Erdogan in Düsseldorf: Assimilation als Verbrechen – der Anklage zweiter Teil?

Bei seinem letzten Besuch in Köln hatte der türkische Ministerpräsident für heftige Aufregung gesorgt: Assimilation sei ein Verbrechen. Sofort hagelte es Proteste aus Bayern. Auch am Sonntag wollen einige protestieren. Die Türken in Deutschland sehen dem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegen.

Es ist wieder mal so weit: Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird an diesem Wochenende im ISS Dome in Düsseldorf vor rund 15 000 in Deutschland lebenden Landsleuten und Deutschen eine Rede halten. Der Auftritt wird von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) organisiert.

Im Jahr 2008 hatte der Ministerpräsident bei seinem Auftritt in Köln für großes Aufsehen gesorgt. Aber auch dieses Mal gibt es Anzeichen dafür, das Erdogan in Deutschland nicht willkommen ist. Die Organisation ProNRW hat für Sonntag bereits eine Demonstration gegen Erdogan angekündigt. Es werden weitere Demonstrationen erwartet. Die deutsche Öffentlichkeit wartet gespannt darauf, welche symbolischen Nachrichten Erdogan in der Düsseldorfer Rede vermitteln wird.

Die Kölner Rede von 2008 ist ein Paradebeispiel für den Einfluss der Türkei auf die in Europa und insbesondere Deutschland lebenden Türken. Sie hat in ganz Deutschland aber auch in der Türkei für viel Aussehen gesorgt. Erdogan verlangte damals von den Deutschtürken und Türken mehr Integration. Er sagte, man müsse die deutsche Sprache gut sprechen können, dürfe aber dabei die türkische Sprache nicht vernachlässigen. Ferner forderte er mehr Engagement im Bildungsbereich. Er war der Meinung, man brauche in Deutschland türkische Schulen und Universitäten, um das Bildungsdefizit relativieren zu können. Er warnte aber auch davor, dass die Türken sich nicht assimilieren dürfen und sagte „Assimilation ist ein menschliches Verbrechen“. Viele Migranten bezeichneten damals Erdogan als ihre eigene Stimme.

Februar 2011 – In Düsseldorf wird der türkische Ministerpräsident mit hunderten von Plakaten, die ihn als „Unser Ministerpräsident Erdogan in Düsseldorf“ bezeichnen, angekündigt. Die Inhalte seiner Rede sind zwar noch unbekannt, aber es wird natürlich erwartet, dass er erneut auf die Integrationsdebatte eingehen wird.

Welche Bedeutung hat Erdogan für die türkische Bevölkerung in Deutschland? Repräsentiert er wirklich die Stimme der in Deutschland lebenden Türken?

Sofort fällt auf, dass die Meinungen sehr gespalten sind. Insbesondere die erste und zweite Generation der Migranten sehen sich das erste Mal von der türkischen Regierung unter der Führung Erdogans als vollwertiges Mitglied der Türkei aber auch Deutschlands akzeptiert. Denn Erdogan bezeichnet die Türkischstämmigen in Deutschland als ein Teil dieses Landes. Dies hat zuvor weder ein türkischer noch ein deutscher Politiker geschafft.

In Deutschland herrschte jahrzehntelang der Gedanke des Migranten, der „bald nach Hause“ zurückkehren wird. Aber die Realität sieht ganz anders aus. Für die meisten Migranten ist Deutschland ihre Heimat, Türkei lediglich nur ein Urlaubsort. Die Vorstellung einer Zukunft in der Türkei schreckt insbesondere viele Jugendliche mit Migrationshintergrund ab. Daher versuchen sie durch mehr Engagement im Bildungsbereich und in der Politik die Situation in Deutschland zu verändern. Dies bestätigen auch die Statistiken, die deutlich zeigen, dass immer mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund einen Hochschulabschluss erlangen und am aktiven politischen Leben teilnehmen.

Heute meinen viele, dass erst durch Erdogans Kölner Rede die deutschen Politiker auf die Probleme der Migranten in Deutschland aufmerksam geworden sind. Erdogan teilte ihnen implizit mit, dass sie nicht in der Lage seien, die Probleme der Integration zu lösen. Dies provozierte natürlich in Deutschland sehr kontroverse Debatten.

