Kairo, Istanbul, Moskau: Ein Domino-Effekt über Kontinente hinweg

Alle schauen nach Ägypten und Tunesien. Möglicherweise haben die Ereignisse in Nordafrika auch langfristige Konsequenzen für das europäische Gleichgewicht. Vor allem Russland und die Türkei stehen in unerwarteter Weise im Rampenlicht.

Alle schauen nach Ägypten und Tunesien.Vor allem Russland und die Türkei stehen in unerwarteter Weise im Rampenlicht.

In unterschiedlichen Analysen beschäftigt sich die Jamestown-Stiftung aus Washington mit den Zusammenhängen. Sie kommt dabei zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen: Die Türkei kann eindeutig profitieren, weil dort das Modell der Versöhnung von Islam und Demokratie in Ansätzen zu gelingen scheint. Interessanterweise vergleichen türkische Beobachter das Bin Ali-Regime mit den türkischen Kemalisten: Beide haben autoritär regiert, mit der Armee als verlängertem Arm einer autokratischen Politik. Religion wurde unterdrückt, die Islamisten wurden (wie in der Türkei die Kurden) also notwendiger Feind von außen zugleich finanziert und bekämpft.

Das autoritäre Element machen die amerikanischen Forscher auch bei Vladimir Putin aus: Auch er hat Revolutionen hinter sich. Auch er hält nichts von Demokratie und Menschenrechten. Aber er fürchtet die Macht der Fernsehbilder: Daher kann es ihm nicht gefallen, wenn jetzt auch die russischen Medien rund um die Uhr von den Menschenmassen vom Tahrir Platz Erinnerungen an die Demos am Maidan in Kiew wachrufen. Was mit der orangenen Revolution in der Ukraine möglich war, kann auch in Moskau stattfinden. Und seit einigen Monaten ist der Unmut der Russen über das Regime Putin nicht zu überhören.

In beiden Fällen spielt auch der Islam eine entscheidende Rolle: Während die Türken darauf verweisen können, dass ein mehrheitlich muslimisches Volk in Frieden auch in einem ethnisch bunt gemischten Land zusammenleben kann, muss Russland in der ständigen Furcht vor dem Terror aus Kaukasien leben. Der Hass zwischen den Volksgruppen wird mit jedem Toten steigen. Schon heute arten Fußballspiele routinemäßig aus. Selbst die massive Polizeigewalt ist nicht in der Lage, die Ruhe im Land sicherzustellen.

Nicht zuletzt wegen der Gas-Pipelines sind die Türkei und Russland viel mehr als nur Nachbarn, die man mögen kann oder nicht. Die Entwicklung in beiden Ländern wird sich nachhaltig auf die wirtschaftliche Lage in Europa auswirken. Es könnte also sein, dass jenes Land der bessere Partner wird, der größere Fortschritte in Richtung Demokratie, Menschenrechte und Minderheitenschutz macht.

Michael Maier

Photo: tommyS, via pixelio.de

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