"Für die ‚beste‘ Bildung muss man Deutsch können"

Erst Türkisch, dann Deutsch - Mit diesem Appell hat der türkische Ministerpräsident während seiner Düsseldorfer Rede für Aufsehen gesorgt. Hartmut Esser, Autor des Buches "Sprache und Integration" und Sozialwissenschaftler an der Universtiät Mannheim, hält diese Forderung für haltlos. Hans-Werner Franz, Schatzmeister des BDS, kann die Debatte nachvollziehen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Um die Äußerung von Erdoğan, dass türkische Kinder in Deutschland zuerst Türkisch lernen müssten – und dann Deutsch – gab es viel Gegenwehr. Wie beurteilen Sie die Debatte?

Hartmut Esser: Welche Debatte? Wenn die These gemeint gewesen sein sollte, dass für das Erlernen der Zweitsprache (hier: Deutsch) erst eine Erstsprache perfekt gelernt werden müsste, so ist die wissenschaftlich nicht belegt, wahrscheinlich sogar falsch. Auch die Muttersprachförderung bringt für die Zweitsprache und die schulischen Leistungen nichts – obwohl das immer wieder behauptet wird, hierzulande von den Grünen, den Migrationspädagogen und jetzt eben auch Erdoğan.

Hans-Werner Franz: Die Debatte ist nachvollziehbar. Erdoğan hat Wahlkampf geführt und Gefolgschaft gesucht. Dabei wird an Gefühle appelliert. Auch an Heimatgefühle von Menschen, die vielleicht lieber in der Türkei leben würden, aber nicht wissen, ob sie sich jemals wieder dort wohlfühlen würden außer im Urlaub, und die mit dem Umstand, dass ihre Kinder in Deutschland aufwachsen und ihren eigenen Weg gehen, oft nur schwer zurechtkommen mögen. Das muss die deutsche Öffentlichkeit nicht unbedingt genauso sehen wie Erdoğan. Daher kann man darüber sehr wohl geteilter Meinung sein.

„Wenn Angela Merkel in den USA oder in Kanada etwas Analoges gesagt hätte, wäre sie ausgelacht oder als Nationalistin bezeichnet worden.“

Wortwörtlich sagte Erdoğan: „Ich möchte, dass jeder Deutsch lernt. Ich möchte, dass unsere Kinder Deutsch lernen. Ich möchte, dass sie zuerst gut Türkisch sprechen lernen. Sie sollen die beste Bildung genießen, an den besten Universitäten studieren, einen Master und Doktor erlangen“ Wurde er falsch verstanden?

Hartmut Esser: Das kann er alles so mögen oder nicht, aber für die „beste“ Bildung ist es hier nicht so sonderlich wichtig, Türkisch (oder Rumänisch oder Finnisch) zu können, sondern eben Deutsch, ebenso wenig wie Deutsch es wäre für jemanden, der in die USA oder Kanada auswandert. Wenn dort Angela Merkel etwas Analoges gesagt hätte, wäre sie ausgelacht oder als Nationalistin bezeichnet worden.

Hans-Werner Franz: Erdoğan hat damit klare Prioritäten gesetzt, über die mit gutem Recht diskutiert werden kann und muss. Die türkischen Einwohner sind Mit-Bürger/innen dieses Staates, auch wenn sie in der Türkei wählen. Sie müssen ihren Lebensweg hier erfolgreich gestalten. Dazu ist sein Ratschlag mehr als problematisch.

Was sagt die Soziologie – Muss ein Kind nicht erst einmal seine Muttersprache beherrschen, bevor es eine andere Sprache lernt?

Hartmut Esser: Nein. Alles geht, auch simultan. Die so genannte Interdependenzhypothese, wonach man eine weitere Sprache nur im Rahmen der ersten lernen kann, ist ein Mythos.

Hans-Werner Franz: Kinder können sehr wohl zwei (und mehr Sprachen) lernen, aber dazu müssen idealerweise klare Rollenzuteilungen gegeben sein. Der Vater, der im Beruf dringend Deutsch braucht, spricht Deutsch mit den Kindern, die Mutter, die das eventuell nicht so gut kann, spricht Türkisch mit den Kindern. Dieses in vielen gemischt-nationalen Familien gängige Rollenmodell funktioniert dort bestens. Kinder brauchen evtl. etwas länger, bis sie beide Sprachen sprechen, aber das geht sehr gut.

Das Gehirn dieser Kinder bildet beide Sprachstrukturen im Gehirn physisch ab. Später kommt es darauf an, was tatsächlich an Sprachfähigkeit abgerufen wird. Kinder, die in solchen zweisprachigen Familien aufgewachsen sind, sind in der Regel intelligenter, anpassungfähiger und lernen weitere Sprachen leichter. Entscheidend ist jedoch, dass der Spracherwerb grundlegende Bedingungen für die Entwicklung von Intelligenz und die Lernleistungen auch auf anderen Gebieten hat.

