"Der Koran hat den Frauen mehr Rechte gebracht"

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und muslimische Religionspädagogin syrischer Herkunft, spricht im Interview über das selbstbewusste Auftreten heutiger Musliminnen, über ihre Abneigung gegen totale Anpassung sowie die vorbildhafte Rolle der Frauen bei den Demonstrationen in Ägypten oder Libyen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie lassen sich Religiosität und Selbstverwirklichung für eine Muslimin in Deutschland vereinbaren?

Lamya Kaddor: Das Grundgesetz schützt uns als Musliminnen und räumt uns Freiheiten zur Entfaltung ein. Die Religiosität einer Muslimin ist im Privatleben nicht eingeschränkt. Problematisch wird es nur dann, wenn sich eine muslimische Frau entscheidet, ein Kopftuch zu tragen und gleichzeitig in bestimmten Bereichen des Öffentlichen Dienstes arbeiten will. Denn hier gibt es in manchen Bundesändern ein Gesetz, was ihr dies verbietet.

Finden Sie es gut, dass es dieses Gesetz gibt?

Nein. Ich halte es zunächst für einen Fehler, wenn staatliche Stellen das Kopftuch über seine religiöse Bedeutung hinweg mit politischen Ansprüchen bzw. Forderungen in Verbindung bringen. Eine solche Interpretation müsste für den Staat tabu sein. Und dann ist es eine Grundsatzfrage. Entweder verbietet man alle Symbole aus religiösen Kontexten – dann gehört auch das Kopftuch dazu, oder man tut es nicht – und dann darf auch das Kopftuch nicht allein stehend verboten werden.

Was sagt denn der Koran zum Tragen des Kopftuchs?

Aus der klassischen Lesart des Korans lässt sich ein Kopftuchgebot herauslesen, auch wenn es die Heilige Schrift nicht direkt anspricht. Grundsätzlich geht es im Koran aber weniger um das Kopftuch an sich, sondern vielmehr um ein allgemeines Bekleidungsverständnis. Mein eigener Ansatz ist nun zu sagen, dass mit den Kleidervorschriften, die der Koran damals genannt hat, bestimmte Zwecke verbunden sind. Zum einen, als Muslimin erkannt zu werden, als gesittete Frau, um in der Folge einen Schutz in der Öffentlichkeit zu erhalten. In meinen Augen macht das absolut Sinn. Allerdings nur vor dem Hintergrund der damaligen Gesellschaftsverhältnisse auf der Arabischen Halbinsel. Heute, hier in Deutschland, sieht das anders aus. Die Notwendigkeit, sich als Muslimin zu erkennen zu geben, um Schutz zu erhalten, besteht nicht mehr. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich nicht jeder Frau das Recht lasse, ein Kopftuch zu tragen. Wie gesagt, theologisch hat beides seine Basis. Ich persönlich halte meine Auslegung zwar für stichhaltiger, in der Praxis ist es mir aber vor allem wichtig, dass jede Frau die Entscheidung frei und bewusst trifft.

„Eine Burkaträgerin tut mit ihrer Berufung auf den Islam ihren Geschwistern keinen Gefallen.“

Gibt es eine Grenze? Beispielsweise Bezug nehmend auf den Fall einer Frau, die in einer Burka zur Arbeit in einer Behörde erscheinen wollte…

Was Menschen in ihrem Privatleben tragen, das ist mir ziemlich egal. Nur, für die Ganzkörperverschleierung gibt es wiederum keinerlei theologische Basis. Das Gesicht muss nicht verdeckt werden. Es ist also eine rein persönliche Entscheidung. Abgesehen davon glaube ich, dass es für eine Frau im Öffentlichen Dienst, also da, wo sie den Kontakt mit Menschen haben muss, sinnvoll ist, wenigstens das Gesicht zu zeigen. Wenn sie hier nun Religionsfreiheit einfordert, will sie aus meiner Sicht bloß provozieren. Jedenfalls tut eine Burkaträgerin mit ihrer Berufung auf den Islam ihren Geschwistern keinen Gefallen. Zugleich halte ich es aber auch für völlig überzogen, hier eigens Landesgesetze auf den Weg zu bringen. Das ist ein Schritt, der viel zu weit geht. Damit betreibt man letztlich Populismus. Dass die Behörde solche Fragen intern klärt, und sagt: wir wollen das nicht, kann ich nachvollziehen. Es ist jedoch eine andere Sache, damit auf Wählerfang zu gehen. Letztlich nährt das nämlich eine bestimmte Stimmung im Land, die wir jetzt durch mehrere Studien belegt haben. Das finde ich unverantwortlich.

