"Türkische Unternehmer sind flexibler"

Dr. Rainhardt Freiherr von Leoprechting, Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK), erläutert, über welche besonderen Qualifikationen türkische Unternehmer verfügen und warum die Berufsausbildung junger Migranten von so entscheidender Bedeutung ist.

Deutsch Türkische Nachrichten: Inwieweit beeinflussen die Tätigkeiten der TD-IHK die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland?

Dr. Rainhardt Freiherr von Leoprechting: In unserer Funktion als Sprachrohr der bilateralen Wirtschaft sind wir der richtige Ansprechpartner wenn es darum geht, deutsche und türkische Unternehmer zusammen zu bringen. Als Mittler schaffen wir auf regionaler, bundesweiter und binationaler Ebene Gelegenheiten für die weitere Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Partnern bauen wir die internationale Verständigung aus, initiieren neue Projekte, Informationsquellen und –kanäle.

Inwiefern unterstützt die TD-IHK konkret die Zusammenarbeit zwischen türkischen und deutschen Unternehmen? Warum sind türkische und deutsche Unternehmen  auf eine Vermittlungsinstanz angewiesen?

Die TD-IHK stellt den Wirtschaftstreibenden Erfahrungen und Wissen aus ihrer täglichen Arbeit zur Verfügung. Für den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Austausch sind wir in verschiedenen Bereichen mit unterschiedlichen Veranstaltungsformaten aktiv. Dazu zählen Networking Veranstaltungen und unsere jährliche, regional ausgerichtete Fachveranstaltung „NRW-Tag der Türkisch-Deutschen Wirtschaftsbegegnung“. Mit unseren Arbeitskreisen „Medien“, „TD-IHK Wirtschaftsjunioren“ und „Automobil- und Zulieferindustrie“ greifen wir Trends der deutsch-türkischen Wirtschaft auf. Mit unseren Wirtschaftskongressen und Round-Tables bieten wir Informationen über aktuelle Wirtschaftsthemen im türkisch-deutschen Kontext.

 

Für die Vermittlung von wirtschaftlichen Erfahrungen und Interessen müssen vorhandene Potenziale gebündelt werden – dies erfolgt unter dem Dach der TD-IHK. Wir organisieren und artikulieren gemeinsam unsere wirtschaftlichen Belange und stellen uns so den wirtschaftlichen Chancen und Herausforderungen.

Wie wichtig sind  türkische Unternehmen für die deutsche Wirtschaft?

Die Zahlen sprechen für sich: Die TD-IHK geht derzeit von rund 80.000 türkischstämmigen Unternehmern in Deutschland aus mit etwa 400.000 Beschäftigten. Diese Unternehmer setzen jährlich über 35 Milliarden Euro um und stellen so einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für den Standort Deutschland dar.

Was sind die Hauptaufgaben der TD-IHK?

Die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer (TD-IHK) wurde im Jahr 2003 vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Türkischen Kammern- und Börsenunion (TOBB) zur Förderung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei gegründet. Ihr Hauptsitz ist bewusst innerhalb der wichtigsten Wirtschaftsregion für Deutschland und Europa – in der Stadt Köln. Seit Juni 2009 besteht ein weiteres Repräsentanzbüro in der Bundeshauptstadt Berlin, nicht zuletzt auch um die Nähe zu den politischen Einrichtungen und weiteren Unternehmerverbänden zu gewährleisten.

Was sind die wichtigsten Ziele?

Ziel der TD-IHK ist es, die türkischen und deutschen Wirtschaftstreibenden stärker noch als bisher zu verflechten und den gegenseitigen wirtschaftlichen Austausch zu intensivieren. Dabei verhält sich die TD-IHK politisch neutral, allerdings stets die Bestrebungen für den vollkommenen Beitritt der Türkei in die Europäische Union motivierend. Mit über 430 türkischen und deutschen Mitgliedsunternehmen stellt sich die TD-IHK als starker Unternehmerverband und Interessensvertreter bilateraler Wirtschaftstreibender auf, um insbesondere neue Partnerschaften zu generieren und den Wirtschaftstransfer zu motivieren und zu moderieren.

„Türkische Unternehmer verfügen über besondere Qualifikationen wie Mehrsprachigkeit, internationale Kontakte, Flexibilität und die Kenntnis anderer Kulturen.“

Worin unterscheiden sich türkische Unternehmer von deutschen?

Türkischstämmige Unternehmer sind mittlerweile unverzichtbare Begleiter und Partner für uns geworden. Sie sind ein fester Bestandteil unseres Wirtschaftslebens. Ihre unternehmerischen Aktivitäten begrenzen sich keinesfalls auf Nischenmärkte. Sie sind mittlerweile in mehr als 150 verschiedenen Branchen tätig. Türkische Unternehmer verfügen über besondere Qualifikationen wie Mehrsprachigkeit, internationale Kontakte, Flexibilität und die Kenntnis anderer Kulturen.

Wo liegen für türkische Unternehmer die Hauptschwierigkeiten auf dem deutschen Markt? Wie kann die TD-IHK da helfen?

