Bloggerin Kübra Gümüsay: „Deutsche wissen selbst nicht was sie sind“

Die 22-jährige Kübra Gümüsay (geb. Yücel) nahm an der BBC-Debatte mit Thilo Sarrazin (ab 39:40) teil. Im Interview spricht die frisch verheiratete Studentin der Politikwissenschaften und praktizierende Muslimin darüber, wie sie die Gelegenheit nutzte, dem SPD-Politiker "endlich mal einen Spiegel vorzuhalten" und welche Unterschiede in der Behandlung von Migranten sie zwischen Deutschland, Großbritannien und den USA feststellt.

Was dachten Sie, als er über die Muslime hergezogen ist – und sie kollektiv als „underachiever“ abstempelte – Ihre Religion also beleidigte?
Ich hab vieles gedacht. Ein Gedanke, der besonders dominiert hat, war: Was er sagt, das ist so unwissenschaftlich  – mit einem gesunden Menschenverstand auch nicht nachzuvollziehen – und einfach mal fern jeder Logik. Das Wort intellektuell sollte man in seinem Zusammenhang vielleicht auch gar nicht erwähnen. Deshalb war es für mich einfach schockierend festzustellen, dass es denkende Menschen gibt, die seine Thesen unterstützen.

Sie haben in Ihrem Blog geschrieben, dass man Unsinn daran erkennt, dass er in anderen Sprachen nicht funktioniert. Wie erklären Sie sich, dass Sarrazins Thesen in Deutschland so viel Zustimmung finden?
Weil er, so denke ich, von einer Unterstützergruppe sehr gut vorbereitet wurde auf Debatten. So gut, dass er einem Eskimo auch einen Kühlschrank verkaufen könnte.

Haben Sie auch den Eindruck, dass sich immer mehr junge Türken in Deutschland zu artikulieren beginnen, und damit die deutsche Öffentlichkeit eigentlich die Chance haben sollte, sich ein realistisches Bild zu machen?
Ja. Es ist tatsächlich so, dass im letzten Jahrzehnt viele Menschen mit Migrationshintergrund in die Medien, in die Öffentlichkeit drängen, um ihre Seite der Geschichte zu erzählen. Das wurde aber tatsächlich bislang sehr gut ignoriert. Erstmals aber – möglicherweise auch im Zusammenhang mit den Neuen Medien wie Blogs, Twitter und Facebook etc. – ist es viel mehr jungen Menschen und Migranten möglich, ihre Stimme zu erheben und Öffentlichkeit zu finden.

Sie haben selbst Diskriminierungen erlebt – haben die nach Sarrazin zugenommen?
Ich glaube, dass Diskriminierung in Deutschland immer auftritt, wenn jemand nicht äußerlich als „bio-ethnisch“ deutsch identifiziert wird. Das wurde mir auch erst klar, als ich in England war und gesehen habe: So kann ich auch behandelt werden. Erst dort wurde ich mir der Diskriminierung in Deutschland richtig bewusst. Als ich dann zurückkam, begann gerade die Sarrazin-Debatte. So war das eine sehr intensive Erfahrung für mich. Und ich weiß auch aus Berichten meiner Freundinnen und Menschen in meiner Umgebung, dass es seit Sarrazin viel schlimmer geworden ist: Nicht, dass es mehr Menschen gäbe, die rassistisch sind, sondern dass die Äußerung von Rassismus toleriert werden und Rassismus inzwischen salonfähig geworden ist. In London erging es mir da besser.

Welche Rolle spielen die Medien bei diesem Thema – gibt es nicht hier viel Populismus etwa der Art: Man entrüstet sich moralisch, um dann auf der nächsten Seite zu schreiben: „Wo Sarrazin recht hat“?
Ja, so funktionieren bestimmte Medien und Verlage. Erst schreiben sie einen ausgewogenen Artikel und dann im nächsten sind sie populistisch und dann wieder ein Artikel als Feigenblättchen und dann wieder populistische Artikel. Diese Feigenblättchen funktionieren auch wunderbar. Ich glaube also, dass die Medien eine sehr große Rolle darin spielen, wie die Debatte geführt wird. Und die Debatte bestimmt die sozialen Normen. Selbstverständlich hat das dann Einfluss darauf, wie mit Menschen umgegangen wird. Da tragen die Medien eine unheimlich große Verantwortung. Genauso aber wie Politiker, die die Debatte mitbestimmen und für die sozialen Normen verantwortlich sind.