Wie denken Sie denn, dass Musliminnen in Deutschland hauptsächlich leben? Unterdrückt, frei, modern oder traditionell?

Da muss man unterscheiden. Zum einen ist es eine Generationsfrage. Ich glaube, dass die erste Einwanderergeneration sicherlich ein anderes Verständnis von Frau hatte als heute die dritte, vierte Generation. Generationenkonflikte gibt es im Übrigen immer, nicht nur unter Muslimen. Die andere Sache ist, dass wir eher ein patriarchisches Verständnis haben, wenn wir von der ersten Einwanderergeneration sprechen. Hier hat sich die Frau eher zu fügen. Dass heißt nicht zwangsläufig, dass sie unterdrückt ist. Viele willigen in dieses Verhalten ein, weil sei es gar nicht anders kennen. Ich glaube aber, dass die nachfolgenden Generationen, das beobachte ich ja auch anhand meiner Schüler, in Relation dazu selbstbewusster leben. Sie haben schon klare Vorstellungen vom Leben. Natürlich sind manche Mädchen – besonders in traditionellen Haushalten – noch an traditionelle Rollen gebunden und natürlich gibt es hier auch Unterdrückung und Gewalt, die für die Betroffenen ein ernstes Problem darstellen. Doch gesellschaftlich gesehen, darf man nicht vergessen, dass das eine Minderheit betrifft, wie auch Studien belegen. Die meisten haben ein Leben, das aus ihrer Sicht relativ zufrieden verläuft.

Für viele Deutsche stellt das Kopftuch ein Symbol dar. Sie sehen darin entweder ein Zeichen der Unterdrückung durch den Mann oder ein Zeichen bewusster Selbstabgrenzung. Kann man dieses negativ konnotierte Bild überhaupt auflösen?

Ich denke schon. Das Ziel darf ja nicht Anpassung bzw. Konformität sein. Man muss sich der Realität stellen. Wir leben nicht in einem Land, in dem es eine große homogene Masse gibt. Das ist längst überholt, aber leider treibt die Sehnsucht danach immer noch viele Menschen um. Wenn Minderheiten dann Rechte einfordern, werden die Konflikte und Spannungen stärker. Von manchen Seiten wird uns Muslimen immer eine Art Integrationsverweigerung vorgeworfen. Mittlerweile bin ich so weit, diesen Personen eine Art Realitätsverweigerung zu bescheinigen. Ich glaube, wenn Deutschland – wie auch alle anderen Staaten – in einer zunehmend globalisierten Welt und im internationalen Wettbewerb bestehen will, kann es sich diese Haltung, dieses völkische Gedankengut, nicht mehr leisten.

Das heißt, es wird in Deutschland nicht Integration, sondern die absolute Anpassung, also Assimilation verlangt…

Ich verweise in diesem Zusammenhang gern auf Amerika. Dort herrscht eine völlig andere Definition von „amerikanisch sein“. Wir alle würden binnen weniger Jahre sagen, wir seien Amerikaner, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. In Deutschland ist das schwierig. Man muss hier als Migrant sehr selbstbewusst auftreten und sich sein Deutschsein selbst schaffen und dazu auch stehen. Das ist zum Beispiel mein Weg. Diese Kraft bringen aber leider nicht alle auf. Oder sie verharren noch zu sehr in der Gastarbeiter-Mentalität. Ein bisschen mehr gesundes Selbstbewusstsein ist das A und O, denn das brauchen wir Muslime auch, um interne Konflikte anzusprechen.

„Schlagen ist heute kein Mittel der Wahl, um Eheprobleme zu lösen.“

Ein zentrales Vorurteil gegenüber dem Islam bzw. dem Koran lautet, dass die Frau ihrem Mann gehorchen muss. Dass der Mann notfalls auch Gewalt gegen sie anwenden darf. Was ist richtig?

