"Der Islam ist eine innere Angelegenheit Deutschlands"

Arif Ünal, Integrationspolitischer Sprecher der Grünen in Nordrhein-Westfalen, erläutert, warum die Einführung des islamischen Religionsunterrichts im größten deutschen Bundesland ein großer Durchbruch und ein wichtiges Signal der Gleichstellung der Muslime ist.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und der Koordinationsrat der Muslime haben sich auf die Einführung eines landesweiten islamischen Religionsunterrichts geeinigt. Wie kam es zu der Einigung und warum gerade jetzt?

Arif Ünal: Wie Sie wissen, haben diese Diskussionen in NRW fast über zehn Jahre gedauert. Es gab unterschiedliche Rechtsauffassungen. Islamische Verbände etwa bestanden darauf, dass Sie bereits religiöse Glaubensgemeinschaften waren. Die Landesregierungen waren da bekanntlich anderer Meinung, da diese noch nicht anerkannt waren. Dadurch gab es nach der Verfassung keine Gleichstellung zwischen muslimischen und christlichen Schülerinnen und Schülern. Bis jetzt wurden die Gespräche mit den Verbänden immer auf der Arbeitsebene mit der Verwaltung durchgeführt.

Ausschlaggebend war, dass diesmal in erster Linie natürlich die Grünen, wie in der Koalitionsvereinbarung festgehalten wurde, Antreiber bei der Einführung des islamischen Religionsunterrichts in dieser Legislaturperiode waren und es nach wie vor sind. Und unsere Schulministerin hat daraus eine Chefsache gemacht und die Verhandlungen persönlich mit den Verbänden geführt. Das hat, glaube ich, dieses gegenseitige Misstrauen einfach abgeschwächt und die Verbände haben auch gesehen, dass es die Landesregierung tatsächlich ernst damit meint. So gesehen war es auf dieser Vertrauensbasis möglich, diese Vereinbarung zu treffen.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Einigung?

Ich hatte mir fest vorgenommen, den islamischen Religionsunterricht in dieser Legislaturperiode einzuführen. Darin habe ich mich auch sehr stark persönlich engagiert. So gesehen freut es mich natürlich, dass wir jetzt, Anfang des Jahres, diese Einigung erzielt haben. Wir können dahinter stehende Detailfragen nun in Ruhe bearbeiten und im kommenden Schuljahr diesen Religionsunterricht einfach einführen.

Und was bedeutet es für das Land Nordrhein-Westfalen?

NRW ist das größte Bundesland, hier leben 18 Millionen Menschen, davon haben über vier Millionen einen Migrationshintergrund, sehr viele davon sind islamischen Glaubens. Wir sind ein säkularer Staat und nach der Verfassung muss es einen Bekenntnisorientierten Religionsunterricht geben. So gesehen haben wir uns strikt an unsere Verfassung gehalten, indem wir den Religionsunterricht einführen und haben so diese Gleichheit wieder geschaffen. Zweitens wird Menschen mit islamischem Glauben dadurch signalisiert, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft sind und dass der Islam wirklich angekommen ist, dass er auch in NRW zu Hause ist.

Auch nach außen, für die deutsche Bevölkerung wird das eine Signalwirkung haben: der Islam ist keine Angelegenheit der Menschen mit Migrationshintergrund, sondern eine innere Angelegenheit des Landes. Dieses Signal können wir jetzt geben und anschließend kann man sich vernünftig mit diesen Themen auseinandersetzen.

Welche Konsequenzen müssen jetzt die anderen Bundesländer daraus ziehen?

In jedem Bundesland gibt es unterschiedliche Organisationen und eine unterschiedliche Zusammensetzung der Bevölkerung. Diese Anerkennung als islamische Gemeinschaft und die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts ist ja Länderangelegenheit. Die anderen Länder werden es natürlich nicht lange verweigern können, den Menschen diese Grundrechte einzuräumen. Einige werden es wahrscheinlich machen, wie es NRW vorgemacht hat, einige gehen wohl eher andere Wege, wie zum Beispiel Berlin. Aber alle Bundesländer, denke ich, werden nach und nach diesen Religionsunterricht einführen.

