hohen Bildungszielen äußert.

Wie sich in unserer Studie gezeigt hat, können türkische Eltern mangels eigener Bildungserfahrung und deutscher Sprachkenntnisse die Leistungen ihrer Kinder und deren Bedeutung für den weiteren Bildungsweg nur bedingt einschätzen. Insbesondere türkische Migranten schätzen das Potenzial ihrer Kinder höher ein, wodurch aus ihrer Sicht die hohen Aspirationen gerechtfertigt sind.

Auch könnte das starke Streben nach einem Abitur in der türkischen Migrantengruppe damit erklärt werden, dass das Berufsbildungssystem in der Türkei nur sehr schwach ausgeprägt ist und höhere Berufspositionen allein über ein Studium möglich sind. Aufgrund der geringen Kenntnis des deutschen Berufsbildungssystems und durch die Orientierung an den türkischen Strukturen wird systematisch der für ein Studium qualifizierende Abschluss angestrebt, um einen sozialen Aufstieg zu sichern.

Wieso ist die Hoffnung in das deutsche Bildungssystem so groß? Worin unterscheidet es sich beispielsweise von dem in der Türkei?

Hier kann mit dem Bildungszugang argumentiert werden: Die Bildungsbeteiligungsquoten der Länder zeigen, dass in der Türkei das Hochschulsystem deutlich schwächer ausgebildet ist als in Deutschland und zudem mit großen finanziellen Hürden verbunden ist. Gleichzeitig zeichnet sich gerade der ländliche Teil der Türkei durch eine schlechtere Erreichbarkeit höherer Schulformen, wie etwa dem Lyzeum aus. Somit nehmen Eltern türkischer Herkunft die Chancen ihrer Kinder im deutschen Kontext als vergleichsweise besser wahr, da sie die vorherrschenden Barrieren geringer einschätzen. Aus ihrer Sicht ist es damit insbesondere eine Frage der eigenen Motivation, ob in Deutschland ein guter Abschluss erzielt werden kann. Dies ist jedoch nicht ein spezifisch türkisches Phänomen, sondern betrifft ebenso andere Migrantengruppen in Deutschland: Je geringer der Bildungszugang im Herkunftsland ist, desto höher sind die Bildungsziele der Eltern in Deutschland.

Wie sehen diese Erwartungen aus bzw. worum geht es konkret? Wird ein hoher Schulabschluss automatisch mit einem sicheren Zugang zu einem hohen Posten gleichgesetzt?

Konkret haben wir in unserer Studie die Erwartungen der Eltern untersucht, dass ihr Kind das Abitur schaffen wird. Diese sind insgesamt höher bei Eltern mit Migrationshintergrund. Bei türkischen Migranten sind diese höheren Erwartungen insbesondere dann beobachtbar, wenn deren – auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen – schlechtere berufliche Position berücksichtigt wird. Türkische Eltern wünschen für ihre Kinder einen Aufstieg aus der Arbeiterklasse, wofür ein hoher Schulabschluss als Voraussetzung erachtet wird. Ein hoher Schulabschluss wird damit nicht als eine Garantie für eine hohe berufliche Position betrachtet, aber als absolut notwendige Voraussetzung.

Sind diese Erwartungen an das deutsche Bildungssystem realistisch? Können die Schulen das leisten? Welche Anforderungen stellt das deutsche Schulsystem an die Eltern (Hilfe bei Hausaufgaben etc)?

Das deutsche Schulsystem weist den Eltern eine aktive Rolle zu, ganz im Gegenteil zu dem türkischen Bildungssystem, in dem die Verantwortung für die Bildung des Kindes im Wesentlichen an die Lehrer abgegeben wird. Unsere qualitative Studie liefert Hinweise, dass diese Einstellung auch auf das deutsche Bildungssystem übertragen wird. Daher ist zu vermuten, dass türkische Eltern auf das deutsche Schulsystem so stark vertrauen, dass sie Bildungserfolge auch ohne ihre eigene Unterstützung in schulischen Belangen für möglich halten.

Insofern besteht hier ein Missverständnis und es kann davon ausgegangen werden, dass die Schulen in Deutschland nicht darauf ausgelegt sind, das zu leisten, was sich die türkischen Eltern erwarten. Darüber hinaus wissen die Eltern teilweise auch nicht, welchen konkreten Anforderungen ihre Kinder im deutschen Schulsystem gerecht werden müssen.

