"Hurensöhne" und "dumme Menschen" – da gibt es nichts zu diskutieren

Wenn einer einen anderen beleidigt, gibt es nichts zu recherchieren. Die Menschenwürde muss man sich nicht verdienen. Was Aylin Selcuk zur Neuerfindung Deutschlands zu sagen hat.

„Sie sind ein Hurensohn!“ Man stelle sich vor, ich würde zum Beispiel bei einer Redaktionssitzung des Spiegel einen Redakteur derart ansprechen. Wie würden zu dieser Äußerung am nächsten Tag die Schlagzeilen lauten? Vielleicht so: Türkin beleidigt Spiegel-Redakteur, oder auch: Muslimin greift Menschenwürde von Journalisten an…

Würde irgendjemand auch nur auf die Idee kommen, darüber nachzudenken, ob dieser Redakteur wirklich Sohn einer Hure sein konnte? Würde man Statistiken darüber erheben, mit welcher Wahrscheinlichkeit es zutreffen könnte, dass gerade dieser Redakteur Sohn einer Hure ist? Würde man wild über die Definition des Begriffes Hure recherchieren? Wohl kaum. Da stelle ich mir nun die Fragen: Wieso überlegt man bei den Thesen des Herrn Sarrazin sofort als Erstes, ob er recht hat? Wieso berichtet niemand erst darüber, dass es sich bei seinen Aussagen um Beleidigungen handelt, die volksverhetzend, menschenverachtend und verletzend sind? Wieso interessiert sich keiner dafür, wie sich die betroffenen Deutschen mit Migrationshintergrund nun hier fühlen? In der gesamten Debatte verliert man aus den Augen, dass es sich in erster Linie um eine Beleidigung handelt, die im Grund seiner Aussagen steckt – unter anderem die einfache, jedem bekannte Beleidigung dumm.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses Recht eines jeden Menschen ist scheinbar de jure so wichtig, dass es sowohl im Grundgesetz als auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im ersten Artikel steht. Die Menschenwürde muss man nicht verdienen, sie ist keine Eigenschaft wie Klugheit, Schönheit oder Christlichkeit, sondern man besitzt sie von Geburt an. Dem Begriff der Menschenwürde liegt die Idee zugrunde, dass jeder Mensch allein schon durch seine Existenz wertvoll ist.

(Auszug aus dem Buch „Manifest der Vielen“, erschienen im Blumenbar Verlag)

Aylin Selcuk ist Jahrgang 1989 und Gründerin des Vereins „Die deukische Generation“, der sich für die Interessen von deutsch-türkischen Jugendlichen einsetzt. Schon jetzt gehört sie für das Magazin „Zeit Campus“ zu den „100 einflussreichsten Köpfe der Zukunft“. So führte sie ihr Engagement bereits zum Integrationsgipfel ins Kanzleramt. „Alphamädchen“ auf dem Titelbild des Spiegel war Aylin Selcuk ebenfalls. Darüber hinaus erhielt die junge Frau den „Goldene Bild der Frau“-Award und wurde vom britischen The Economist als mögliche erste türkischstämmige deutsche Kanzlerin bezeichnet.

Das Buch „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ gilt als Erwiderung auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Herausgeberin ist die bekannte Autorin Hilal Sezgin („Typisch Türkin“). 30 profilierte Autorinnen und Autoren aus Kultur, Gesellschaft und Medien haben an dem im Februar 2011 erschienen Werk mitgewirkt: Feridun Zaimoglu, Aiman Mazyek, Kübra Gümüsay, Naika Foroutan und Hatice Akyün, um nur einige zu nennen.

Bereits erschienen: Feridun Zaimoglu „Das Elend der Konservativen und der gewendeten Linken“

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