Die jungen Ägypter wandeln auf Karol Wojtylas Spuren

Tyrannen sichern ihre Macht gerne mit dem Slogan: Ohne mich wäre alles noch schlimmer! Das hat auch der ägyptische Präsident in den vergangenen Jahrzehnten geschickt gemacht. Er beschwor die islamistische Gefahr, um die Unterdrückung im eigenen Land zu rechtfertigen. Zugleich...

Tyrannen sichern ihre Macht gerne mit dem Slogan: Ohne mich wäre alles noch schlimmer! Das hat auch der ägyptische Präsident in den vergangenen Jahrzehnten geschickt gemacht. Er beschwor die islamistische Gefahr, um die Unterdrückung im eigenen Land zu rechtfertigen. Zugleich trug er in der Tat zur Stabilität in der Region bei: Indem er etwa die Hamas unter Kontrolle hielt, erleichterte er Israel das Leben und Überleben.

Jedoch: Das Gleichgewicht des Schreckens ist auf Dauer nicht zu halten. Der Balanceakt wird zu kompliziert. Die Aufstände in Tunesien und Ägypten beweisen: Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind Güter, die allen Menschen zustehen. Im Zeitalter von Facebook und Twitter verbreitet sich die frohe Botschaft schnell. Staatliche Zensur, Willkür und Unterdrückung versagen.

Zu den Grundrechten der Menschen gehört auch das Recht auf freie Religionsausübung. Religionen sind fast immer schlecht für Diktatoren. Der Papst aus Polen hat seinerzeit maßgeblich dazu beigetragen, dass der Eiserne Vorhang zerbrach. Die polnische Solidarnosc war keine katholische Bewegung, ohne das religiöse Fundament hätte es sie jedoch vermutlich nicht gegeben. Die Friedensbewegung in der DDR: Ohne die Kirchen schwer vorstellbar.

Eine ähnliche Rolle spielt der Islam heute in den arabischen Ländern: Die meisten Muslime sind jung – in Ägypten ist der Großteil der Bevölkerung um die zwanzig Jahre alt. Diese Protestbewegung ist inspiriert von der aufklärerischen Tradition des Westens und dem Gefühl für die Würde des Menschen, wie sie jede große Weltreligion lehrt – auch der Islam.

Es wird nun entscheidend darauf ankommen, dass der Westen sich nicht am vergifteten Apfel des Tyrannen Mubarak verschluckt: Dieser hatte der Welt den Eindruck vermittelt, dass die Alternative zu seiner harten Hand der islamistische Gottesstaat sei. Er hat radikale Gruppen aufgeblasen, um einen Feind bekämpfen zu können. Der vom amerikanischen Machiavellismus geprägte israelische Premier Netanjahu hat ihm das gerne geglaubt – und spielt die Karte im legitimen nationalen Interesse Israels.

Deutschland muss immer sensibel sein, wenn es um Israel geht. Was die Deutschen jedoch dank der muslimischen Landsleute zwischen Rhein und Oder der ganzen Welt (also auch den Israelis) getrost mitteilen können: Es gibt den dritten Weg. Die Einbindung von Muslimen in demokratische Strukturen ist möglich. Dass sie in Ägypten gelingt, ist im Interesse der Region ebenso wie im vitalen Interesse Europas.

Michael Maier

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