Ich bin davon überzeugt, dass türkische Unternehmer denselben Herausforderungen gegenüber stehen wie ihre deutschen Kollegen. Die globalisierte Wirtschaftswelt führt zu höherem Wettbewerbs- und Innovationsdruck. Wir können sogar von einem Vorteil der türkischstämmigen Unternehmer sprechen: aufgrund ihrer interkulturellen Prägung sind türkischstämmige Unternehmer in ihren Unternehmungen, die international ausgerichtet sind, flexibler. Multikulturalität und Bilingualität sind handfeste Vorteile im aktuellen Wirtschaftsgeschehen.

Die Wirtschaftskrise scheint überwunden. Geht es den türkischen Unternehmen so gut wie den deutschen? Welchen Branchen geht es am besten, welchen am schlechtesten?

Vom unerwarteten wirtschaftlichen Aufschwung in 2010 haben auch die türkischen Unternehmen profitiert. Der Wachstumsmotor, der zum Steigen des Bruttoinlandsprodukts um 3,6 Prozent führte, war vor allem der Export. Zahlreiche Unternehmen aus der exportorientierten Industriebranche sowie Dienstleistungsunternehmen, beispielsweise Consulting- und Logistikunternehmen, waren am Aufschwung beteiligt.

„Es gilt, auch die mittelständische Wirtschaft in Deutschland stärker zu motivieren, mehr Migranten in Ausbildung zu übernehmen oder zu beschäftigen.“

Auf der einen Seite liest man immer wieder vom Fachkräftemangel in Deutschland, auf der anderen Seite gibt es viele junge Migranten ohne Arbeitsstelle oder Ausbildung. Müssten sie nicht genau diese leeren Stellen besetzten können? Woran scheitert das bislang?

Bedauerlicherweise schlagen immer noch zu wenig junge Migrantinnen und Migranten den Weg der Berufsausbildung ein. Chancen am Arbeitsmarkt und somit Chancen auf eine nach eigenen Vorstellungen gestaltbare Zukunft sind nur über eine erfolgreiche Ausbildung möglich. Jedoch gilt es auch die mittelständische Wirtschaft in Deutschland stärker zu motivieren, mehr Migranten in Ausbildung zu übernehmen oder zu beschäftigen. Wir wissen um die Potenziale dieser Arbeitskräfte und um die Chancen, die Unternehmer haben, wenn sie besonders diese mit Zusatzkompetenzen – wie eine zweite Muttersprache oder ihre multikulturellen Kenntnisse – für ihre unternehmerischen Ziele ausbilden und einsetzen. Unternehmer müssen stärker für diese Potenziale sensibilisiert werden, die meist leider noch verkannt werden.

Für Unternehmen wird die Ausbildung Jugendlicher unter dem Aspekt der Sicherung ihres Fachkräftenachwuchses immer wichtiger – sie müssen ihren Fokus verstärkt auf die Gewinnung qualifizierten Nachwuchses richten. Interkulturalität und Multilingualität zu fördern und zu nutzen verschafft der deutschen Wirtschaft im globalen Wettbewerb enorme Vorteile.

Wie kann Ihre Organisation junge Migranten in ihrer Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche unterstützen?

Die Berufsausbildung Jugendlicher mit Migrationshintergrund ist eine der wichtigsten TD-IHK-Initiativen. Das TD-IHK Ausbildungsprojekt ist ein durch den Bund und der Europäischen Union kofinanziertes Projekt, welches den Fachkräftebedarf vor allem des Mittelstandes helfen will zu unterstützen. Dieses Projekt möchte sowohl die Unternehmen mit Migrationshintergrund für die Schaffung weiterer Ausbildungsplätze gewinnen als diese auch mit Jugendlichen – mit und ohne Migrationshintergrund – besetzen. Unternehmer werden bei der Schaffung von Ausbildungsplätzen sowie bei der Überwindung administrativer und bürokratischer Hürden von unseren Ausbildungsberatern umfassend beraten, begleitet und betreut.

Gleichzeitig werden Jugendliche über die Möglichkeiten und Chancen einer beruflichen Ausbildung aufgeklärt und bei der Suche nach dem richtigen Ausbildungsplatz aktiv begleitet.

Was ist mit älteren Migranten, die in ihrem Heimatland schon einem qualifizierten Beruf nachgingen?  Wohin können sie sich wenden, wenn sie nach Deutschland kommen? Gibt es spezielle Förderungen wie Umschulungen oder Fortbildungen?

Ältere Migranten zieht es eher sehr selten nach Deutschland. Wenn sie sich für das Leben in Deutschland entscheiden, haben sie Möglichkeiten sich an Beratungsstätten zu wenden. Aufgrund des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels müssen auch diese Potenziale stärker als bisher genutzt werden.

Es bedarf auch weiterer Handlungsstrategien zur besseren Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktbeteiligung. Wenn Deutschland den Fachkräftebedarf sichern will, muss die Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse gesetzlich regelt werden. Die Grundlage für ein Anerkennungsgesetz wurde bereits im Bundeskabinett beschlossen und wird gegenwärtig zur Vorlage in den Bundestag erarbeitet.

Interview: Felix Kubach, Christoph Morisse

Mehr Informationen auf der Website der TD-IHK

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