Alle Araber schauen nach Istanbul

Zwei Drittel der Befragten sehen in der Türkei ein Modell für die arabische Region und eine erfolgreiche Verbindung von Islam und Demokratie. So das Ergebnis einer in dieser Woche veröffentlichten Studie der Türkischen Stiftung für Wirtschaftliche und Soziale Studien (TESEV). Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Tunesien und Ägypten wird die Studie unter besonderer Aufmerksamkeit derzeit reflektiert.


Nicht nur wegen der guten Wirtschafts-Beziehungen ist die Türkei ein Modell

2.267 Menschen aus Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Saudi-Arabien, Syrien, dem Irak, dem Iran sowie den Palästinenser Gebieten hatten sich in der Studie im September 2010 geäußert. Mehr als 65 Prozent der Befragten waren sich einig, dass die Türkei ein Modell für andere Länder sein könnte.
Demnach sehen zwei von drei der Befragten die Türkei als „erfolgreiche Verbindung von Islam und Demokratie“. 85 Prozent der Umfrageteilnehmer beurteilten die Türkei als gut oder sehr gut. Die Sympathiewerte für die Türkei in der Region sind damit im Vergleich zu einer TESEV-Untersuchung von 2009 gestiegen.

Das Ergebnis der Studie trifft den Puls der Zeit. Menschen in Tunesien und Ägypten gehen gegen ihre Diktatoren auf die Straße und auch in Jordanien, Jemen und vermutlich bald in Syrien wird es zu großen Protestdemonstrationen kommen. Seine Zukunft, so lautet die Botschaft, kann man selbst entscheiden. Aber die Demonstranten in Tunis und Kairo wollen auch nicht ihren Diktator gegen eine Mullah-Theokratie nach iranischem Vorbild eintauschen.

Ein guter Mittelweg scheint da die Türkei. Auch in Anatolien ist die Mehrheit muslimisch – darauf weisen 15 Prozent der Befragten ausdrücklich hin. Doch in der Türkei gibt es, anders als im Nahen Osten, seit den 50er Jahren Wahlen, die diesen Namen verdienen, trotz mehrmaliger Militärputsche. Vorbildfunktion erlangte die Türkei aber erst, nachdem die islamisch grundierte AK-Partei 2002 an die Macht kam. Ministerpräsident Erdogan wies das westlich orientierte Militär politisch in die Schranken und setzte eine konservativ-religiöse, mit vielen Ländern des Nahen Ostens vereinbare gesellschaftliche Grundhaltung durch. Außerdem sorgte er für ein stabiles Wirtschaftswachstum von durchschnittlich fünf bis sechs Prozent.

So ist es kein Wunder, dass auch Erdogan selbst nach Ansicht des bekannten Kolumnisten Fehmi Koru, eine nicht zu unterschätzende Rolle in diesem Gefüge spielt. Nicht nur seine Persönlichkeit, auch seine Haltung gegenüber Israel hätten ihm Sympathiepunkte eingebracht. Er habe an der Legende vom politisch unbesiegbaren Israel gerüttelt – aus Sicht der arabischen Welt ein großer Erfolg. Lob fand auch dessen Mahnung in Richtung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, „den Willen seines Volkes zu akzeptieren“. Deutlich wies Erdogan darauf hin, dass die amtierende ägyptische Regierung unfähig und nicht vertrauenswürdig sei, um die Demokratie in kürzester Zeit wie eine wirstder wirken zulassen.

Beachtenswert ist, nach Einschätzung von Ekrem Güzeldere, Analyst der Europäischen Stabilitätsinitiative ESI, noch ein weiterer Aspekt: „Türkische Fernsehserien, die täglich laufen, wurden viel auch im arabischen Fernsehen gezeigt und sind sehr beliebt. Und sie haben zu einem Tourismusboom geführt. Es werden die Orte, an denen diese Serien gedreht werden, von arabischen Touristen gerne besucht“. Dort werde die Türkei, was das Gesellschaftsbild, was die Beziehung von Mann und Frau betreffe, als ein modernes Familienleben gesehen, an dem sich arabische Mittelschichten orientieren könnten.

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