„Die Türken haben mich mit ihrer Bildungsarbeit mehr als überzeugt“

Winfried Sturm, Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik und „Lehrer des Jahres 2004“, erklärt, wie man Schüler zum Lernen motiviert, wie für ihn das Idealbild des Lehrers aussieht und warum die Deutschlandtürken besonders gute Bildungsarbeit leisten.

In den achtziger Jahren. Die Erziehung war nicht mehr so streng, wie ich es aus meiner Zeit noch kannte. Die Eltern ließen den Kindern zunehmend mehr Freiraum. Deswegen haben wir heute nicht Probleme mit den Schülern, sondern mehr mit den Eltern.

Wie hat sich denn das Berufsbild des Lehrers in dieser Zeit gewandelt?

Eindeutig zum Negativen. Wenn ich an die Zeit, wo ich in der Schule war, zurückdenke, da war der Lehrer eine Autoritätsperson. Wir haben nicht nur akzeptiert, was er uns sagte, sondern waren bemüht, seinen Wünschen zu entsprechen. In den Achtzigern verbreitete sich dann die Einstellung „Der Lehrer wird ja von uns bezahlt. Er ist für uns da und nicht wir für ihn.“ Es war ein sehr ökonomischer Blick auf den Lehrer. Er wurde ja mit unseren Steuergeldern entlohnt und sein Job war es, den Wünschen und Erwartungen der Eltern und Schüler zu entsprechen. Zunehmend war der Lehrer zum Schuldigen für Missstände abgestempelt worden. Die Medien und auch Politiker schimpften über „die“ Lehrer. Gerhard Schröder zum Beispiel nannte sie „die faulen Säcke der Nation“.

Ist die Kritik denn nicht berechtigt? Die Lehrer haben einen sicheren und gutbezahlten Arbeitsplatz, lange Ferien und sind im Klassenzimmer ihr eigener Herr. Wen kann man denn für die Bildungsmisere verantwortlich machen, wenn nicht die Lehrer?

Früher hat man ja das vielschichtige Bildungssystem nicht auf Mängel und Stärken überprüft. Der Lehrer ist zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Teil dieses Systems. Als der Bedarf an gut ausgebildetem Nachwuchs in der Wirtschaft stieg, wurden kritische Fragen an den Lehrer gestellt. An vielen Lehrern ist diese teilweise öffentlich geführte Debatte jedoch vorbeigegangen. Sie haben erst später gemerkt, dass ihr Berufsbild sich zum Negativen verändert. Das Problem hat viele Aspekte: Die Ausbildung der Lehrer an den Fakultäten, das föderale Bildungssystem Deutschlands und die Politik, die ja letztendlich über Gesetze und Verordnungen den Rahmen setzt.

Wie ist die Situation heute?

Alle haben die Wichtigkeit des Lehrers und die Notwendigkeit eines positiven Lehrerbildes in der Öffentlichkeit erkannt. In den letzten 5 Jahren haben Bemühungen in diese Richtung zugenommen.

Die andauernde Bildungsdebatte hat ja ihren Anfang in den für Deutschland schlechten PISA Ergebnissen aus dem Jahre 2000. Berlin will zum Beispiel die Leistung der Schulen und der Lehrer stärker messen. Finden Sie das richtig?

In anderen Bereichen ist das ja üblich. Was leistet eine Abteilung, was bringt ein Mitarbeiter dem Betrieb, sind ganz gängige Fragen. In der Bildung ist es aber schwierig, die Leistung objektiv zu messen. Und wie wollen Sie die Leistungsstarken belohnen? Eine öffentlich -positive Anerkennung des Lehrerberufs erscheint mir umso wichtiger.

Sie sind 2004 zum „Lehrer des Jahres“ gewählt worden. Wie ist Ihre Beschreibung des „idealen Lehrers“?

Ein Lehrer ist in erster Linie nicht ein Beamter, sondern ein Mensch. So sollte auch sein Umgang mit Schülern, Kollegen und Eltern sein: menschlich. Er muss motivierend auf die Schüler wirken und mit ihnen umgehen können. Er muss ein Gefühl dafür haben, wie man einen Schüler „anpackt“. Nicht durch sein Amt, aber durch seine Persönlichkeit und Kenntnisreichtum sollte der Lehrer eine Autorität sein. Der Respekt gegenüber dem Lehrer ist etwas, was über Jahre entsteht. Es ist falsch, sich vor die Klasse zu stellen und zu fordern, „ich bin euer Lehrer, respektiert mich!“. Sie müssen als Lehrer in erster Linie das Vertrauen der Schüler gewinnen und was ganz wichtig ist: Freude an dem Beruf haben.

So, wie sie den Beruf des Lehrers beschreiben, ist es ja mehr eine Berufung als Beruf.

Natürlich muss der Lehrer eine Berufung in sich tragen. Wenn er darin einen „Job“ sieht, bei dem er viel Freizeit hat und gut verdient, dann hat er sich für einen falschen Beruf entschieden. Mit den Jahren brennt jemand, dem es keine Freude macht, mit Jugendlichen umzugehen und die richtige Einstellung zu dem Beruf hat, innerlich aus.

Sie haben bei dem PANGEA Mathematik-Wettbewerb mitgewirkt. Wie wichtig sind denn Wettbewerbe wie PANGEA?

Jeder Wettbewerb, den man mit Schülern macht, ist eine Bereicherung. Bei Wettbewerben lernen Schüler neue Freunde kennen und machen die Erfahrung, sich in direkter Konkurrenz zu Gleichbegabten zu behaupten. Das ist eine ganz andere Situation als in der Schule. Hier steht die Freiwilligkeit und Begeisterung im Mittelpunkt, da der Zwang zu lernen. Den PANGEA Mathematikwettbewerb von Academy e.V. finde ich aber echt Klasse, weil er die jüngeren Schüler/innen einbezieht, die bei anderen Wettbewerben nicht angesprochen werden und zweitens, weil es von einem Verband veranstaltet wird, der von Deutschlandtürken gegründet worden ist. Gerade die Idee, Schüler mit Migrationshintergrund für Mathematik und Naturwissenschaften zu begeistern, finde ich Spitze. Dass es den Veranstaltern gelungen ist, innerhalb von vier Jahren auch staatliche Schulen und deutsche Familien und Schüler für den Wettbewerb zu begeistern, zeigt das steigende Bildungsengagement der Deutschlandtürken und die Qualität der Bildungsarbeit.

Der Wettbewerb füllt also eine wichtige Lücke?

Ja, natürlich. Dieser ist ganz wichtig, weil dieser Wettbewerb sich an Schüler aus den Klassen 4-7 richtet. Für diesen Bereich gibt es keinen vergleichbaren bundesweiten Wettbewerb wie PANGEA. Ich habe auch an Lehrerfortbildungen der Academy e.V. als Referent teilgenommen und an der Türkisch-Olympiade in Ankara. Das Besondere an der ganzen Bildungsarbeit ist, dass es sich um eine zivile Bildungsbewegung von unten handelt, die sehr stark auch von der Wirtschaft unterstützt wird. Die Türken haben mich mit ihrer Bildungsarbeit mehr als überzeugt.

Winfried Sturm hat 40 Jahre lang als Lehrer am Faust-Gymnasium in Staufen in Baden-Württemberg gearbeitet.

Interview: Süleyman Bağ

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