Die Medien und ihre Migration ins Internet

Türkische und deutsche Journalisten haben in Istanbul über den digitalen Wandel diskutiert. Es ist ausnahmsweise keine menschliche Migration, sondern ein Gattungsphänomen: Wie bringen die klassischen Medien ihre Marken ins Internet und schaffen so die Migration ins Internet? Das Problem ist überall gleich drängend.

Türkische und deutsche Journalisten diskutieren über den digitalen Wandel

Es ist ausnahmsweise keine menschliche Migration, sondern ein Gattungsphänomen: Wie bringen die klassischen Medien ihre Marken ins Internet und schaffen so die Migration ins Internet? Das Problem ist überall gleich drängend.

Professor Klaus Siebenhaar, Direktor des Instituts für Kultur- und Medienmanagement an der Freien Universität Berlin, sah beim ersten deutsch-türkischen Medienkolloquium in Istanbul in dem scheinbaren Dilemma sogar neue Chancen für die europäischen Nachbarn am Bosporus: „Die Türkei ist viel moderner als unser Bild von ihr. Sie hat aber auch viele Probleme, gerade im Hinblick auf die Freiheit der Medien und zivilgesellschaftliche Diskurse. Beides ist für lebendige Demokratien unabdingbar. Wir waren gespannt, welche Rolle das Internet hier spielt.“

Das von der FU Berlin und  der Fakultät für Kommunikation der Bahçeşehir Universität Istanbul am vergangenen Wochenende stattgefundene Treffen brachte Vertreter aus Medienpraxis und  Wissenschaft zusammen. Auf Einladung von Dekan Professor Haluk Gürgen von deutscher Seite nahmen unter anderem Ernst Elitz, Gründungsintendant des Deutschlandradio, Moritz Müller-Wirth von der „Zeit“ und Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, teil. Auf türkischer Seite waren neben mehreren Medienwissenschaftlern der Chefredakteur der Hürriyet Daily News, David Judson, und Mehin Öner, Executive Editor Forbes Turkey, beteiligt.

In der Diskussion der Entwicklungen und Trends in der digitalen Medienlandschaft bestand weitgehende Einigkeit zwischen den Diskussionsteilnehmern: „Die Nutzer sind heute selbst Teil des Nachrichtensystems und die alten Massenmedien verlieren ihre Rolle als Informationsgatekeeper an technische Systeme wie Google  und Facebook“, sagte der Herausgeber der Deutsch Türkischen Nachrichten, Michael Maier. Alexander Görlach von „The European“ betonte, dass die neue Entwicklung große Chancen für Start-Ups biete und so der Meinungsvielfalt dienen könne.

Das sahen auch die türkischen Teilnehmer so. Die Wissenschaftlerin hob hervor, dass sich durch die neuen Medien Möglichkeiten auftun, die Lügen der alten Medien aufzudecken. Nicola Pape, Kolumnistin bei „Today‘s Zaman“, beklagte dagegen, dass der wirtschaftliche Druck die Qualität der Arbeit der Journalisten unmittelbar vermindere – etwa, wenn es kein Budget mehr für Recherche-Reisen ins Landesinnere gebe und alle Berichte quasi vom Schreibtisch verfasst werden. Die türkischen Teilnehmer waren sich einig, dass die Türkei an sich über ein relativ pluralistisches Mediensystem verfüge, die dominierenden Medien aber vom Mainstream politischer Meinung geprägt seien. David Judson betonte, dass daher dem Internet in politischen Diskursen eine zunehmend wichtigere Rolle zukomme. Eine Reihe politischer Skandale begannen online. So trat Oppositionsführer Deniz Baykal zurück, nachdem ein Sex-Video im Internet verbreitet wurde und unabhängige Plattformen wie bianet.org bieten alternative Nachrichten.

Die Kooperation zwischen dem Institut für Kultur- und Medienmanagement und der Bahçeşehir Universität besteht seit einem Jahr. Einen Studentenaustausch gibt es bereits. „Deutsche und Türken müssen miteinander reden, statt übereinander“, erläuterte Klaus Siebenhaar. „Es war uns daher wichtig, nicht nur Studenten, sondern auch Medienpraktiker und Medienwissenschaftler zusammenzubringen.“

Elias Sievernich

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