Wie sieht jetzt konkret der Fahrplan aus bzw. was muss genau getan werden in den Arbeitskreisen, um eine Umsetzung des Beschlusses möglichst zeitnah zu erzielen? Was heißt zeitnah in diesem Fall?

Das heißt, im kommenden Schuljahr muss man den Unterricht zumindest modellhaft einführen. Es kann ihn am Anfang nicht flächendeckend geben. Das ist nicht realistisch.

Aber die Modellversuche gibt es doch bereits seit 2003 in NRW…

Diese Modellversuche haben mit Bekenntnis orientiertem Religionsunterricht überhaupt nichts zu tun. Das ist ein Novum in NRW. Der islamische Religionsunterricht wird im kommenden Schuljahr in bestimmten Regionen eingeführt, da es noch nicht ausreichend ausgebildete Religionslehrer gibt, um ihn flächendeckend anbieten zu können. Der Fahrplan wird so aussehen, dass wir jetzt eine Kommission bilden, in der wir das Curriculum gemeinsam entwickeln, also was in diesem Unterricht gelehrt werden soll. Die Verbände müssen das selber bestimmen. Danach werden im kommenden Haushaltsjahr Anfang 2012 die ersten Lehrer eingestellt.

Bis dahin müssen wir vorübergehend die Lehrerinnen und Lehrer mit islamischem Glauben im Schuldienst fort- und weiterbilden, damit sie in der Lage sind, überhaupt diesen Unterricht zu erteilen. Dann wird sich auch im Universitätsbereich einiges tun. Wir haben momentan in Münster und Osnabrück, bzw. auch an einigen anderen Universitäten Lehrstühle, wo islamische Pädagogik gelehrt wird. Hier müssen wir als Landesregierung auch stärker mit diesen Fakultäten zusammenarbeiten, so dass im kommenden Jahr gewährleistet werden kann, dass ausreichend Religionslehrer ausgebildet werden, damit diese im Schuldienst tätig werden können. Da gibt es noch viel zu tun. Aber das erste Anliegen ist natürlich ein Curriculum zu entwickeln. Zudem müssen die Eltern für ihre Kinder erst zustimmen, dass sie diesen Religionsunterricht möchten.

Was ist denn der Unterschied zwischen den bereits existierenden Modellversuchen in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg und dem, was jetzt in NRW eingeführt wird?

Wir hatten bis jetzt in Nordrhein-Westfalen zumindest diesen so genannten Religionsunterricht, aber im Rahmen, zum Beispiel der Muttersprache. Das war allerdings eine Angelegenheit außerhalb des Curriculums. Es wurden einige Stunden in der Woche abgehalten, die freiwillig und nicht versetzungsrelevant waren. Lehrerinnen und Lehrer, die bereits im Schuldienst andere Fächer unterrichteten und als Religionslehrer keine Expertise hatten, haben kurzerhand diesen Religionsunterricht erteilt. Das war dann eine Mischung aus Landeskunde, der bspw. türkischen Sprache oder Geschichte, Religion und so weiter.

Mit unserem Vorhaben wird das verhindert. Hier werden die Bekenntnisse gelehrt, das heißt die Grundsätze der islamischen Religion. Es soll eine theologische Auseinandersetzung stattfinden. So gesehen hat das mit der bspw. türkischen Sprache überhaupt nichts zu tun, weil dieser Religionsunterricht auch in deutscher Sprache abgehalten wird. Zudem gibt es auch keinen logischen Zusammenhang mit der Landeskunde oder Geschichte, weil hier nicht nur Schülerinnen und Schüler aus einem Land unterrichtet werden. Der Unterricht ist auch versetzungsrelevant. Genauso wie die katholischen und evangelischen Schülerinnen und Schüler Religionsunterricht haben, werden die islamischen Schülerinnen und Schüler ihren Unterricht besuchen. Das ist der elementare Unterschied zu dem, was wir bis dato hatten.

Wieso ist denn landesweiter islamischer Religionsunterricht in Ihren Augen überhaupt so erstrebenswert?