Den Koran als Offenbarung muss man als Schrift mit ewig gültigem Charakter werten und andererseits als ein Zeugnis seiner Zeit begreifen. Wie bereits erwähnt, herrschte auf der arabischen Halbinsel eine patriarchale Gesellschaftsstruktur, in der eine Frau nichts zu sagen hatte. Männer bestritten letztlich das öffentliche Leben. Der Koran erwähnt in Sure 4, Vers 34 das Schlagen der Ehefrau als letzten Ausweg aus einem Ehestreit. Allerdings ist dieser Begriff des Schlagens auf vielfältigste Weise durch die islamische Geschichte hindurch von Theologen interpretiert worden. Meiner Ansicht nach, und da weiß ich mich in guter Gesellschaft von sehr vielen Muslimen, ist Schlagen heute kein Mittel der Wahl, um Eheprobleme zu lösen. Männer, die ihre Frauen verprügeln, reden sich mit Religion lediglich raus, um so eine Legitimationsgrundlage zu bekommen.

Was würden sie Frauen anlässlich des Internationalen Frauentags sagen wollen?

Gerade, wenn ich an die Frauen in Ägypten, Libyen oder sonst wo denke, fällt mir ein: Das sind alles Frauen, die diesen Kampf mitbestritten haben. Gerade in Ägypten gibt es Dutzende Bilder von Frauen, die nicht zu Hause gesessen haben, sondern auf die Straße gegangen sind und sich mutig vor die Soldaten gestellt haben. Das zeigt mir, dass Frauen einen großen Teil von Fortschritt ausmachen. Ich wünsche mir daher vor allem viel mehr selbstbewusste muslimische Frauen, die ihre Rechte einfordern und ihre Pflichten annehmen. Wenn wir den Koran entsprechend lesen, werden wir feststellen, dass er den Frauen mehr Rechte gebracht hat. Hier zeigt sich also ein progressiver Geist. Den sollten wir aufgreifen. Wenn wir begreifen, dass der Islam eben eine solche Religion ist, und das heute weiter denken würden, dann würde es auch mehr Frauen dazu ermuntern, ihre Rechte gegenüber dominant auftretenden Männern einzuklagen. Mein großer Appell geht hier an die Mädchen.

Was meinen Sie genau damit, wenn Sie sagen, der Islam hat den Frauen mehr Rechte gebracht?

Sie können eine Religion ja immer nur vor dem Spiegel der damaligen Zeit sehen. Das heißt, wann kam der Islam auf und unter welchen Gegebenheiten? Damals wurden den Frauen gar keine Rechte zugestanden. Sie konnten sogar besessen werden und hatten keine Persönlichkeitsrechte. Solche Dinge hat der Koran in einigen Teilen abgeschafft. Er misst ihnen das Recht zu, erben zu können. Er erteilt nach traditioneller Auffassung dem damaligen Usus des Verscharrens weiblicher Babys eine klare Absage. Plötzlich hatten Frauen gewisse Individualrechte. Vor dem Hintergrund muss ich oft an das Christentum denken, wo einige Leute lange diskutierten, ob Frauen überhaupt eine Seele haben. In jeder Religion wird es aber immer dann problematisch, wenn versucht wird, die Heiligen Schriften eins zu eins in die heutige Zeit zu übertragen und wortwörtlich auszulegen. Wir Muslime müssen uns bemühen, den islamischen Geist zu begreifen und weiterzudenken. Wenn wir das nicht machen, entfernen wir uns von unserem Glauben, weil er uns dann außer einer reinen Dogmenlehre nichts zu bieten hat.

Was ist denn der islamische Geist für Sie?

Er ist auf jeden Fall etwas, was meinen Ansprüchen im 21. Jahrhundert genügen und mich begleiten kann. Religion ist für mich eine Stütze und eine Quelle, aus der ich zehren kann. Also nichts, was mein Leben erschwert, sondern mir hilft. Und ich denke, das sehen die meisten Muslime in Deutschland und in ganz Europa so.

Würden Sie sich als streng gläubige Muslimin bezeichnen?

Das ist doch auch wieder eine Ansichtssache, eine Schublade, um jemanden dort hineinzustecken. Ich bete und faste. Das ist mir wichtig. Ich bezeichne mich als normalgläubig bzw. liberal. Ich bin überzeugt, dass der Islam, zumindest für mich, der richtige Glaube ist, aber er muss es nicht zwangsläufig für jeden Menschen sein.

L. Räuber, N. Oppelt, F. Kubach,

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