"Die Bezeichnung 'biodeutsch' ist außerordentlich diskriminierend"

In ihrem Verein "Typisch Deutsch" setzen sich die Vorstandsvorsitzende Sezen Tatlici und Generalsekretär Martin Hyun gemeinsam mit Menschen aus elf Ländern für ein respektvolles Miteinander ein. Im Interview sprechen sie über das Deutschsein und nötige Veränderungen in der Gesellschaft. Von einer Leitkultur zu sprechen, halten sie für absurd. Den Begriff Integration lehnen sie ab.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was ist typisch Deutsch, was macht Sie typisch Deutsch?

Typisch deutsch ist eine „bunte“ Gemeinschaft von Menschen, in der jeder den anderen genauso respektiert wie er ist. Typisch Deutsch macht uns, dass wir hier geboren/aufgewachsen/geprägt worden sind und dieser Gesellschaft angehören. Typisch Deutsch sein bedeutet schon lange nicht mehr, dass man Melanie Meier oder Manfred Müller heißen muss. Die Bundesrepublik ist längst unser zuhause/unsere Heimat.

Wer gehört Ihrem Verein an?

Wir sind eine „bunte“ Mischung von Deutschen aus elf Herkunftsländern (auch West- und Ostdeutschland) und sieben religiösen Weltanschauungen. Da wir keinerlei Alters- oder Herkunftsbeschränkung haben, ist jeder herzlich willkommen uns anzuschließen.

Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Wir setzen uns für Respekt im Umgang und der Betrachtung mit- und untereinander ein. Dazu gehört, dass wir eine neue Definition des Deutschseins in unserer Gesellschaft etablieren möchten. Die Pluralität und die Vielfalt unseres Landes soll nicht mehr defizitär, sondern als Vorteil wahrgenommen werden. Altdeutschen wollen wir damit zeigen, dass wir alle ein Teil dieses Landes sind. Im Gegenzug möchten wir den Neudeutschen nahe bringen, dass sie sich hier zuhause fühlen dürfen und nicht länger „Außenstehende“ sind.

„Wer darf entscheiden, wer per Ritterschlag zum Integrierten ernannt wird?“

Wieso lehnen Sie den Begriff Integration ab?

Grundsätzlich lehnen wir einen ausgrenzenden Wortschatz ab. Zu dem gehören Begriffe wie Migrant, Migrationshintergrund, Ausländer, Nicht-Deutscher etc. Diese Worte verfügen über einen ausgrenzenden Charakter, die unterstreichen, dass man nicht „dazugehört“. Folglich ist man gezwungen etwas zu tun, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Das sehen wir anders. Jeder Mensch, der hier lebt, ist ein Teil „unseres“ Landes. Sobald diese Person sich als Deutscher definiert, ist eine Integration überflüssig – denn sie bzw. er gehört dazu. Jeder Baum braucht Wurzeln um wachsen zu können. Der Begriff Integration besagt aber, dass man Anstrengungen in Kauf nehmen muss, um sie hier schlagen zu dürfen. Außerdem stellen wir uns die Frage, woran man die sogenannte Integration misst. Und wer darf entscheiden, wer per Ritterschlag zum Integrierten ernannt wird?

Wie stehen Sie zu der Bezeichnung „biodeutsch“, die immer wieder fällt?

Dieser Begriff ist außerordentlich diskriminierend und deshalb verwenden wir ihn auch nicht. Bis wir soweit sind, dass wir uns alle als Deutsche bezeichnen dürfen, haben wir uns die Begriffe Altdeutsche und Neudeutsche gegeben. Diese Termini drücken leider trotzdem nicht genau das aus, was wir wollen und werden hoffentlich irgendwann durch das Wort Deutsch ersetzt, dennoch sind sie inkludierend und haben somit für uns Gültigkeit.

Was ist „1000 Stimmen“?

Ein Projekt, das unser Gründungsmitglied Pastor Joshua Lupemba initiiert hat und das wir mit zwei anderen Vereinen gemeinsam realisieren möchten. 1.000 Schüler sollen gemeinsam auf einer Bühne ein Konzert geben.

Sie stellen sich gegen eine Vermischung von Kulturen. Aber wie können verschiedene Kulturen nebeneinander existieren?

Keineswegs sind wir gegen eine Vermischung der Kulturen. Wie bereits oben erwähnt, wirken in unserem Verein Typisch Deutsch Persönlichkeiten aus 11 verschiedenen Herkunftsländern mit. Unser oberstes Gebot lautet Respekt. Denn wenn wir uns mit Respekt begegnen, ist ein friedliches Zusammenleben aller hier lebenden Menschen möglich. Ferner müssen wir dann nicht mehr von einer Willkommenskultur sprechen – dann leben wir sie. Dies alles impliziert, dass Menschen in unserem Land genauso leben dürfen, wie sie es möchten. Und ob sie dies tun, indem sie sich für eine andere Kultur oder Lebensform entscheiden oder ihre eigene leben möchten ist hier unerheblich. Wir sollten von unserer Vielfältigkeit profitieren und uns gegenseitig bestärken. Es ist daher aus all diesen Gründen absurd, von einer Leitkultur zu sprechen.

Welche Projekte planen Sie zukünftig?

Wir haben eine Vielzahl an Ideen und bereits jetzt viele Anfragen auf Kooperationen. Der Kernpunkt unserer Arbeit wird sich aber sicherlich immer um den Bereich Bildung drehen, da die Jugend unsere Zukunft ist. Auf unseren Web- und Facebook-Seiten werden Sie immer regelmäßig informiert und dürfen gespannt sein.

Website Typisch Deutsch e.V.

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