"Mehr Deutsche geben sich Mühe mit dieser schwierigen Sprache"

Der deutsche Botschafter in Ankara, Dr. Eckart Cuntz, spricht über die Integrationsbemühungen- und probleme von Deutschen in der Türkei seit der Zeit "Bosporusgermanen" und die Rolle von Türkeideutschen in Wirtschaft, Sport, Kunst und Politik des Landes.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie viele Deutsche leben in der Türkei? In welchen Regionen leben die Türkeideutschen?

Eckart Cuntz: Leider können wir diese Zahlen nur schätzen. Wir rechnen mit ca. 70.000 deutschen Staatsangehörigen, die gegenwärtig dauerhaft in der Türkei leben; viele davon an der Mittelmeerküste.

Was sind ihre Probleme in der Beziehung zum Staat und der Mehrheitsgesellschaft?

Ich kann natürlich nicht für jeden Einzelnen sprechen. Aber mir gegenüber angesprochen werden immer wieder Probleme mit Arbeits- und Aufenthaltserlaubnissen, gerade bei Deutschen die schon sehr lange in der Türkei leben und ihren Status nicht gefestigt sehen. Immer wieder werden in diesem Zusammenhang auch die besonderen Autokennzeichen für Ausländer angesprochen; viele Deutsche fühlen sich hierdurch diskriminiert.

Wie hat sich die Geschichte der Türkeideutschen seit den „Bosporusgermanen“ entwickelt?

Der Begriff “Bosporus-Deutsche” bezeichnet Deutsche in der Türkei, deren Familien oft schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dauerhaft in Istanbul lebten. Heute leben ca. 35.000 Deutsche in der Bosporus Metropole.

Frühe deutsche Einwanderer in Istanbul kamen im 19. Jahrhundert als Handwerker und Geschäftsleute, später auch als Mitglieder von deutschen Militärmissionen, wie beispielsweise Colmar von der Goltz und Liman von Sanders, die zum Aufbau der osmanischen Armee beitrugen. 1852 wurde das Deutsche Krankenhaus in Istanbul gegründet, 1868 die Deutsche Oberrealschule (heute Deutsche Schule Istanbul, /Özel Alman Lisesi/), später dann das Istanbul Erkek Lisesi.

Während der Zeit des Nationalsozialismus fanden zahlreiche aus Deutschland vertriebene Wissenschaftler und Künstler Zuflucht in der Türkei, darunter bekannte Personen wie der Bildhauer Rudolf Belling, der Architekt Bruno Taut und der Komponist Paul Hindemith oder der Politiker Ernst Reuter. Geschätzt werden 1.000 direkt betroffene Personen.

Die dritte Welle kam seit den 1970er Jahren, vorwiegend durch Vertreter deutscher Wirtschaftsunternehmen ebenso wie Mitarbeiter in deren türkischen Partnerfirmen.

Auch heute existiert noch eine deutsche Gemeinde. Seit langer Zeit bestehende Gebäude sind das ehemalige Botschaftsgebäude und heutige Generalkonsulat nahe dem Taksimplatz, die parkähnliche Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya am Bosporus, das deutsche Krankenhaus und die Deutsche Schule in Istanbul. Des weiteren existieren deutschsprachige evangelische und katholische Kirchengemeinden.

Haben die Türkeideutschen Sprachschwierigkeiten bzw. Integrationsprobleme oder passen sie sich schnell den Gewohnheiten des Landes an und erlernen schnell die Landesprache?

Das lässt sich – übrigens genauso wenig wie für die Türkeistämmigen in Deutschland – nicht einheitlich beantworten. In Istanbul kommen viele „Expats“, deren Aufenthalt von Anfang an nur auf kurze Zeit angelegt ist, ganz ohne Türkischkenntnisse aus, und können sich aufgrund des entsprechenden Umfeldes, gut integrieren. Ähnliches mag an der Mittelmeerküste gelten. Allerdings gibt es auch eine große Gruppe, z.B. von deutschen Ehepartnern, die in der Türkei mit ihrer türkischen Familie leben und daher ganz ausgezeichnet Türkisch sprechen. Und: es gibt eine wachsende Gruppe von deutschen Studenten, die sich sehr viel Mühe mit dieser schwierigen Sprache geben. Für Menschen, die längere Zeit oder gar auf Dauer in einem Land leben, ist die Kenntnis der Landessprache unverzichtbar.