Erstens, wie bereits erwähnt wurde, gehört der Islam zu Deutschland, zu NRW. Diese Gleichstellung muss gewährleistet werden. Wenn wir unsere Verfassung wirklich ernst nehmen, kann man nicht auf der einen Seite die evangelischen und katholischen Schüler bevorteilen, die diesen Bekenntnis orientierten Unterricht haben, und auf der anderen Seite die muslimischen benachteiligen, die dann nicht die Möglichkeit haben an einem Bekenntnis-orientierten islamischen Religionsunterricht teilzunehmen. Das ist eine verfassungsrechtliche Auslegung, dass wir die Gleichheit herstellen wollen. Und zweitens, denke ich, spielt es für die Gesellschaft eine ganz wesentliche Rolle, wenn man da verfassungskonform vorgeht und sagt: Das gehört dazu, wir müssen jetzt mit dieser Multi-Religiösität leben. Und drittens, denke ich, wenn wir in der Schule wirklich eine grundsätzliche Islamlehre haben und uns damit auseinandersetzen können, dann können wir uns dadurch eventuell mit sehr vielen freien Kommentierungen des Islams auseinandersetzen. Im Moment weiß eigentlich fast keiner, was Islam eigentlich heißt. Jeder hat irgendeine freie Meinung dazu. Die Menschen können ihren Islam irgendwie selber konstruieren. Das darf eigentlich nicht sein.

So gesehen, werden natürlich sehr viele Vorurteile geschürt. Denen kann man begegnen, indem man an der Universität und auch in den Schulen theologisch fundiert lehrt, so dass man sich damit auch auf einer sachlichen Basis auseinandersetzen kann. Das war bis dato nicht gewährleistet, denn je nach Lehrerin oder Lehrer hat es ganz unterschiedlichen Auslegungen bzw. Religionsunterricht gegeben. Weil wir das jetzt landesweit mit einem Curriculum vereinheitlichen wollen, wird das ganz andere Signale in Richtung Mehrheitsbevölkerung und in Richtung der muslimischen Bevölkerung geben. Und das ist mir sehr wichtig.

Aber es gibt doch auch innerhalb des Islams unterschiedliche Strömungen. Was konkret wird denn dann im Islamunterricht gelehrt werden?

Genau deswegen gab es ja bisher auch so große Probleme, mit wem man sich zusammen setzt und solch ein Curriculum entwickelt. Die islamischen Verbände hatten damals auch untereinander überhaupt nicht kooperiert. Zum Glück haben wir jetzt aber diesen Punkt überwunden. Die großen Verbände arbeiten und agieren zusammen, woraus auch der Koordinierungskreis entstanden ist, in dem große Verbände wie der Zentralrat der Muslime, der Islamrat, die DITIB oder der VIKZ beteiligt sind und die werden gemeinsam dieses Curriculum entwickeln. Aber die Grundsätze sind, egal wie sie das kommentieren, fast die gleichen. Diese vier Verbände müssen untereinander die Grundsätze des Islams ausarbeiten. Das ist auch eine interne Auseinandersetzung – auch mit ihren Überzeugungen. Das bringt auch sehr viel, denke ich, dass sie kritisch miteinander umgehen können. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sie dieses Curriculum sehr schnell entwickeln werden.

In Ihren Augen ist der Unterricht zuträglich für die Integration. Gegner würden das Gegenteil behaupten, dass er eben eher die Abgrenzung fördert. Was würden sie den Gegner sagen?

Auch bei den Katholiken gibt es unterschiedliche Richtungen und es gibt seit Jahren katholischen und evangelischen Religionsunterricht. Das hat nicht dazu beigetragen, dass sie sich abgeschottet haben, sondern eher ein Miteinander entstanden ist. Wenn man keine legalen Möglichkeiten anbietet, dann läuft man Gefahr, dass sich eventuell bestimmte Schichten abschotten und extreme Tendenzen entwickeln können. Deswegen wird dieses Angebot genau das Gegenteil bewirken. Es gibt eine Untersuchung aus der Studie „Muslimisches Leben in NRW“, die neulich veröffentlicht wurde. Diese Untersuchung zeigt eindrucksvoll, dass sehr viele Muslime sowohl im sprachlichen als auch im beruflichen Bereich sehr gut integriert sind. Dieser Religionsunterricht sollte ein ganz normales Schulfach sein und auch als solches behandelt werden. Das bedeutet auch, dass islamisches Leben in Deutschland bzw. NRW zur Normalität wird. Und das kann auch die Integration erleichtern.

