Das Elend der Konservativen und gewendeten Linken

Feridun Zaimolgu über eine unselige Allianz, die sich immer neue Feinde sucht.

Das Elend der Konservativen besteht darin, dass sie sich als Schutzmacht des dumpfen Volkswillens verstehen; sie müssen, um ihre Schockstarre in der Moderne zu legitimieren, einen Gegner, nein, einen Feind aufbauen, dem sie alle Übel- und Schandtaten zutrauen. Vor einigen Jahren fingen sie an; plötzlich war in allen Blattern zu lesen, dass die Achtundsechziger eigentlich Kommunenkommunisten
gewesen seien; sie hatten mit List und Tücke die Schlüsselpositionen besetzt, sie hatten Volk und Vaterland verraten, sie hatten fremden Ideen und Anschauungen angehangen. Zur Weltkennzeichnung braucht der Konservative Gefahr und Alarm, und wir verstehen, dass in seinem Skript dieselbe Geschichte mit immer neuen Feinden erzählt wird. Gestern war Verrat durch die aufsässige deutsche Jugend, dann taten die Zuwanderer ihnen, den Konservativen, den Gefallen, für Arbeit und Brot herzukommen. Der sogenannte Ausländer ist seither eine nie versiegende Inspirationsquelle; sobald den Schwarzen die Themen ausgehen, zetteln sie Kampagnen an: gegen die Asylanten, gegen die Türken und aktuell gegen die Moslems. Immer boten sich einige gewendete Linke an, laut über Probleme und Defizite nachzudenken; sie sprachen vielleicht nicht gleich von Überfremdung, dafür aber von instabilen Verhältnissen, fur die vor allem die südlandischen Männer verantwortlich zeichneten. Die neuen Intellektuellen waren Westentaschen-Voltaires; sie sahen großen Sinn darin, endlich, nach Jahren der Zermürbung, sich auf die Seite des Volkes zu schlagen.

(Auszug aus dem Buch „Manifest der Vielen“, erschienen im Blumenbar Verlag)

Feridun Zaimoglu wurde 1964 im anatolischen Bolu geboren. Seit 35 Jahren lebt er in Deutschland. In Kiel hat er Kunst und Humanmedizin studiert. Heute arbeitet er noch immer als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins. Zaimoglu ist Gründer des 1998 ins Leben gerufenen Zusammenschlusses „Kanak Attak“. Zu den vielen Auszeichnungen der vergangenen Jahre gehört unter anderem der Jakob-Wassermann-Literaturpreis.

Das Buch „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ gilt als Erwiderung auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Herausgeberin ist die bekannte Autorin Hilal Sezgin („Typisch Türkin“). 30 profilierte Autorinnen und Autoren aus Kultur, Gesellschaft und Medien haben an dem im Februar 2011 erschienen Werk mitgewirkt: Feridun Zaimoglu, Aiman Mazyek, Kübra Gümüsay, Naika Foroutan und Hatice Akyün, um nur einige zu nennen.

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