In Niedersachsen fehlt nur noch eine Unterschrift

Nach NRW könnte es auch in Niedersachsen bald einen Durchbruch in Sachen Islam-Unterricht geben. Der Beirat steht bis auf eine Unterschrift, das Land will den Religionsunterricht für Muslime. Der Pressesprecher des niedersächsischen Kultusministeriums erklärt im Interview mit den Deutsch Türkischen Nachrichten den Stand der Entwicklung.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Landesregierung von NRW und der Koordinationsrat der Muslime haben sich kürzlich auf die Einführung eines landesweiten islamischen Religionsunterrichts geeinigt. Wie ist die Situation derzeit in Niedersachsen – steht eine ebensolche Einigung auf der Tagesordnung?

Roman Haase: Um Islamischen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach einzuführen, bedarf es eines legitimierten Ansprechpartners auf muslimischer Seite. Sowohl Schura als auch DiTiB, die beiden Verbände, die in Niedersachsen nahezu 90 % der niedersächsischen Moscheevereine vertreten, können aus verfassungsrechtlicher Sicht derzeit nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt werden.
Daher wurde dem Runden Tisch die von der Deutschen lslamkonferenz erarbeiteten Verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen eines islamischen Religionsunterrichts mit der Bitte um Prüfung zur Kenntnis gegeben.

Konkret wurden die Verbände gebeten zu diskutieren, ob sie den Vorschlag der Deutschen lslamkonferenz (Ergebnis der UAG der AG 2 von Herrn Prof. Dr. de Wall), der ein so genanntes „Vertretermodell“ und einen zu gründenden „Beirat“, der als Ansprechpartner für das Land dienen könnte, beinhaltet, umsetzen könnten.

Der Bitte haben die Verbände entsprochen. Den islamischen Verbänden ist es in Niedersachsen im Januar 2011 gelungen, sich zu einem Beirat zusammenzuschließen, der dem Land gegenüber als legitimierter Ansprechpartner die islamische Glaubensgrundsätze vertreten kann (bisher fehlt die Unterschrift von DiTiB; Stand: 04.03.2011). Die Beiratslösung beruht auf dem pragmatischen Vorschlag der DIK, dass sich Moscheevereine, die als Religionsgemeinschaft anerkannt werden können, vertreten lassen können (sogenanntes Vertretermodell, Ziffer VI des Papiers der DIK „Verfassungsrechtliche Rahmenbedingungen eines islamischen Religionsunterrichts“, Stand: 20.02.2008).

Warum sollte in Ihren Augen der Islamunterricht auch in Niedersachsen eingeführt werden?

Die niedersächsische Landesregierung sah und sieht es als ihre Verpflichtung an, das grundgesetzlich verbriefte Recht auf konfessionellen Religionsunterricht allen Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen, nicht nur christlichen, jüdischen, orthodoxen oder alevitischen Schülerinnen und Schülern, sondern insbesondere auch muslimischen Schülerinnen und Schülern. Mit dem Schulversuch „Islamischer Religionsunterricht“ und der geplanten Einführung von „Islamischem Religionsunterricht“ als ordentliches Unterrichtsfach für nahezu 49.000 muslimische Schülerinnen und Schüler wird daher das Recht auf religiöse Bildung anerkannt.

Welchen Zeitrahmen fassen Sie bis zu einer möglichen Realisierung ins Auge?

Bei Nachweis des Beirats, dass er die in Niedersachsen ansässigen Moscheevereine vertritt, würde die flächendeckende Einführung von islamischem Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach nach einem zeitlich gestaffelten Stufenplan ab 2012 erfolgen, um die Unterrichtsversorgung mit geeigneten Lehrkräften gewährleisten zu können. Die flächendeckende Einführung im Primarbereich könnte zum 01.08.2012 (aufsteigend) und die flächendeckende Einführung für den Sekundarbereich zum 01.08.2014 (aufsteigend) erfolgen.

Roman Haase: Akzeptanz für Islamunterricht ist sehr hoch

Was zeigen die Erfahrungen in Niedersachsen mit den bereits existierenden Modellversuchen der Einführung eines Islamunterrichts in einigen Grundschulen?

Die Akzeptanz des Islamischen Religionsunterrichtes ist bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften gleichermaßen sehr hoch. Muslimische Eltern erleben ihre Religion im schulischen Kontext auf Augenhöhe mit den christlichen Religionen.
Die Beteiligung seitens der muslimischen Schülerinnen und Schüler liegt in den einzelnen Jahrgängen oft bei nahezu 100 %. Die Schülerinnen und Schüler nehmen sehr motiviert an dem Unterricht teil und erleben sich durch den islamischen Religionsunterricht als gleichgestellt mit den Schülerinnen und Schülern des christlichen Religionsunterrichtes.

Aus allen Ergebnissen, die uns vorliegen, kann zusammenfassend gesagt werden, dass gerade die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung zu dem Schulversuch „Islamischer Religionsunterricht“ als ein wichtiger Hinweis gedeutet werden können, dass die von der Niedersächsischen Landesregierung angestrebten integrativen Ziele auch tatsächlich erreicht werden. Der Schulversuch trägt zur Integration bei und stärkt die kulturelle Identität muslimischer Schülerinnen und Schüler. Annahmen, der „Islamische Religionsunterricht“ könnte separative Haltungen oder die Ablehnung anderer Religionen stärken, können eindeutig zurückgewiesen werden. Muslimische Schülerinnen und Schüler möchten genauso offen und respektvoll mit anderen Religionen umgehen wie christliche bzw. nicht-konfessionelle Schüler und Schülerinnen.

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