Gesicht Zeigen! – Ein "Wir" und "die anderen" darf es nicht geben

Der Verein Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V. führt bundesweit Projekte mit Kindern und Jugendlichen durch. Rebecca Weis, eine der beiden Geschäftsführerinnen, sprach mit den Deutsch Türkischen Nachrichten über Diskriminierung, den gezielten Einsatz von Medien und zukünftige Projekte - eines speziell für Jugendliche mit muslimischem Hintergrund ist auch dabei.

Wie lange gibt es das Projekt schon?

Wir haben zwei Jahre konkret an der Schule gearbeitet und ein Jahr lang den Materialkoffer entwickelt. Heraus gekommen sind sechs Arbeitshefte – von Berufsorientierung und Identitätsbildung, gelebter Demokratie im Klassenraum, über aktive Medienarbeit im Filmprojekt bis zu einer Unterrichtsreihe zum Thema Nazi-Aussteiger – eine CD zur Identitätsentwicklung und die DVD „…und Action!“, die einen Lehrfilm, über 40 Übungen und Methoden mit 170 Übungsblättern für ganze Unterrichtsreihen zur Mediennutzung beinhaltet. Hier liegt der Schwerpunkt ganz gezielt auf der kritischen Medienerziehung. Der Materialkoffer ist nun bei uns kostenfrei erhältlich.

Wer kann davon profitieren und wie?

Jede Schule, die an Maßnahmen zur Demokratieförderung interessiert ist. Alle Lehrer, die sich wirklich für langfristige und nachhaltige Arbeit zu den Themen Ausgrenzung und Diskriminierung interessieren und bereit sind, dafür Zeit zu investieren. Das „Klassenplenum“ zum Beispiel ist ganz einfach: einmal in der Woche setzen sich alle zusammen, die Schüler moderieren selbst und sprechen über alles, was in der letzten Woche gut oder schlecht lief – es geht nicht um den Unterrichtsstoff, sondern die Stimmung in der Klasse, Konflikte und ähnliches. Diese Einheit bietet Raum und Zeit für Problemlösungen und ist eine gute Investition, um sich danach mit neuer Kraft wieder in den Stoff zu vertiefen.

Wie reagieren die Schüler auf Ihre Arbeit?

Die meisten sind auf die konkreten Projektmodule sehr gut angesprungen. Das liegt natürlich daran, dass wir neue Methoden probiert haben, so haben wir einen intensiven einwöchigen Schauspielworkshop mit einer Klasse gemacht, mit einer anderen Klasse haben wir drei Wochen lang einen Film gedreht. Alles, was mit Medien zu tun hat, ist spannend – und über diese produktorientierte Arbeit sind die Schüler auch erreichbar für ernste und schwierige Themen. Wir haben aber auch sehr viel Übungen und Spiele zur Identitätsstärkung einbezogen, das hat die Schüler sehr motiviert. Außerdem hat sich unser pädagogisches Team von den Lehrkräften abgehoben und es war immer klar, dass es bei unseren Einheiten keine Noten gab – dafür jede Menge neuer Erfahrungen.

Mit welchen Erwartungen kommen die Lehrer auf Sie zu?

Das ist unterschiedlich. Sehr viele Lehrer sind wirklich sehr engagiert und auf der Suche nach neuem Material zu Themen wie Rassismus oder Diskriminierung. Vor allem, wenn es um das Thema Nazis geht, rechtsextreme Musik, Symbole, Modelabels sind sie oft sehr unsicher und auf der Suche nach Hilfe. Wir weisen immer darauf hin, dass wir nicht gern für einen Aktionstag als Fachkräfte in die Klasse kommen möchten und die Lehrer halten sich raus. Das reicht nicht aus, die Themen und auch die Methoden können nur weiter wirken, wenn die Lehrer mit unserem Material auch selbst weiter arbeiten.

Ist der Bedarf an solchen Projekten gestiegen?

Ja, vor allem der Bedarf an Angeboten, die über einen Aktionstag hinausgehen. Früher gab es oft eine Projektwoche im Jahr, die völlig unvermittelt und aus dem Schulalltag herausfallend, ein Thema wie Rassismus oder behandelt hat. Der Bedarf, derartig wichtige Themen längerfristig behandeln zu können, ist gestiegen. Es fehlt oft an Angeboten für bildungsbenachteiligte Schüler, also speziell für Haupt- und Sekundarschulen – genau für diese ist unser Materialkoffer gemacht.

Sind Sie schon einmal an einer Schulklasse gescheitert, weil sie nicht
mit sich arbeiten ließ?

Richtig gescheitert nicht – wir sind schon sehr oft relativ abgekämpft aus Klassen gegangen, wir haben oft wesentlich länger gebraucht, an die Schüler heran zu kommen oder sie für bestimmte Themen zu öffnen. Wir haben auch oftmals nicht den ganzen Stoff geschafft, den wir uns vorgenommen haben – aber wir haben noch nie ein Projekt oder eine Einheit abgebrochen. Das liegt natürlich daran, dass wir unsere Aktionen sehr gut vorbereiten – und bei „Fit gegen rechts“ haben wir ja mit der Schule zusammen gearbeitet, d.h. wir waren immer gut über die jeweilige Klasse informiert und konnten uns entsprechend vorbereiten.

Wie finanziert sich das Projekt?

„Fit gegen rechts“ wurde durch das Bundesfamilienministerium und die Bundeszentrale für politische Bildung finanziert. Gesicht Zeigen! finanziert sich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge – wir sind ein Verein und freuen uns über neue Mitglieder.

Welche Projekte planen Sie für die Zukunft?

Wie schon erwähnt planen wir auch in diesem Jahr wieder die Aktionswoche gegen Rassismus mit zahlreichen Veranstaltungen. In Brandenburg führen wir das Projekt „Gesellschaftsspiel“ durch. Außerdem arbeiten wir in unserer Ausstellung 7xjung weiter, wir möchten die Ausstellung erweitern und speziell bei der Zielgruppe einen Schwerpunkt auf Jugendliche mit muslimischem Hintergrund legen. Gerade diese Jugendlichen erleben oft, dass sie nicht gemeint sind, dass sie als die „Anderen“ oder „Ausländer“ ausgeschlossen sind. Die Sarrazin-Debatte hat mal wieder gezeigt, wie schnell die Teilung der Gesellschaft in „wir“ und „die anderen“ immer noch funktioniert. Wir möchten gerade diese Jugendlichen auf Augenhöhe ansprechen und gleichberechtigt einbeziehen – für ein demokratisches, weltoffenes Deutschland.

Näheres zum Verein Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.v. und zu den verschiedenen Projekten finden Sie unter: http://www.gesichtzeigen.de/

Interview: Laura Räuber

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