Gibt es deutsche „Parallelgesellschaften“ in der Türkei?

Aus meiner Sicht stellen Elemente deutscher Lebensart, wie zum Beispiel deutsche Bäckereien oder Buchhandlungen, die es in einigen türkischen Städten gibt, eine Bereicherung für die Türkei dar. Auf meinen Reisen in der Türkei beobachte ich immer wieder, wie wunderbar die Deutschen hier in der Türkei mit ihren türkischen Nachbarn, Bäckern und Friseuren eine Lebenswelt teilen.
Umgekehrt gilt doch das gleiche, nur in einem viel größeren Maßstab: zum Beispiel sind türkische Friseure, Restaurants und Supermärkte heute ein fester Bestandteil des Lebens in Deutschland.

Welche Vereine/Verbände vertreten die Interessen der Türkeideutschen?

Es gibt an vielen Orten in der Türkei solche Verbände; ich will als Beispiel die ”Die Brücke“ in Istanbul nennen, die seit vielen Jahren aktiv ist und einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leistet.

Welche Rolle spielen die Türkeideutschen in der Wirtschaft und Politik des Landes? Gibt es erfolgreiche Politiker, Unternehmer, Künstler, Sportler, Schriftsteller mit deutschem Migrationshintergrund?

Es gibt sie; aber auch hier muss ich sagen, nicht in dem Maße wie umgekehrt. So ist die deutsche Schauspielerin Wilma Elles, die einen guten Teil des Jahres in Istanbul lebt, vielen Fernsehzuschauern als “Caroline” in der türkischen TV-Serie “Oyle gecer ki zaman” gut bekannt. Oder wenn wir an den Bereich Fußball denken: viele deutsche Spieler und Trainer haben oft mehrere Jahre in der Türkei verbracht und waren hier erfolgreich. Ich will hier nur beispielsweise an Jupp Derwall oder Fabian Ernst erinnern; die Reihe ließe sich jedoch noch lange fortsetzen.

Es sind viele Deutschlandtürken in die Türkei ausgewandert. Was wissen sie über diese Gruppe?

In Deutschland ausgebildete Menschen, die aus der Türkei stammen, haben hier gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, so dass der Anteil an Akademikern, die in die Türkei gehen, recht hoch ist. Sie werden vor allem von der dynamischen Metropole Istanbul angezogen.
Es ist aber auch zu beobachten, dass ein Teil der Auswanderer nach ein paar Jahren wieder nach Deutschland zurückgeht, so dass wir auch zunehmend Pendelbewegungen zwischen der Deutschland und der Türkei erwarten.

Wie viele deutsche politische/wissenschaftliche Stiftungen/Institute sind in der Türkei tätig, was für eine Arbeit machen sie und wie wichtig sind diese Einrichtungen für die deutsch-türkische Beziehung?

Für den akademischen Austausch zwischen unseren Ländern spielt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) eine herausragende Rolle, der sich den verstärkten Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern zum Ziel setzt. In Ankara und Istanbul unterhält der DAAD Informationszentren. Zu ihren Aufgaben gehören u.a. die Informationen über den Forschungs- und Studienstandort Deutschland, Stipendienberatung und die Teilnahme an Bildungsmessen. Im Rahmen des Gründungsprozesses der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul nimmt der DAAD in enger Abstimmung mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine wichtige koordinierende Funktion ein.

Ferner sind als wissenschaftliche Institute das Deutsches Archäologische Institut (DAI) und das Orient Institut in Istanbul vertreten.