Es gibt sehr viele Beispiele und Studien, die sich wissenschaftlich damit auseinandersetzen, dass dadurch keine Ausgrenzung gefördert wird sondern ein Miteinander. An diesem Religionsunterricht können zudem auch nichtmuslimische Schüler teilnehmen. Bisher gab es auch muslimische Schüler, die am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilgenommen haben. Es besteht also eine Transparenz. Es besteht eine vernünftige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Lehren. Auch für Kinder. Dadurch, dass sie den Islam kennen, können sie sich damit adäquater auseinandersetzen und sich darüber Gedanken machen. Jetzt haben sie diese Möglichkeiten nicht, weil sie ihn überhaupt nicht kennen. Ich glaube, das wird zur Integration der Muslime einen großen Beitrag leisten. Zumal man mit diesem Religionsunterricht auch das Signal setzt: Ihr gehört dazu. Das ist ein Teil dieser Gesellschaft. Ich denke, diese emotionale Wahrnehmung wird in der Bundesrepublik eher dazu beitragen, dass sich hier etwas bewegt.

Das heißt, der Islamunterricht bietet in Ihren Augen auch einen Schutz vor islamischem Extremismus?

Das ist nicht der erste Beweggrund. Aber als Nebeneffekt könnte auch so etwas entstehen. Es kann dazu führen, dass die extremistischen Gruppierungen eher Schwierigkeiten haben, unter diesen gut ausgebildeten Muslimen ihre Anhängerschaft zu rekrutieren. Das könnte sein. Aber das ist nicht unser grundsätzliches Anliegen.

Wer wird denn den Islamunterricht geben? Wo und wie werden die Lehrer denn ausgebildet werden?

Wie bereits erwähnt, haben wir momentan leider keine ausgebildeten Islam-Pädagogen. So gesehen, sind in erster Linie Lehrerinnen und Lehrern im Schuldienst gefragt, die selber islamischen Glaubens sind und diesen Unterricht wirklich gerne erteilen möchten. Die werden fort- und weitergebildet nach den Beschlüssen dieses Curriculums. Aber parallel dazu wurden in einigen Universitäten Lehrstühle errichtet. Ab dem kommenden Jahr wird es erste Absolventen geben. Das heißt, wir haben in der Bundesrepublik spätestens nach anderthalb Jahren gut ausgebildete islamische Religionspädagogen. Die werden wir natürlich in den Schuldienst einstellen. Am Ende müssen diese Lehrer, die hier in der Bundesrepublik an den Universitäten ausgebildet werden, diese Aufgaben übernehmen.

Ist denn auch ein Austausch mit evangelischen und römisch-katholischen Unterrichtsgruppen geplant?

Auf den ersten Blick haben diese Unterrichtsgruppen überhaupt nichts miteinander zu tun. Aber ich könnte mir das sehr gut vorstellen. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten in den Schulen, zum Beispiel ökumenische Gottesdienste zu gestalten, eventuell gemeinsame interreligiöse Aktionen zu starten, die natürlich auch jetzt schon stattfinden.

Ist die Unterzeichnung heute für Sie ein historisches Ereignis?

Ja natürlich. Die Diskussionen laufen ja schon seit über zehn Jahren. So gesehen ist das tatsächlich ein Durchbruch und auch ein historischer Moment für uns. Wir sind in diesem Bereich im Moment auch ein federführendes Land. Andere Bundesländer werden auf uns schauen. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir das geschafft haben.

Welchen Anteil hatten denn die Grünen daran? Und warum ausgerechnet die Grünen?

Die Grünen waren wesentlich daran beteiligt, weil wir das sowohl in unserem Wahlprogramm als auch in unserer Koalitionsvereinbarung aufgenommen haben. Und das auch vehement gegenüber der SPD vertreten haben. Tatsächlich haben die Grünen dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Das hat natürlich auch den Hintergrund, dass wir sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund in unseren Reihen – ob gläubig oder nicht – haben, die es in diesem Bereich ernst meinen und sehr viele Kontakte haben.

Interview: Felix Kubach, Laura Räuber

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