Viele sind aber auch der Meinung, dass Erdogan nicht das Recht habe, sich in die deutsche Politik einzumischen. Er repräsentiere den konservativen Islam und vermittle somit nicht die laizistisch-kemalistischen Gedanken und könne folglich nicht die Stimme der europäischen Türken sein.

Freilich stellt sich jetzt die Frage: Wofür steht Erdogan eigentlich? Versucht er mit seiner Rede lediglich nur im Hinblick auf die Wahlen im Juni die Stimmen der rund 1,5 Millionen in Deutschland lebenden türkischen Auslandswähler zu bekommen? Oder interessiert sich die Türkei wirklich für die Situation der türkischstämmigen Migranten in Europa?

Recep Tayyip Erdogans Bedeutung

Zur Bedeutung von Erdogans Rede in Deutschland äußerte sich Dr. Yilmaz Bulut, stellvertretender Vorsitzender Der UETD, in der Zeitung Zaman.

Dr. Yilmaz Bulut stellt heraus, dass Erdogan in seiner berühmten Kölner Rede mehr Integration von den Türken, die in Deutschland leben, forderte aber ebenfalls betonte, dass „Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschheit“ sei. Dies rief eine große Debatte über die Frage der Integration in Deutschland aus. Zunächst wurde Erdogan vorgeworfen, er mische sich in die inneren Angelegenheiten Deutschlands ein. Er wolle die Bindung der Türken in Deutschland zum Heimatland Türkei aufrechterhalten, obwohl diese sich für eine Zukunft in Deutschland entschieden haben. Die Öffentlichkeit vertritt die Meinung, dass die in Deutschland lebende Türken nicht zu einer „doppelten Zugehörigkeit“ gezwungen werden dürfen, da dies eine Parallelgesellschaft hervorrufen würde. Ferner wurde die Forderung nach türkischen Schulen und Universitäten strikt abgelehnt. Erdogan wurde ebenfalls unterstellt, er nutze die Türken in Deutschland für seine eigene Wahlkampagne und Politik aus. Er profitiere von der Identitätskrise der Türken und den Integrationsproblemen in Deutschland, um sie an die Türkei binden zu können und bilde somit eine Alternative zur deutschen Politik.

Dr. Bulut ist der Meinung, dass sich viele Türken in Deutschland noch immer der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Ihre Bemühungen, Deutschland mit zu gestalten, werden in Grenzen gehalten oder sogar ganz abgelehnt. Die Aufgabe der deutschen Politik müsse es sein, Migranten nicht mehr als „die Anderen“ zu sehen, sondern sie intensiver in die Politik mit einzubeziehen. Sie müssen die Möglichkeit bekommen, die eigenen Probleme und Defizite festzustellen, eine Sensibilität gegenüber diesen zu entwickeln und Lösungsvorschläge zu entfalten.

2008 wurde Erdogan insbesondere von Christdemokraten und Günther Beckstein (CSU) scharf kritisiert, die ihm den Vorwurf machten, das deutsch-türkische Klima negativ beeinflusst zu haben. Sie unterstellten ihm, die türkische Sprache und Kultur eindeutig über die deutsche zu stellen, wenn er seine Landsleute auffordere, sich nicht zu assimilieren. Beckstein sagte ebenfalls, dass Ghettoisierungstendenzen in Deutschland von der türkischen Regierung unterstützt werden.

Alle sind jedenfalls gespannt: Wird Erdogan wieder eine provokative Rede halten oder in einem gemäßigten Ton über die Integration in Deutschland sprechen? Es steht fest, dass die Rede in Düsseldorf für Türken, Deutschtürken und Deutsche eine wichtige Bedeutung hat.

Wird Erdogan die in Deutschland lebenden Türken dahingehend motivieren, sich weiter zu integrieren, die deutsche Sprache zu lernen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Oder wird seine Düsseldorfer Rede künftig die Spaltung und die Ghettoisierung fördern? Die Türken in Deutschland verfolgen Erdogans Auftritte immer mit Emotionen – entweder weil sie seine Fans sind, oder ihm mit Skepsis begegnen. Gleichgültig lässt der türkische Ministerpräsident jedenfalls keinen.

Serpil Tirhis-Efe

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