Seit Menschengedenken gilt der Kulturraum der heutigen Türkei, von dem zahlreiche Impulse ausgegangen sind, als kulturelle Brücke zwischen Asien und Europa. Im Laufe der Geschichte beherbergte es die unterschiedlichsten Zivilisationen und Kulturen. Heute arbeiten türkische, deutsche und internationale Forschungsteams auf dem Gebiet der Archäologie erfolgreich zusammen an der Erforschung von Kulturen aus der Zeit des Neolithikums bis hin zur osmanischen Epoche. Das Deutsche Archäologische Institut ist auf dem Gebiet der internationalen archäologischen Forschung die bedeutendste Einrichtung in Deutschland. Es hat seinen Sitz in Berlin. Zum 100jährigen Jubiläum des Instituts wurde 1929 eine Abteilung in Istanbul gegründet. Die Abteilung Istanbul unternimmt u.a. wissenschaftliche Forschungen in Hattuscha, Pergamon, Göbekli Tepe, Milet, Priene, und Didyma.

Das Orient-Institut in Istanbul (OII) ist eine unabhängige Forschungseinrichtung, die im Auftrag der bundeseigenen Stiftung Deutsche Geisteswissenschafliche Institute im Ausland (DGIA) arbeitet. Wegen des Bürgerkriegs im Libanon zunächst als Nebenstelle des Orient-Instituts in Beirut eröffnet, wurde es 2009 zu einer selbstständigen, akademischen Einrichtung. Mit seinen Forschungsschwerpunkten Turksprachen, osmanische Geschichte, Entwicklung der Region des Nahen Ostens und Migration ist das OII aus dem Wissenschafts- und Forschungsleben Istanbuls nicht wegzudenken. Das OII besitzt eine öffentlich zugängliche, umfangreiche Forschungsbibliothek und arbeitet mit Universitäten und unabhängigen wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland zusammen.

Es sind vier deutsche politische Stiftungen in der Türkei mit einem eigenen Büro tätig. Dies sind die Konrad-Adenauer-Stiftung (den Christdemokraten nahestehend), die Friedrich-Ebert-Stiftung (den Sozialdemokraten nahestehend), die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (den Liberalen nahestehend) und die Heinrich-Böll-Stiftung (den Grünen nahestehend). Bis auf die Konrad-Adenauer-Stiftung, die ihr Büro in Ankara unterhält, haben die anderen politischen Stiftungen ihre Büros in Istanbul. Die politischen Stiftungen (übrigens in der Türkei überwiegend als Verein organisiert) sind unabhängig vom deutschen Staat, erhalten aber, je nach ihrer Präsenz im Bundestag, öffentliche Gelder für ihre Tätigkeiten der politischen Bildung der Bevölkerung insgesamt, der Begabtenförderung sowie der Entwicklungszusammenarbeit. Zwar haben die politischen Stiftungen im einzelnen meist unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte (darunter Demokratisierung, Dialog mit der Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und den Sozialpartnern, Stipendienprogramme, Stärkung der Zivilgesellschaft, Wirtschaftsdialog, Förderung der sozialen Gerechtigkeit und der Meinungsfreiheit, Außen- und Sicherheitspolitischer Dialog, Ausstausch zwischen Kulturen und Religionen, Ökologie), aber allen Stiftungen ist gemeinsam, dass sie für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, soziale Marktwirtschaft und die Europäische Union stehen. Die deutschen politischen Stiftungen leisten einen wertvollen Beitrag für die deutsch-türkischen Beziehungen – und zwar dank ihrer vielfältigen Aktivitäten in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Über 4.000 deutsche Unternehmen gibt es in der Türkei. Wie sind sie organisiert und Welche Rolle spielen sie in der Wirtschaft des Landes?

Deutschland ist u.a. mit einem Rekord-Aussenhandelsvolumen von 25 Mrd. Euro 2010 der mit Abstand wichtigste und größte Wirtschaftspartner der Türkei. Insbesondere bei den türkischen Exporten sind wir weiterhin unangefochten das wichtigste Abnehmerland.

