Dincdag: "Ich bin bereit, die Türkei zu verlassen"

Ein Schiedsrichter bekennt sich zu seiner Homosexualiät. Darauf wird er vom türkischen Fußballverband gefeuert. Halil Ibrahim Dincdag leidet seither unter Depressionen. Er findet keine Arbeit, weil er seine Neigung öffentlich gemacht hat. Nun will er die Türkei verlassen.

Für Halil Ibrahim Dincdag ist eine Welt zusammengebrochen. Nach vierzehn Jahren setzen ihn seine Arbeitgeber – der Türkische Fuußballverband und ein Radiosender – vor die Tür. Warum? Es war publik geworden, dass er homosexuell ist – und er hatte sich zu seiner Neigung bekannt.

Dincdag im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten:“Ich habe meine Heimatstadt Trabzon verlassen und versuche mich in Istanbul durchzuschlagen. Das Leben ist aber so schwer, wenn man keine Arbeit findet und ausgegrenzt wird“, sagt Halil Ibrahim Dincdag. Seitdem 2009 durch die Presse bekannt gegeben wurde, dass er homosexuell ist, hat sich sein Leben geändert. Viele seiner ehemaligen Freunde und Bekannte meiden den persönlichen Kontakt zu ihm, da sie aus unterschiedlichen Gründen nicht mit ihm gesehen werden wollen. Nur seine Familie unterstützt ihn – materiell und immateriell.

Wie kam es aber eigentlich dazu? Dincdag erzählt, dass der Fußballverband ihn 2009 aus dem Dienst mit der Begründung suspendiert und ihm die Lizenz entzogen habe, weil er beim Militär aufgrund seiner sexuellen Neigung als untauglich eingestuft worden war. Daraufhin beschwerte er sich bei der Türkischen Fußballföderation und gab schriftlich eine detaillierte Erklärung über den aktuellen Tatbestand ab. Er informierte die TFF darüber, dass er aufgrund seiner homosexuellen Neigungen keinen Wehrdienst gemacht habe. Wie er sagt, wurde seine Homosexualität wenige Tage darauf publik in der türkischen Presse gemacht.

„Ich stand unter Druck, die Journalisten haben mich nicht in Ruhe gelassen. Ich musste mich im Fernsehen zu meiner Homosexualität bekennen und mich rechtfertigen.“ Dincdag sagt auch, dass die Föderation die Presse belogen habe: „Sie haben sich nicht mit der Situation auseinandergesetzt. Sie haben nur so getan, als würde es ihnen leid tun. Aber sie haben sich eigentlich gar nicht damit beschäftigt.“

Halil Ibrahim Dincdag arbeitete 14 Jahre lang als Schiedsrichter für die Türkische Fußballföderation. Nebenbei arbeitete er für einen regionalen Radiosender. Nach der Bekanntgabe jedoch wurde er auch hier entlassen. Er hat Schwierigkeiten bei der Suche nach einer neuen Arbeit: „Keiner will mich einstellen. Wenn sie meinen Namen hören, lehnen sie meine Bewerbung ab.“ Er sagt, er würde sehr gerne wieder seinen Beruf als Schiedsrichter aufnehmen: „Ich musste mit meinem alten Leben abschließen, damit ich neu anfangen kann. Ich bekomme Unterstützung von meinen Schiedsrichter-Freunden und meiner Familie. Sie sind alle traurig darüber, dass ich keine Arbeit finde. Insbesondere meine Familie ist bekümmert, weil sie sehen, wie unglücklich ich zu Zeit bin.“

Eigentlich, sagt Dincdag, habe er bis vor fünf Monaten nie im Leben daran gedacht, sein Heimatland zu verlassen. Aber nun habe er sich entschieden: „Der türkischen Presse habe ich nichts davon gesagt, ich teile diese Neuigkeit das erste Mal mit Ihnen. Ich habe mich vor zwei Monaten um einen Aufenthaltserlaubnis in sieben europäischen Ländern beworben. Diese sind Deutschland, Niederlande, England, Frankreich, Schweiz, Italien und Österreich. Ich habe ein detailliertes Dossier über meine aktuelle Situation, Pressemitteilungen, etc. erstellt und sie mit eingereicht. Ich warte noch auf eine Antwort. Ich bin bereit, die Türkei zu verlassen, obwohl ich mein Land liebe.“

Für die Zukunft ist er eher pessimistisch, was seine sexuellen Neigungen anlangt. Seiner Meinung nach werde es sehr lange dauern, bis Schwul-Lesbische Menschen in der Türkei von der Gesellschaft voll akzeptiert werden.

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