Eren Güvercin: „Niemand fragt Frau Merkel, ob sie integriert ist“

Der freie Journalist und Blogger Eren Güvercin im Interview über seine Abneigung gegen den Begriff "Integration", den Migrationshintergrund der Bundeskanzlerin und das seiner Ansicht nach - im Vergleich zu Goethe - geringe Niveau der Auseinandersetzung mit dem Islam.

Wenn es nach Sarrazin oder Kelek gehen würde, dürfte sich meine Integration sehr schwierig gestalten. Ich halte es für bedenklich, wie in der letzten Zeit über Integration gesprochen wird. Ich empfinde immer mehr eine gewisse Abneigung, was den Begriff „Integration“ angeht. Ich finde diese Frage nach der Integration, mit der man immer und überall konfrontiert wird, als jemand, der hier in Deutschland geboren wurde und hier aufgewachsen ist, immer absurder. Schließlich stellt auch niemand unserer Bundeskanzlerin die Frage, ob sie integriert ist. Bei Frau Merkel wäre diese Frage relevanter als bei mir, da sie ja immerhin in der DDR aufgewachsen ist, in einer völlig anderen Gesellschaft. Sie hat mehr Migrationshintergrund als ich oder meinesgleichen.
In der ganzen Integrationsdebatte werden soziale Probleme kulturalisiert, und bestimmte Hauptakteure wie etwa Necla Kelek versuchen dadurch bewusst das Klima zu vergiften. Wenn man sich die Geschichte der Einwanderung anschaut, sehe ich, dass es eine Erfolgsgeschichte ist. Die ersten Gastarbeiter aus der Türkei waren einfache Menschen, die fast gar keine Schulbildung hatten. Wenn man sich jetzt anschaut, wie die Generationen nach ihnen immer mehr ein Teil der deutschen Gesellschaft werden, dann ist das zunächst einmal ein Erfolg. Die erste Gastarbeitergeneration hat Großartiges geleistet. Das muss man in einer solchen Klarheit auch mal zum Ausdruck bringen. Man muss einsehen, dass eine Gesellschaft ständig im Wandel ist. Und auch die Gesellschaft in Deutschland kreiert sich neu. Wir sehen, wie Feridun Zaimoglu, Fatih Akin, oder Neco Celik mittlerweile zur neuen kulturellen Avantgarde Deutschlands gehören. Das ist nur der in der Öffentlichkeit sichtbare Teil einer Veränderung. Aber Herr Sarrazin und Kelek haben offensichtlich ein Problem mit dieser Veränderung. Daher werden sie auch große Probleme haben sich in das neue Deutschland zu integrieren.

Aber es gibt doch auch viele Versäumnisse in der Integration?

Natürlich gibt es Probleme, man darf das auch nicht unter den Teppich kehren. Bei nicht wenigen Jugendlichen gibt es große Probleme, was die Bildung angeht. Diese Probleme haben aber viele Jugendliche in Deutschland. Das ist kein typisch türkisches oder arabisches Phänomen, sondern das sind in erster Linie soziale Probleme. Wie Richard David Precht in einem Debattenbeitrag mal geschrieben hat, haben wir in Deutschland keinen „Kampf der Kulturen“, wo sich der Islam und das Christentum oder verschiedene Kulturen gegenüberstehen, sondern es ist das Ethos des Dissozialen und das Ethos des Sozialen, was sich gegenübersteht. Wenn jemand asozial ist, ist er nun einmal asozial, egal ob er nun ein Deutscher ist, ein Türke oder ein Albaner.
Die positiven Beispiele aber werden kaum in der öffentlichen Debatte berücksichtigt. Meine Eltern zum Beispiel sind als Gastarbeiter aus einem anatolischen Dorf nach Deutschland gekommen. Meine Mutter ist Analphabetin und mein Vater hat gerade mal die Grundschule besucht. Ich habe es aber meinen Eltern zu verdanken, dass ich studiert habe. Sie standen dahinter und haben mich unterstützt. Sie haben für meine Bildung alles getan. Ich bin dabei aber auch kein Ausnahmefall, sondern bei vielen anderen war es genauso.

Man hört immer wieder, Religion sei ein Integrationshindernis? Sehen Sie das auch so?