Deutschland ist auch das führende Herkunftsland von ausländischen Direktinvestitionen in der Türkei, sowohl was die Dauer der Präsenz, als auch was die Zahl der beteiligten Unternehmen anbelangt. Derzeit existieren über 4.400 deutsche Unternehmen bzw. türkische Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei. Im Durschnitt der letzten 5 Jahre haben sich jährlich ca. 400 deutsche Unternehmen in der Türkei neu etabliert. Dieser Trend hält ungebrochen an. Seit 1980 wurden deutsche Investitionen in Höhe von rund 8,2 Milliarden USD getätigt. Deutsche Unternehmen in der Türkei sind in vielen Sektoren vertreten: im industriellen Bereich, auf dem Dienstleistungssektor sowie auf dem Gebiet des Einzel- und Großhandels. Beim größten Anteil dieser Investitionen handelt es sich nach meinen Erfahrungen nicht so sehr um „gewerbliche Übernahmen“, sondern um tatsächliche „Neuinvestitionen“, also sogenannte „Greenfield-Investitionen“, durch die Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen werden.
Das Engagement vieler deutscher Firmen in der Türkei ist langfristig angelegt. Sie vertrauen auf die Standortvorteile der Türkei, zu denen qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte sowie die günstigen Verkehrswege zu den Absatzmärkten in Europa und Nahost gehören. Einzelne deutsche Traditionsunternehmen können bereits auf eine Präsens von über 100 Jahren in der Türkei zurückblicken.

Wie viele Deutsche Schulen gibt es in der Türkei und mit wie vielen staatliche/private Schulen arbeitet Deutschland im Rahmen des PASCH Projekts (Partner für die Zukunft) zusammen?

Aufgrund der intensiven bilateralen Beziehungen ist die Türkei ein Schwerpunktland der Deutschförderung, was sich insbesondere in der Unterstützung von Schulen und Lehrern widerspiegelt. Es gibt fünf Deutsche Schulen in der Türkei: die Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara mit ihren Zweigstellen in Istanbul und Izmir, das seit 1868 bestehende traditionsreiche private Alman Lisesi in Istanbul und das staatliche Istanbul Lisesi, an dem seit langem Deutsch unterrichtet und das Abitur abgelegt wird.

Was die PASCH-Initiative „Schulen – Partner der Zukunft“ angeht, so werden aktuell 38 Schulen gefördert. Dazu gehören mit Ausnahme von Izmir – die Schule wurde erst vor kurzem gegründet – die obigen Schulen sowie 23 staatliche und 11 private türkische Schulen, die auf das ganze Land verteilt sind. Die letzte PASCH-Plakette habe ich Ende Januar in Erzurum an das private Özel Bilkent Laboratuvar Lisesi verliehen.

Wer sind die berühmtesten Absolventen dieser Schulen die später in den Medien, der Politik und Wirtschaft des Landes eine wichtige Rolle gespielt haben?

Die Liste der bekannten Absolventen sowohl des Özel Alman Lisesi als auch des Istanbul Lisesi ist sehr lang. Einer der bekanntesten Abgänger des Istanbul Lisesi ist sicherlich der amtierende Außenminister Ahmet Davutoğlu, nicht weniger bekannt sein dürften der aktuelle Staatssekretär im türkischen Aussenministerium, Feridun Sinirlioglu, Necmettin Erbakan und Mesut Yılmaz als frühere Ministerpräsidenten. Auch die Musiker Erol Evgin und Mesut Cemil sowie die Schauspieler Sadri Alişik und Şener Şen oder der Schriftsteller Nurettin Topçu sind bekannte Namen in der türkischen Gesellschaft.

Als bekannteste Absolventen des Özel Alman Lisesi möchte ich den Unternehmer Bülent Eczacıbaşı, den ehemaligen Berater von Ministerpräsident Erdogan, Cüneyd Zapsu, den Unternehmer der ENKA Holding Sinan Tara, den Modedesigner Atıl Kutoğlu, den Rockmusiker Harun Tekin, den Journalisten Yalçın Doğan und die ehemalige künstlerische Leiterin der Istanbuler Oper, Yekta Kara, nennen.

Die Namensliste ließe sich beliebig fortsetzen. Tatsache ist, dass deutsche Schulen in der Türkei eine lange und gute Tradition haben und viele Absolventen dieser Schulen später in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft der Türkei eine entscheidende Rolle spielen. Dies wiederum wirkt sich positiv auf unsere Beziehungen aus, da diese Menschen über die deutsche Ausbildung eine Bindung an Deutschland erfahren haben und als wahre Brückenbauer zwischen unseren beiden Ländern fungieren.

Süleyman Bag

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