Heimat ist dort, wo du satt wirst

Heimat ist dort, wo du satt wirst Im Türkischen gibt es ein Sprichwort, das besagt „Insanın vatanı doğduğu yer değil, doyduğu yerdir". Das heißt so viel wie: „Nicht wo du geboren bist, sondern wo du satt wirst, ist deine Heimat." So einfach darf der Heimatsbegriff selbstverständlich nicht verstanden werden.

Denn dazu gehört auch eine emotionale Bindung. Eine Bindung an die Natur, die Sitten und Bräuche, an gemeinsame positive und negative Erinnerungen aus früher Kindheit und Jugend. Eine sentimentale Bindung gehört also genauso dazu wie die materielle. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Migranten gleich in der ersten oder zweiten Generation Deutschland als ihre Heimat bezeichnen müssen.

Eher im Gegenteil. Migranten müssen höhere Barrieren überwinden als die ansässige Bevölkerung. Sie werden als Konkurrenten betrachtet und werden zunächst meist Teil der Unterschicht. Zudem müssen sie sich in einer fremden Umwelt einleben. Dies ist ein Prozess, der über mehrere Generationen andauern kann. Diskussionen über Rückkehr, mangelnde Integrationsbereitschaft und Assimilation verlangsamen den Prozess.

Für viele ist Deutschland inzwischen zur Heimat geworden. Seit sie denken können, werden sie in diesem Land satt. Auch eine sentimentale Bindung haben sie. Vielleicht sagen sie noch nicht, dass sie Deutsche sind, allerdings definieren sie sich als Berliner, als Schwaben und sogar als Oberbayern.

Selbst Rückkehrhilfen konnten sie nicht dazu bewegen, ihre neue Heimat zu verlassen. Am 1. Oktober 1983 beschloss die damalige Regierung ein Jahr lang einen finanziellen Anreiz von 10.500 DM für die Rückkehr anzubieten. Zudem konnten sich die Migranten ihre eingezahlten Beiträge zur Rentenversicherung sowie staatlich bezuschusste Bausparverträge und Spareinlagen ohne die üblichen Wartefristen und Kürzungen auszahlen lassen. Das war damals alles in allem viel Geld.

Manche haben das lukrative Angebot angenommen. Allerdings wurde den rückkehrenden Migranten in der Türkei schnell deutlich, dass sie sich zu sehr an deutsche Sitten und Bräuche, an die Arbeitsdisziplin und das System gewöhnt hatten. Deutschland hatte sich zu ihrer Heimat entwickelt. Daher kamen sie in der damals von Korruption und Arbeitslosigkeit geplagten Türkei nicht zurecht.

Auch auf die Vorzüge der Menschenrechte und der Demokratie in Deutschland konnten sie nicht mehr verzichten. Viele dieser zurückgekehrten Migranten rieten ihren Verwandten daher davon ab, in die Türkei zurückzukehren. So blieben denn auch die meisten in Deutschland. Das Gesetz wurde zur symbolischen Geste in Richtung deutsche Bevölkerung, die suggerierte, dass etwas gegen Ausländer getan wird; und eine Geste in Richtung Migranten, mit der deutlich gemacht werden sollte, wo sie eigentlich hingehören.

Das Gesetz wurde nicht erneut aufgelegt. Seine Auswirkungen waren in der Ausländerstatistik kaum zu bemerken. Wohl aber wirkte sie sich auf die Wahrnehmung der Migranten in Deutschland aus. Es entstand der Eindruck, dass Integrationsbereitschaft und sozialer Aufstieg unerwünscht seien. Man machte ihnen deutlich, dass Deutschland nicht ihre Heimat sei.

Erleben wir das nicht heute auch? Diskussionen über Islam, Integration, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Armut und Bildungsdefizite werden auf die Migranten abgewälzt. Sogar an der Bierflaute in Bayern sollen muslimische Migranten schuld sein. Es entsteht der Eindruck, dass Migranten der Fremdkörper sind, der Deutschland kaputt macht.
Für die Migranten ist Deutschland längst zur Heimat geworden. Es hat einige Generationen gedauert. Mal sehen wie viel Generationen die Deutschen brauchen, um das wahrzunehmen?

Ercan Karakoyun

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