"Kinderarmut ist noch ein großes Problem in der Türkei"

Daniel Schraad-Tischler, Projektmanager für Evidenzbasierte Politikstrategien in der Bertelsmann-Stiftung, erläutert die Hauptergebnisse der aktuellen Studie über soziale Gerechtigkeit in den OECD-Staaten mit dem speziellen Fokus auf Deutschland und die Türkei, die in der Untersuchung auf dem letzten Platz rangiert.

Die Türkei hat nach den Zahlendie größten Defizite in den Bereichen Armutsvermeidung, Zugang zu guter Bildung und sozialer Kohäsion. Sie schneidet in allen fünf Gerechtigkeitsdimensionen deutlich schlechter ab als Deutschland. Bei der Interpretation der Ergebnisse sollte man die jeweiligen nationalen Bedingungen und Langzeittrends in Rechnung stellen. Als eine der größten Industrienationen mit dem Selbstverständnis einer Sozialen Marktwirtschaft ist ein Mittelfeldplatz für Deutschland sicherlich  enttäuschend. Die Türkei macht viele Fortschritte, aber sie braucht womöglich einfach noch Zeit, um die sozialen Standards anderer OECD-Länder zu erreichen.

Laut Ihrer Studie kommt es in Deutschland zu einer wachsenden Polarisierung der Einkommensgruppen. Ist das in der Türkei genauso?

Dieser Trend ist in der Türkei so nicht zu beobachten. In absoluten Zahlen liegt die Einkommensungleichheit in der Türkei aber noch deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

Wie wirkt sich der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund auf die Ergebnisse eines Landes aus?

Soziale Kohäsion ist undenkbar ohne eine gute Integrationspolitik und staatlichen Schutz vor Diskriminierung. Es gibt Einwanderungsländer wie Kanada und Neuseeland, die beispielhaft für Integration und gesellschaftliche Teilhabe von Migranten sind und zugleich im Gerechtigkeitsindex relativ gut abschneiden. Es wäre jedoch auf der Basis unserer Daten vollkommen verfehlt, einen allgemeingültigen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Zuwanderer und der Qualität sozialer Gerechtigkeit zu konstruieren.

Wie sieht das konkret im Alltag für Menschen mit Migrationshintergrund aus? Wie steht es etwa um ihren Bildungszugang in Deutschland?

Beim Bildungszugang hat Deutschland die größten Defizite. Ungleiche Bildungschancen sollten aber weniger als Integrationsproblem, sondern vielmehr als generelles soziales Problem betrachtet werden. Die PISA-Studie hat einmal mehr gezeigt, dass der sozioökonomische Hintergrund eines Schülers in Deutschland das Leistungsbild stärker beeinflusst als in den meisten anderen Ländern – Kinder mit Migrationshintergrund haben es dabei schwerer als Kinder ohne Migrationshintergrund. Allerdings haben sich die Chancen von Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund im Vergleich zur letzten PISA-Erhebung verbessert. Schüler, bei denen beide Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, schneiden nach den jüngsten Zahlen der OECD um 56 PISA-Punkte schlechter ab als gleichaltrige Schüler ohne entsprechenden Migrationshintergrund. 2000 betrug der Abstand noch 84 PISA-Punkte.

Und in der Türkei?

Interessanterweise ist der gerade beschriebene Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund und der Leistung eines Schülers in der Türkei weniger stark ausgeprägt als in Deutschland. Im türkischen Bildungswesen gibt es dafür andere gewichtige Defizite, etwa starke regionale Unterschiede, veraltete Lehrpläne und Defizite bei der Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern.

Was tut Deutschland für die Integration, was machen andere Länder besser?

Nachdem sich in der deutschen Integrationspolitik über Jahrzehnte vergleichsweise wenig bewegt hat, setzt sich seit zehn Jahren ein stärkeres Bewusstsein für vermehrte Integrationsanstrengungen durch. Mit Blick auf geringqualifizierte Migranten sind weitere Anstrengungen nötig, um ihnen bessere Chancen zur Bildung und Weiterbildung und auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Klassische Einwanderungsländer wie Australien und Kanada sind uns hier um viele Jahre voraus.

Was machen die Spitzenreiter der Studie, wie Island oder Schweden, insgesamt besser als andere Länder?

Der Erfolg der nordeuropäischen Staaten im Gerechtigkeitsindex erklärt sich vor allem damit, dass soziale Teilhabe dort traditionell einen hohen Stellenwert genießt. Die nordeuropäischen Länder zählen zum Typus des universalistischen Wohlfahrtsstaates, die durch vergleichsweise umfangreiche sozialpolitische Investitionen versuchen, Exklusion von vornherein auszuschließen und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Hierbei geht es um gezielte sozialpolitische Investitionen.

Nehmen wir als Beispiel Schweden: Werte wie gleiche Teilhabechancen und Solidarität sind in der schwedischen Gesellschaft traditionell tief verankert, so dass die durchaus hohen steuerfinanzierten Sozialausgaben des Staates von einem breiten Wertefundament getragen und nicht wirklich angezweifelt werden. Das Bildungssystem ist vergleichsweise inklusiv und ermöglicht vielen Menschen sozialen Aufstieg. Dies schlägt sich dann wiederum in niedrigen Armutszahlen nieder. Schweden hat mit die geringste Einkommenspolarisierung und bekommt Bestnoten hinsichtlich seiner Antidiskriminierungspolitik. Schweden zeigt damit, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Gerechtigkeit sich keineswegs gegenseitig ausschließen müssen.

Interview: Laura Räuber/ Felix Kubach

Studie zum Download: Soziale Gerechtigkeit in der OECD

Grafik: Soziale Gerechtigkeit im OECD-Vergleich

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