Was ist in Deutschland anders als in anderen Ländern – etwa den USA oder UK, im Hinblick auf ethnische Vielfalt?
Ich glaube, der Hauptunterschied hier in diesem Fall ist, dass Deutschsein vor allem darüber definiert wird, was man nicht ist. Deshalb fällt es erstens Menschen schwer sich zu „integrieren“, weil sie nicht wissen, wohin. Zweitens wissen Deutsche selber nicht, was sie sind. Sie wissen nur, was sie nicht sind. Damit funktioniert Inklusion nur durch Exklusion und Ausgrenzung. Dadurch kommen diese Probleme zustande. Die Debatte verhindert, dass ein Mensch, gleichzeitig deutsch und beispielweise muslimisch sein kann. Wohingegen zum Beispiel meine Verwandten in den USA dieses Problem nicht haben. Sie sagen einfach: Ich bin Amerikaner und ich bin Türke – das ist alles kein Problem und kein Widerspruch. Genauso wie meine Freunde in England, die sagen: „I am british“ und das ist für sie ein Teil ihrer Identität. Sie werden als Briten akzeptiert. Das ist in Deutschland erst einmal nicht der Fall.

Wenn ein Deutscher nicht weiß, was er ist, aber weiß, was er nicht ist, was weiß er denn dann überhaupt?
Das ist die Frage: Was macht das Deutschsein aus? Da kommen wir wieder zur ewigen „Leitkultur“-Debatte, die wir nicht zu Ende geführt haben. Ich würde sagen, man kann sich auf gemeinsame Werte einigen, so wie in England auf bestimmte Rechte oder in den USA auf gemeinsame Werte. Aber soweit sind wir nie gekommen. Bisher weiß man nur: Der Türke ist nicht deutsch. Der Muslim ist nicht deutsch. Und das sagt nichts darüber aus, was deutsch ist.

Was kann zum Jubiläum 50-Jahre Gastarbeiter geschehen, um das Klima zu entgiften?
Hier fallen mir viele Dinge ein. Ein erster Schritt wäre vielleicht, einfach einzusehen, dass man nicht 50 Jahre Jubiläum Gastarbeiter in Deutschland feiern sollte, sondern 50 Jahre Jubiläum „Deutsche
mit Migrationsgeschichte“. So dass man zumindest merkt, dass das schon lange keine Gastarbeiter mehr sind, sondern dass sie Teile dieser Gesellschaft sind und uns bereichern und die in Deutschland zu einer vielfältigen Kultur beigetragen haben.

Woher kommt die Motivation für Ihr Blog?

Ich hatte verschiedene Gründe. Ein Hauptgrund war, dass ich gemerkt habe, es gibt Vorurteile, es gibt Diskriminierung und Rassismus in Deutschland. Was kann ich tun? Ich kann mich natürlich beklagen, mich ärgern und zu Hause sitzen und nichts tun. Oder aber ich kann verstehen, warum es Rassismus gibt. Den gibt es, weil man das Gegenüber nicht kennt. Weil man dem Gegenüber bestimmte Eigenschaften zuschreiben kann und nie erfahren wird, ob diese tatsächlich zutreffen. Das heißt, um Vorurteile aufzubrechen,  müssen wir einander kennen lernen. Wir müssen einander näher kommen. Deshalb gebe ich mit meinem Blog einen Einblick in mein Leben geben, in meine Gedankenwelt und zeige: Ich bin ein Mädchen, das hier in Deutschland sozialisiert und aufgewachsen ist. Ich bin hier geboren, bin hier zur Schule gegangen. Mein Glaube ist muslimisch. Meine Großeltern kommen aus der Türkei. So denke ich, so lebe ich und so sieht mein Leben aus. Das, was in den Medien über Menschen, die so sind wie ich gesagt wird, das ist mir vollkommen fremd. Genauso wie es ihnen fremd ist.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade für Ihr Blog oder für die „taz“ schreiben?

Eigentlich studiere ich noch Politikwissenschaften in Hamburg und habe das letzte Jahr in London studiert. Daneben schreibe ich meine Kolumne, arbeite als freie Journalistin, unter anderem für die „taz“ und zusammen mit einigen anderen haben wir das Netzwerk „Zahnräder“ gegründet. Ein Netzwerk von intellektuellen, engagierten, aktiven Muslimen in Deutschland. Im September letzten Jahres hatten wir unsere erste Konferenz, bei der über 100 Muslime aus ganz Deutschland zusammenkamen. Von Filmemachern über Musikern bis hin zu Künstlern und politisch, wie akademisch aktiven Muslimen. Also Querbeet. Hier ging es um einen regen Wissenstransfer innerhalb der muslimischen Community. Es ging auch darum, denen, die bisher nicht wahrgenommen wurden, eine Stimme zu geben.

Als junge und moderne Frau, die Sie sind, tragen Sie Kopftuch – für Sie kein Widerspruch/ wie passt das für Sie zusammen?

Frauen in meiner Umgebung haben das Kopftuch selbstbewusst, souverän und selbstbestimmt getragen. Die Frage, ob sich das mit einem modernen, natürlichen Leben vereinbaren lässt, hat sich mir also nie gestellt.

Felix Kubach

Zum Blog von Frau Kübra Gümüsay: ein fremdwörterbuch

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