Nein, ich denke nicht, dass Religion ein Integrationshindernis ist. Ob ein Jugendlicher im Fastenmonat Ramadan nun fastet oder nicht, beeinflusst sicherlich nicht seine Integration. Es gibt natürlich innerhalb der Religionen sektiererische Bewegungen, die hinderlich für eine Integration sind. Wenn man sich bestimmte salafitische Gruppierungen anschaut, dann ist deren Religionsverständnis sicherlich hinderlich für eine Integration. Das ist nur eine verschwindend geringe Minderheit, aber nichtsdestotrotz müssen die hier lebenden Muslime sich mit diesen Problemen auch auseinandersetzen. Man darf sich nicht immer in diese Opferhaltung flüchten und die Verantwortung von sich weisen. Aber mittlerweile haben wir hier in Deutschland eine junge Generation von selbstbewussten Muslimen, die sich auch kritisch gegenüber solchen Phänomenen positionieren. Wenn wir uns die jungen Muslime in Deutschland anschauen, sehen wir, dass sie zwar auf der einen Seite von ihren Eltern die Traditionen des Islam vermittelt bekommen haben, aber die Jugendlichen passen sich der Situation an, in der sie in Deutschland leben. Sie folgen nicht blind irgendwelchen Traditionen, sondern sie reflektieren darüber und ziehen ihre eigenen Schlüsse. Ich finde daher die Religion nicht als integrationshemmend. Integrationshemmend ist aber, dass die Mehrheitsgesellschaft sie immer noch als Fremde betrachtet und auch so behandelt.

Halten Sie sich für traditionell oder modern?

Beides. Ich bin sowohl traditionell als auch modern. Dem Begriff „Tradition“ ist ja oft etwas negatives angehaftet, und wenn man sich als „modern“ bezeichnet, klingt das so toll. Man ist selbstverständlich durch seine Zeit geprägt. Alles andere wäre auch etwas seltsam. Was uns Deutsche, deren Eltern aus einem anderen Kulturraum stammen, angeht, sind wir beiden Kulturen offen, sowohl der Kultur unserer Eltern als auch der Kultur Deutschlands. Das ist für mich ein einzigartiger Reichtum einen sprachlichen Zugang sowohl zur deutschen als auch türkischen Tradition mit ihren Geistesgrößen zu haben. Wenn man sich anschaut, auf welchem Niveau sich etwa Goethe mit dem Islam auseinandergesetzt hat, dann ist das schon ein Armutszeugnis unserer ach so modernen Gegenwart, wie hysterisch und ohne jegliche inhaltliche Tiefe über Dinge „debattiert“ wird.

Wie lassen sich Religion und die moderne Gesellschaft vereinbaren?

Das ist eine Frage, über die man eine Doktorarbeit schreiben könnte, aber wenn man sich die Millionen gläubiger Menschen in den modernen Gesellschaften anschaut, dann sieht man, dass es sehr wohl vereinbar ist. Die Existenz der Muslime in Europa zeigt auch, dass der Islam ein Bestandteil des modernen Europa ist, ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Die Verfassungen in Europa garantieren die Religionsfreiheit. Das ist ein durch die Verfassung gesichertes Recht, ob man nun Christ, Jude oder Muslim ist. Die aktuelle Debatte um die Werte halte ich stellenweise für schwachsinnig. Eberhard Straub hat in seinem brillianten Buch „Zur Tyrannei der Werte“ die Werte-Inflation sehr treffend analysiert. Es ist ja in dieser ganzen Diskussion viel die Rede von der jüdisch-christlichen Tradition Europas und von der Aufklärung. Gerade im Bezug auf den Islam hört man oft die Forderung nach einer längst überfälligen Aufklärung. Wenn man sich aber die wundersame Geldvermehrung des Kapitalismus und ihre Logik der ewigen Verschuldung anschaut, hat sich das ökonomische Feld erfolgreich der Aufklärung und der Vernunft entzogen. Darüber spricht interessanterweise fast niemand, trotz der Finanzkrise. Eberhard Straub kritisiert diese Werte-Inflation, denn hinter jedem sogenannten Wert stehe ein Interessent mit seinen eigenwilligen Absichten und Zwecken, der, getreu seinem ökonomischen Urbild, danach strebe, seinem Moralprodukt eine beherrschende Stellung auf dem Markt der Meinungen zu verschaffen. Straub kommt zum Schluss, dass die westliche Polemik gegen den Islam im Grunde genommen eine Polemik gegen Religion überhaupt ist.

Welche Websites können Sie neben Ihrer eigenen empfehlen?

Telepolis (www.telepolis.de), Qantara.de, Hintergrund.de und www.german-foreign-policy.com, sowie die Homepage der Islamischen Zeitung (www.islamische-zeitung.de).

Eren Güvercin betreibt das Weblog grenzgängerbeatz

Interview: Laura Räuber/ Felix Kubach

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