"Die Verantwortung liegt bei den Eltern"

Das „Berliner Forum Gewaltprävention“ hat erforscht, was junge Migranten zu Gewalttätern macht. Diplom-Soziologe Stephan Voß, Leiter der Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt, erklärt im Interview, wie Eltern mit Migrationshintergrund Einfluss nehmen können und über welche Angebote Jugendliche am besten zu erreichen sind.

Hier gilt zunächst, was für alle Eltern gilt: Sie sollten dafür sorgen, dass es zu Hause ein emotional positives und unterstützendes Erziehungsklima gibt. Sie selbst sollten als Vorbilder für konstruktive Problemlösungen ihren Kindern zur Verfügung stehen, insbesondere in belastenden Situationen. Die Konsequenz von beidem ist, Abschied zu nehmen von allen Formen der Gewalt in der Erziehung. Darüber hinaus ist es wichtig, von patriarchal geprägten Rollenklischees und den damit verbundenen Werten und Normen Abstand zu nehmen. Es bedarf sicherer Bindungen zwischen Eltern und Kindern – mindestens zu einem Elternteil. Wichtig ist es, mit den Kindern in Kontakt zu bleiben und in Aushandlungsprozesse mit ihnen einzutreten. Ein autoritärer Erziehungsstil, der im Wesentlichen auf Unterordnung der Kinder und auf Gehorsam setzt, führt langfristig nicht zum Erfolg. Vielmehr birgt er die Gefahr einer Entfremdung zwischen Eltern und Kindern, die im Jugendalter all zu oft dazu führt, dass Eltern keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung ihrer Kinder nehmen können. Eltern müssen sich auch darüber im Klaren sein, dass ihre Kinder die zum Teil schwierige Aufgabe haben, zwischen den Kulturen aufzuwachsen und ihre Identität herauszubilden. Sie sollten ihre Kinder dabei unterstützen. Von allergrößter Bedeutung ist es, dass sie – so gut es eben geht – ihren oft sehr ausgeprägten Wunsch, dass ihre Kinder es zu Etwas bringen, in konkrete Unterstützung in Sachen Bildung umsetzen. Es bringt nichts nur über schlechte Zensuren zu schimpfen, sondern es gilt, gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, welche Unterstützung es braucht. Wenn sie diese Unterstützung nicht selbst leisten können – aus welchen Gründen auch immer –, ist es wichtig, entsprechende Unterstützung zu organisieren beziehungsweise sich beraten zu lassen. Bildung einschließlich des Erwerbs der deutschen Sprache ist entscheidend: Ob in der Kita oder in der Schule. Eltern müssen sich und sie können sich kümmern.

Wie können jugendliche Migranten in Konfliktlösungskompetenzen gestärkt werden?

Die wichtigste Aufgabe haben, wie gesagt, die Eltern. Sie müssen wissen und vor allem beherzigen, dass sie die ersten und wichtigsten Vorbilder ihre Kinder sind. Sie haben die Verantwortung dafür, dass Konflikte im Rahmen der Familien ohne körperliche, aber auch ohne psychische Gewalt gelöst werden. Sind sie bereit, in diesem Zusammenhang Verantwortung zu übernehmen und auch an sich selbst zu arbeiten, lernen die Kinder frühzeitig, Konflikte auch in schwierigen Situationen ohne Gewalt zu lösen. Das ist der entscheidende Punkt. Sicher kann man auch durch entsprechende Trainings die Konfliktlösungskompetenzen von Jugendlichen stärken, sei es im schulischen Rahmen z.B. dadurch, dass Jugendliche zu Konfliktlotsen ausgebildet werden oder sei es im Rahmen von fairplay im Sport. Wichtig ist natürlich auch, dass im normalen Alltag von Kita und Schule der Umgang mit Konflikten thematisiert wird und auch dort daran gearbeitet wird, Konflikte ohne Gewalt und kompetent zu lösen. Dennoch bleibt es dabei: Zu allererst sind die Eltern gefragt.

Wer kann die Jugendlichen erreichen und wie?

Wer Jugendlichen mit Respekt und Wertschätzung gegenübertritt, wer sie dort abholt, wo sie sind, wer sie ernst nimmt, erreicht sie in der Regel auch. Dies gilt für Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen und Betreuer/innen in Sportvereinen gleichermaßen. Hilfreich ist es unter Umständen, wenn diejenigen, die die Jugendlichen erreichen wollen, einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie diese haben. Ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, braucht man mit Sicherheit einen langen Atem und gegebenenfalls auch Profis aus dem Bereich der sozialen Arbeit, die Erfahrung im Umgang mit schwierigen und auch gewaltbereiten jungen Menschen haben. Erreichen lassen sich die Jugendlichen aller Erfahrung nach zum Beispiel über jugendkulturelle und sportliche Angebote.

Gibt es auch Migrantinnen, die durch Gewalt in Erscheinung getreten sind? Versucht man bei diesen mit denselben Strategien die Gewaltbereitschaft zu hemmen wie bei den jungen Männern? Neigen sie aus denselben Gründen zu Gewalt?

Vereinzelt mag es auch Mädchen mit Migrationshintergrund geben, die durch Gewalt aufgefallen sind. Es besteht aber diesbezüglich kein Anlass zur Sorge und wir sollten uns hüten, hier ein Problem zu konstruieren. Die Ausübung physischer Gewalt ist – salopp ausgedrückt – „Männersache“.

Wie wichtig ist diesen jungen Migranten Religion/Tradition/ihre Kultur?

Diese Frage ist nicht wirklich zu beantworten. Wir wissen inzwischen, dass die Milieus, in denen junge Menschen mit Migrationshintergrund heutzutage aufwachsen, äußerst differenziert sind. Pauschale Antworten auf der Frage nach der Bedeutung von Kultur, Tradition und Religion für diese Jugendlichen bergen die Gefahr, dass man den differenzierten Lebenswirklichkeiten und den vielschichtigen Lebensentwürfen der jungen Menschen nicht gerecht wird.

Interview: Laura Räuber

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