Ist es schwieriger, zwei Sprachen gleichzeitig zu lernen? Gibt es Studien?

Hartmut Esser: Nein. Wenn es früh genug geschieht, geht alles, aber dazu müssten die Kinder frühzeitig aus den Familien genommen werden, damit sie die zweisprachige Sprachumgebung erst mal bekommen können. Am besten über eine Kindergartenpflicht und ethnische Mischungen. Aber auch da wäre Erdoğan dagegen, genauso wie die einheimischen Mittel- und Oberschichten.

Hans-Werner Franz: Zu dieser Sprachentwicklung gibt es viele Studien aus dem Bereich der Sprach- und vor allem der Gehirnwissenschaften (Lingustik und Neurophysiologie), die diesen Befund bestätigen. Das Problem ist jedoch, dass viele türkische Familien diese Zweisprachigkeit nicht leben können, sondern die zweite, die deutsche Sprache häufig von „außen“ in die Familie kommt und vor allem die Domäne der Kinder ist, die Deutsch von der Straße, selten aus der Kita (weil sie da oft nicht hingeschickt werden), häufig erst aus der Schule mitbringen, wenn es schon sehr spät ist.

„Harald Schmidt hat das damals vor drei Jahren schon gesagt: Türkische Schulen? Haben wir doch schon – in Köln Mülheim!“

 

Kann die Forderung des türkischen Premiers, türkische Kinder sollten erst Türkisch lernen und dann Deutsch überhaupt umgesetzt werden? Damit wären sie ja in den ersten Jahren nur unter sich.

Hartmut Esser: Das sind sie ja jetzt schon. Harald Schmidt hat das damals vor drei Jahren schon gesagt: Türkische Schulen? Haben wir doch schon – in Köln Mülheim! Genau so ist es – und es ist das Problem, und nicht die mangelnden Türkischkenntnisse der Migrantenkinder.

Hans-Werner Franz: Umsetzen kann man das, nur ist es für die Kinder schwieriger, weil mit dem dritten Lebensjahr die Herausbildung der wichtigsten Grundstrukturen im Gehirn weitgehend abgeschlossen ist. Und wenn die Familien diesen Grundspracherwerb nicht in zwei Sprachen leisten können, sind es die Kinder und über entsprechende Sprachförderung die Allgemeinheit, die das leisten und dafür aufkommen müssen.

PISA-Leseergebnisse, wie wir sie kennen, sind dann weitgehend vorprogrammiert wie berufliche Fehlkarrieren. Mit allem, was das für die Lebenschancen der Jugendlichen bedeutet. Das war jedoch bei früheren Einwanderergenerationen, zum Beispiel den polnischen Einwanderern im Ruhrgebiet, nicht anders. Erst in der dritten Generation hatten sich die Lernleistungen weitgehend angeglichen. Dabei muss man jedoch in Rechnung stellen, dass die polnischen Einwanderer sich nie so weitgehend in einer eigenen Subkultur bewegt haben, wie dies viele türkische Mitbürger aus zunächst durchaus nachvollziehbaren Gründen tun. Von Vorteil sind sie deshalb aus lerntheoretischer Sicht jedoch nicht. Aus dieser Sicht gilt: je mehr Austausch, desto besser.

Würde das die Kluft zwischen Deutschtürken und „Biodeutschen“ noch vergrößern?

Hartmut Esser: Sprachbarrieren sind mit die wichtigsten Grenzen und wenn man nicht davon ausgehen kann, dass eine Mehrheit sich die Sprache(n) der Minderheite(n) aneignet (oder eine lingua franca, die alle neu lernen müssten), dann vergrößern solche Segregationen natürlich die Kluft. Das weiß man aber seit Langem, es wird nur oft nicht gern gehört oder klein geredet. Auch von „Wissenschaftlern“, die es mit der Genauigkeit ihrer Belege nicht so genau genommen haben (und damit einem Sarrazin schon auch den Boden bereitet haben).

Hans-Werner Franz: Vergrößern kaum, aber verfestigen und verlängern.

Hartmut Esser ist Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften und dem Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) an der Universität Mannheim. Zum Thema veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Sprache und Integration – Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten“ (2006)

Hans-Werner Franz ist Schatzmeister des Berufsverbands Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS), arbeitet fast ausschließlich international und in fünf Sprachen. In seinem Erstberuf ist er Übersetzer, im zweiten Dolmetscher und hat selbst angefangen, Türkisch zu lernen.

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