Aiman Mazyek: „Gewalt gegen Muslime gefährdet freiheitliche Gesellschaft Deutschlands“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, im Interview über seine Zweifel, ob die jüngsten Anschläge auf Berliner Moscheen wirklich aufgeklärt wurden, und über die "unterkühlte" Reaktion der Deutschen auf die Welle der Gewalt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ein 30 jähriger Mann hat gestanden, für mehrere Anschläge auf die Moschee in Berlin-Wilmersdorf verantwortlich zu sein. Fühlen Sie sich nun etwas beruhigt?

Aiman Mazyek: Alles was ich weiß ist, dass es sich um einen 30-jährigen Deutschen handelt, der vor einem U-Bahnhof in der Hauptstadt gefasst worden sei. Es gebe einen „dringenden Tatverdacht der schweren Brandstiftung an Berliner Moscheen“. Aus mir bekannten Kreisen heißt es, dass der Tatverdächtige jedoch die Taten geleugnet hat. Auch ist bisher laut Polizei unklar, ob der Tatverdächtige an allen Anschlägen beteiligt sein soll.

Auf Moscheen in Berlin sind innerhalb eines halben Jahres sieben Anschläge verübt worden, ebenso häufen sich antiislamische Übergriffe auch in anderen Bundesländern, ohne dass die deutsche Öffentlichkeit davon viel Notiz genommen hat. Ist das Thema der Übergriffe auf Moscheen und Muslime in den deutschen Medien unterrepräsentiert?

Die Empörung hielt sich in Grenzen, obgleich es eigentlich so sein müsste, dass wenn ein anderes Gotteshaus angegriffen wird, es so ist, als wäre das eigene angegriffen. Die Empathie-Werte gegenüber den Muslimen sind im Keller. Die lang anhaltende verkorkste Diskussion über die Schichten und Sozialprobleme, die Experten und Islamkritiker gerne als religiös-islamisches Problem darstellen wollen, scheint aufgegangen zu sein.

Hat sich die Bedrohungslage für Muslime in den letzten Jahren verschlimmert?

Ja hat sie, nicht nur die gefühlte. Anschläge auf Moscheen häufen sich, Übergriffe auf Muslime ebenso, bis hin zu dem schrecklichen islamfeindlichen Mord an der Muslime Marwa El-Sherbiny vor zwei Jahren.

Wie kann sich die muslimische Gemeinde gegen Anschläge schützen – Erwarten Sie mehr Polizeischutz?

Begrenzt gibt es das schon. Wir sollten endlich dafür auch sorgen, dass islamfeindliche Daten in die Kriminalstatistik übergehen und nicht unter Hassdelikte subsumiert werden. Letztens wurde dies in einer Bundestagsanfrage diskutiert, dennoch sieht die gegenwärtige Bundesregierung dahingehend kein Handlungsbedarf.

Wie nehmen Sie die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Anschläge wahr?

Etwas unterkühlt, was weniger an der Jahreszeit liegt. Zudem dringt wenig in die Öffentlichkeit oder wird darüber berichtet.

Berlins Innensenator Körting (SPD) glaubt, dass die Sarrazin-Debatte das Klima gegenüber Migranten verschärft hat. Würden Sie dem beipflichten?

Das glauben wir auch, Vorurteile wurden breit transportiert, Rassismus biologisch neu hergeleitet und Ressentiments gegen Araber und Türken weiter salonfähig gemacht. Wem hat es geholfen? Bestimmt nicht der Versachlichung der Debatte, sondern ausschließlich den Ideologen und Fundis hüben wie drüben.

Tut die Politik genug, um diese Anschläge zu verurteilen oder vermissen Sie derartige Signale?

Es werden zu wenig Signale abgeben, die da heißen: Bis hier und nicht weiter, weil es gilt unsere freiheitlich demokratische Gesellschaft vor der Erosion zu schützen und in zweiter Linie erst um Minderheiten. Diese Lesart als gesamtgesellschaftliche Herausforderung zu begreifen erfahre ich selten. Deutlich wurde das, als die damalige Bundesregierung sich anschickte in Richtung Ägypten wegen des islamfeindlichen Mordes an Marwa Kondolenzen auszusprechen, aber kaum ein Wort an die hiesige Bevölkerung gerichtet war, geschweige denn an die muslimische. Zusammen mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löhning, besuchte ich vor einigen Tagen die Moschee am Columbiadamm, wo wir gemeinsam dazu aufriefen mit Äusserungen gegen Muslime „verbal abzurüsten“. Auch kontroverse Diskussionen müssen mit Respekt und menschlichem Maß geführt werden. Niemand darf sich zu Gewalt aufgerufen oder legitimiert fühlen. Diese Forderung habe ich ein paar Tage später bei meinem Besuch in der Antidiskrminierungstelle des Bundes in Berlin wiederholt.

Die Stimmung von Angst und Unsicherheit vor dem Islam spielt vor allem rechten Kräften in die Hände. Wie sollte dem am effektivsten entgegengewirkt werden?

Indem man deutlich macht, dass die heutige Eintrittskarte der Rechten das Angstschüren vor dem Islam ist. Und dass alle Formen der Dämonisierung einer ganzen Gruppe letztlich in die Katastrophe führen.

Der Angst vor dem Islam kann, so propagiert es der Deutsche Kulturrat, nur mit Wissen begegnet werden. Welche Hoffnungen hegen Sie in Zusammenhang mit dem jetzt auf den Weg gebrachten Bundesbeirat für Integration?

Dass er hoffentlich nicht wie die DIK (die Deutsche Islam Konferenz, Anm.d.Red.) ein Debattierclub wird.

Muslime in Deutschland werden auf der einen Seite mit dem extremen Etikett „Opfer“ und auf der anderen Seite mit dem extremen Etikett „Islamist“ versehen. Welchen Weg gibt es aus dieser Zwickmühle?

Indem wir den Alltag beschreiben, wo selbst nach Angaben des Innenministers mindestens 85 Prozent der Muslime „integrationswillig sind“ und damit Leistungsträger dieser Gesellschaft

Was glauben Sie, inwieweit kommen Ihre Versuche als ZMD in der Bevölkerung an, in dieser Frage aufklärend zu wirken?

Bisher hoffentlich gut.

Sollte die Gemeinde der Muslime möglicherweise noch stärker vereint auftreten? Welche Anstrengungen unternehmen Sie, um als Vertreter aller Muslime zu gelten? Warum gibt es viele Muslime, die sich vom ZMD nicht genügend vertreten fühlen?

Wir haben uns damals für den Koordinationsrat der Muslime ausgesprochen, eine Zusammenkunft von DITIB, ZMD, Islamrat und VIKZ. Nach unserem Dafürhalten würden wir gerne den Einheitsprozess weiter voran treiben.

Wie haben Sie die Debatte um die Äußerung des Bundespräsidenten wahrgenommen, die Kultur des Islams sei „Teil der Kultur Deutschlands“?

Als wohltuend, selbstverständlich und zukunftsweisend.

Wie konkret kann sich der Islam fruchtbar in die deutsche Gesellschaft einbringen?

Ich finde, der Islam eignet sich auch, für die Version einer besseren und gerechteren Welt zu arbeiten. Religion ist ein individuelles Angebot, den eigenen Lebenslinien in Freiheit nachzugehen. Freiheit bedeutet im Umkehrschluss auch Verantwortung und das geht nur über Partizipation der Muslime in Deutschland.

Interview: Felix Kubach

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