Können türkische Eltern, die schlecht Deutsch sprechen, diesen Anforderungen nachkommen? Unterstützen türkische Eltern ihre Kinder auch privat anders als deutsche?

Türkische Eltern geben sehr häufig an, ihre Kinder in schulischen Belangen nur wenig unterstützen zu können, was weitgehend auf mangelnde Deutschkenntnisse zurückzuführen ist. Vermutet werden kann, dass türkische Eltern ihre Kinder eher indirekt unterstützen, z.B. durch Aufmuntern, Belohnungen und sich weniger unmittelbar mit den schulischen Inhalten befassen.

Worin unterscheiden sich die Erwartungen türkischer von denen deutscher Eltern?

Bei Eltern deutscher Herkunft variieren die Erwartungen stärker mit dem sozialen Hintergrund: Eltern mit niedrigen Bildungsabschlüssen zeigen sich eher vorsichtig, orientieren sich an ihrem eigenen Bildungsweg und tendieren zu niedrigeren Bildungsabschlüssen. Hingegen trauen Eltern deutscher Herkunft, die über einen hohen Bildungsabschluss verfügen, ihren Kindern mehr zu und wagen eher den Übertritt auf höhere Schulformen. Bei türkischen Migranten zeigt sich dieses Muster in sehr viel schwächerer Form. Bei ihnen sind die Erwartungen insgesamt sehr hoch, also gerade auch bei Eltern mit geringer eigener Bildungsqualifikation.

Ihre Studie besagt, dass der Integrationsgrad für die Erwartungshaltung eine Rolle spielt. Können Sie das an drei Beispielen unterschiedlicher Integrationsgrade näher erläutern?

Als wichtiger Integrationsindikator haben wir den Sprachgebrauch mit dem Kind untersucht. Hier hat sich deutlich gezeigt, dass insbesondere Eltern, die überwiegend oder ausschließlich die Herkunftssprache mit dem Kind sprechen, höhere Bildungserwartungen äußern.

Auch das Einwanderungsalter spielt für den Integrationsprozess eine wichtige Rolle. Hier stellte sich heraus, dass ein höheres Alter bei der Einwanderung nach Deutschland mit ambitionierteren Bildungszielen einhergeht.

Als am bedeutsamsten hat sich erwiesen, ob Migranten Partnerschaften innerhalb ihrer eigenen ethnischen Gruppe oder mit einheimisch Deutschen eingehen. Denn wenn beide Elternteile einen Migrationshintergrund aufweisen, sind die Bildungserwartungen an das Kind besonders hoch.

Die höchste Stufe der Integration kann als erreicht betrachtet werden, wenn Migranten sich stark mit der deutschen Kultur und Lebensweise verbunden fühlen. In diesen Fällen weisen die Eltern deutlich geringere Bildungsziele auf, d.h. sie nähern sich stärker den Erwartungen einheimisch Deutscher an.

Haben es Kinder von Migranten nicht ohnehin schon schwerer? Beeinflusst der zusätzliche Druck durch die Eltern deren Leistungen nicht noch weiter negativ?

Diese hohen Erwartungen werden von den Kindern größtenteils übernommen, so dass die hohen elterlichen Erwartungen ein geringes Konfliktpotential bergen.

Können Sie einschätzen, inwieweit das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland eine Rolle spielt? Denken Sie, die Kinder hätten es leichter, wenn es nicht diese frühe Einteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium gäbe?

Die Selektion nach Schulformen im Anschluss an die Grundschule stellt eine zentrale Phase in der Schullaufbahn dar. Bisherige Studien weisen darauf hin, dass Schüler in integrierten Schulformen nicht schlechter gefördert werden als in gegliederten Schulsystemen – im Gegenteil. Insofern sprechen die Ergebnisse gegen eine frühe Selektion der einheimischen Kinder wie auch der Kinder mit Migrationshintergrund Die Diskussion kann allerdings nicht auf die Schulstruktur-Frage reduziert werden, sondern ist immer im Zusammenhang mit der Schulkultur, d.h. der Frage wie unterrichtet wird, zu sehen. Darüber hinaus deuten aktuelle Studien darauf hin, dass der frühen Förderung vor der Schulzeit besonderes Gewicht zukommt.

Interview: Laura Räuber

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