Erdogan sagt, was die Türken von Merkel hören wollen

Der türkische Premier ist ein Mann der starken Worte. Aber wie kommen sie eigentlich bei den in Deutschland lebenden Türken an? Eine Analyse.

Recep Erdogan weiss, wie man Emotionen weckt. In Düsseldorf ruft er seinen Zuhörern zu: „Man nennt euch Gastarbeiter, Ausländer oder Deutschtürken. Aber egal, wie euch alle nennen: Ihr seid meine Staatsbürger, ihr seid meine Leute, ihr seid meine Freunde, ihr seid meine Geschwister!“

Daher verwundert es nicht: Die meisten der in Deutschland lebenden Türken sind von Erdogans Auftritten immer sehr fasziniert. Für viele Türken stellte daher auch Erdogans Rede am Sonntag im ISS Dome von Düsseldorf keine Wahlkampagne dar. Sie bewundern vielmehr das Engagement des Präsidenten und seinen Einsatz für die eigenen Landsleute. Sein Charisma und die Art und Weise an die aktuellen Probleme einzugehen, begeistern die türkischen Landsleute. Erdogan wendet sich direkt an die Emotionen der in Deutschland lebenden Türken, an das Gefühl des Nicht-Verstanden-Seins. Er trifft einen Nerv bei seinen Zuhörern. Mit Tränen in den Augen verlassen Männer und Frauen den Saal. Sie sind der Meinung, Deutschland werde sie nie akzeptieren, dafür aber Erdogan. Und er sagt es ihnen auch.

Viele freuen sich, dass sich zum ersten Mal ein türkischer Ministerpräsident für die Probleme der im Ausland lebenden Türken interessiert. Nicht nur Migranten der ersten und zweiten Generationen fühlen sich dabei angesprochen, sondern auch die Jüngeren, die der Ansicht sind, dass Erdogan es schaffen wird, dass Angela Merkel sie als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anzuerkennen. Sie bezeichnen ihn als „unseren Anwalt“. Die Sympathie, die Erdogan entgegengebracht wird, hat in erster Linie mit seinem Charisma zu tun. Manch ein Deutschtürke findet zu Angela Merkel keinen Zugang, weil sie gerade in Migrationsthemen kühl und distanziert wirkt. Begeistert sind die Leute nicht in erster Linie von Erdogan, dem „Türken“, als vielmehr von einem Politiker, der Leidenschaft und Engagement ausstrahlt.

Die deutsche Öffentlichkeit interpretierte seine Rede dagegen als Teil des innerpolitischen Wahlkampfs. Die „Zeit“ bezeichnete seine Rede als eine Art Stimmenfang mit wohlklingenden Versprechungen, deutete aber auch auf die klaren Worte Erdogan zur Integration. Laut „Zeit“ sei Deutschland nach Istanbul, Ankara, Izmir der viertgrößte Stimmbezirk Erdogans. Er versuche somit die begehrten Stimmen seiner Auslandwähler für sich zu gewinnen. Die „Welt“ zitierte Erdogan: „Deutschland muss Unterschiede als Reichtum akzeptieren.“

Laut „Spiegel“ ist Erdogans Rede eine reine „Inszenierung,  die nicht die Zugehörigkeit zu Deutschland bestärkt hat – Erdogan appellierte unablässig an das türkische Nationalgefühl derer, die seit vier Generationen in Deutschland zu Hause sein müssten“.

Die türkischen Blätter Hürriyet und Zaman berichteten ebenfalls über die Rede, ohne jedoch auf ihre tiefere Bedeutung einzugehen. Zaman Europa stellte zuvor einen Katalog über die Erwartungen der in Deutschland lebenden Türken auf. Folgende Punkte standen dabei im Vordergrund: das Wahlrecht, die doppelte Staatsbürgerschaft, das Problem des Visums, die Anerkennung der in der Türkei erworbenen Diplome. Erdogans Aussagen zu diesen Themen blieben eher im Allgemeinen: In einigen Punkten verwies der Premier auf bürokratische Hürden, die noch zu nehmen seien. Die Aufwertung der Blauen Karte (Mavi Kart) zum „Personalausweis“ ist aus Sicht der Inhaber dieser Karte nur ein erster Schritt, denn wichtige Elemente wie etwa das Wahlrecht gibt es weiterhin nicht für die türkischstämmigen deutschen Staatsbürger. Die Themen Visum und Anerkennung der Diplome wurde von Erdogan gar nicht angesprochen.

Erdogan hatte am Sonntag in Düsseldorf vor 11.000 Türken und Deutschtürken gesprochen. 2008 hatte eine ähnliche Rede in Köln zu massiven Proteste geführt. Erdogan verlangte damals mehr Integration von seinen Landsleuten, aber warnte vor Assimilation.

Auch am Sonntag betonte er die Integration. Er sagte: „Ich sage Ja zu Integration, Nein zu Assimilation.“ Immer wieder wurde seine Rede durch den Jubel seiner Fans unterbrochen. „Wir sind stolz auf dich“ war die Devise des gestrigen Abends. Erdogan entgegnete seinen Fans mit „Ihr seid nicht allein!“.

Ferner sagte Erdogan, dass in Deutschland und in Europa Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie zunehme. „Islamophobie ist wie Antisemitismus und Rassismus ein menschliches Verbrechen“. Er forderte von den deutschen Politikern, mit ihren Aussagen die Lage nicht zu verschärfen. Er teilte auch mit, dass die Türkei diese Veränderungen in Europa mit „großer Beunruhigung“ verfolge. Ihm sei es wichtig, dass sich seine Landsleute auf der ganzen Welt wohlfühlen, dass ihre Probleme die Probleme der Türkei seien.

Des Weiteren verlangte Erdogan erneut von seinen Zuhören, die deutsche Sprache zu lernen und sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren: „Ich will, dass ihr Deutsch lernt, dass eure Kinder Deutsch lernen, sie sollen studieren, ihren Master machen. Ich will, dass ihr Ärzte, Professoren und Politiker in Deutschland werdet“. Er hob ebenfalls hervor, dass niemand das Recht dazu habe, einem die eigene Kultur zu verbieten.

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