Sind Muslime die gefährlichen Migranten?

Die Dinge haben sich verschoben: Selbst Deutsche gehören nicht dazu, wenn sie Muslime sind. Was Riem Spielhaus zur Neuerfindung Deutschlands zu sagen hat.

Während Cem Özdemir nach seiner Wahl in den Bundestag, 1994, als erster Abgeordneter mit türkischen Eltern bezeichnet wurde, werden heute religiöse Herkunft und Glaube der Ministerin Aygül Özkan auf den Titelseiten bundesweiter Zeitungen kommentiert. Sie gilt als erste muslimische Ministerin des Landes und erregt damit weitaus mehr Aufsehen als der im Ausland geborene Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Dessen Ernennung zum Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, die immerhin auch die Funktion des stellvertretenden Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen einschloss, hatte knapp ein Jahr zuvor im Februar 2009 nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit erfahren.

Muslime scheinen die Migranten zu sein, über die diskutiert werden muss. Dabei sind längst nicht alle Muslime Migranten, und von den Zugewanderten in Deutschland sind nicht einmal die Hälfte Muslime. Zusehends verschwimmen die beiden Begriffe Muslim und Migrant, sie sind in Mediendarstellungen fast nicht mehr zu trennen. Selbst eingebürgerte oder geborene Deutsche muslimischen Glaubens oder muslimischer Abstammung werden weiterhin außerhalb des deutschen Nationalverständnisses positioniert.

Muslim zu sein bedeutet in Deutschland längst nicht mehr, nur den islamischen Glauben zu praktizieren. Die Zahl derer nimmt zu, die sich als Muslime bezeichnen, einfach weil sie dafür gehalten werden oder weil sie sich als solche diskriminiert fühlen. Die Erfahrung von Ausgrenzung führt mittlerweile zur Solidarisierung auch über große Unterschiede im Islamverständnis und in Lebensstilen hinweg.

(Auszug aus dem Buch “Manifest der Vielen”, erschienen im Blumenbar Verlag)

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus wurde 1974 in Ostberlin geboren. Kürzlich erschien ihre Dissertation „Wer ist hier Muslim?“ (Ergon-Verlag). Hierfür erhielt sie den Augsburger Wissenschaftspreis fur Interkulturelle Studien 2010. Zur Zeit forscht sie am „Centre for European Islamic Thought“ der Universität Kopenhagen. Zuvor arbeitete Spielhaus als Referentin für Religionen Zugewanderter bei der Bundesintegrationsbeauftragten. Sie moderierte das Berliner Islamforum und arbeitete zudem an der ersten Deutschen Islamkonferenz und dem Nationalen Integrationsgipfel mit.

Das Buch „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ gilt als Erwiderung auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Herausgeberin ist die bekannte Autorin Hilal Sezgin („Typisch Türkin“). 30 profilierte Autorinnen und Autoren aus Kultur, Gesellschaft und Medien haben an dem im Februar 2011 erschienen Werk mitgewirkt: Feridun Zaimoglu, Aiman Mazyek, Kübra Gümüsay, Naika Foroutan und Hatice Akyün, um nur einige zu nennen.

Bereits erschienen: Feridun Zaimoglu “Das Elend der Konservativen und der gewendeten Linken” sowie Aylin Selcuk “Hurensöhne” und “dumme Menschen” – da gibt es nichts zu diskutieren

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