"’Integrationsarbeit‘ war nie ein Beweggrund"

Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, Regisseurinnen von "Almanya- Willkommen in Deutschland", erzählen von ihren persönlichen Kindheitserinnerungen in Deutschland und der Türkei, von der Bedeutung des Weihnachtsfestes für ihre Familie und welche Erfahrungen in den Film eingeflossen sind. Am Donnerstag (10. März) startet der Streifen im Kino.

Deutsch Türkische Nachrichten: „Almanya – Willkommen in Deutschland“ feierte im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere.
Was bedeutet es Ihnen, dass der Film auf der Berlinale gezeigt wurde?

Yasemin: Das war fantastisch und eine große Ehre. Man kann das gar nicht in Worte fassen. Nesrin und ich haben wirklich sehr hart gearbeitet, um diesen Film zu machen und über all die Jahre gab es so viele Hindernisse, die immer  wieder aus der Welt geschafft werden mussten und wenn man dann mit so einem Auftakt für den Film belohnt wird, ist das einfach großartig!

Wer oder was bin ich eigentlich – Deutscher oder Türke?“ Diese Frage stellt sich der sechsjährige Cenk in Ihrem Film. Wie würden Sie die Frage für sich selbst beantworten?

Yasemin: Beides! Ich würde sagen, dass ich eine Deutsch-Türkin bin.

Wieso haben Sie sich entschieden das Thema Integration humorvoll anzugehen?  Was ist Ihre Message?

Nesrin: „Integrationsarbeit“ war für uns nie ein Beweggrund. Wir wollten
vielmehr eine humorvolle, komplexe Familiengeschichte erzählen, die möglichst viele Facetten des  Deutsch-Türkischen Zusammenlebens hier in
Deutschland zeigt. Nicht alle Menschen scheitern hier an den Aufgaben. Es
gibt sehr viele, die eher den Gewinn, als den Verlust sehen.

In „Almanya“ haben Sie, so heißt es in der Ankündigung, viele persönliche Erlebnisse eingebracht. Welche sind das konkret und warum genau die?

Yasemin: Genau wie in unserem Film haben auch wir unsere Mutter überredet, dass sie für uns „Weihnachten“ macht. Das Ergebnis war genau wie in dem Film. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber man kann sagen, dass es sehr komisch und sehr enttäuschend zugleich war.

 

Sie sind selbst Einwandererkinder und in Dortmund geboren. Warum kamen Ihre Eltern nach Deutschland?

Nesrin: Genau wie die meisten „Gastarbeiter“ dieser Zeit, um zu arbeiten und
Geld zu verdienen. Die Möglichkeiten im Heimatland waren nicht ausreichend
und Deutschland hingegen suchte händeringend nach Arbeitern.

Wie oft waren Sie in der Türkei, was haben Sie für ein Verhältnis zu dem Land und was für Erinnerungen?

Yasemin: Wie viele anderen Familien auch, sind wir als Kinder oft in den Ferien in die Türkei gefahren. Nicht jedes Jahr, aber in der Kindheit ca. viermal. Jedes Mal war es natürlich ein tolles Abenteuer. Schon alleine die dreitägige Fahrt mit dem Auto war der Wahnsinn. Mit drei Kindern auf der Rückbank und das über drei Tage, da kann sich eigentlich jeder vorstellen, was da abging. An die Türkei habe ich so viele und so unterschiedliche Erinnerungen, dass man das hier natürlich nicht wiedergeben kann. Außer, dass es natürlich ganz toll war, die Familienmitglieder zu treffen, die man sonst nie sah.

Woher stammen die originellen Ideen über Riesenratten an der Leine und menschenfressenden Deutschen – auch aus der eigenen Erfahrung?

Nesrin: Die Riesenratte haben wir erfunden, wie eigentlich das Meiste in der
Geschichte, jedoch war es ganz einfach, diese Perspektive der Familie
einzunehmen. Man muss nur mit genug Distanz betrachten, da fällt einem
sofort allerhand Skurriles auf. Das könnte man, glaube ich, mit jedem Land
und jeder Kultur so machen.

Leben Ihre Eltern noch in Deutschland? Wollten diese je zurück in die Türkei?

Yasemin: Ja, unsere Eltern leben in Dortmund und ich glaube nicht, dass sie jemals wirklich ernsthaft zurück kehren wollten. Dafür haben auch sie sich zu sehr an das Leben hier gewöhnt.

Was haben Ihnen Ihre Eltern von der Türkei erzählt?

Nesrin: Es waren keine Beschreibungen des Landes, vielmehr Anekdoten von der Familie und ihrem Leben damals dort. Einiges davon steckt auch in Almanya.

„Welches Fest wir wirklich groß feiern, ist Weihnachten.“

Welche traditionell türkischen Feste werden bei Ihnen in der Familie noch gefeiert und welche deutschen haben sich über die Jahre bei Ihnen etabliert?

Yasemin: Wir feiern natürlich die großen Feste wie den Bayram oder das Zuckerfest. Aber dadurch, dass wir alle jetzt in anderen Städten wohnen läuft es darauf hinaus, dass man alle Familienmitglieder anruft und ihnen gratuliert. Welches Fest wir wirklich groß feiern, ist Weihnachten. Nicht in religiöser Hinsicht. Aber da man da einfach drei Tage hat, wo wirklich niemand in Deutschland arbeitet, ist es eine Zeit, wo wir immer in Dortmund sind und auch diese Zeit mit der Familie verbringen können. Dann gibt es tolles Essen und Geschenke für alle.

Im Film bricht die Familie nach vielen Jahren in Deutschland in die Türkei auf. Ist das Ihrer Meinung nach für die zweite oder gar dritte Migranten-Generation überhaupt eine reelle Option? Nicht nur, wenn man hier den Heimatbegriff anwenden wollte…

Yasemin: Auch im Film geht es ja darum, dass Hüseyin nicht wirklich „richtig“ zurück will in die Türkei, sondern einen Urlaub machen will, mit seiner ganzen Familie. Ich denke, dass für die meisten Deutsch-Türken eine Rückkehr in die Türkei keine wirkliche reale Option ist. Viele berichten ja auch davon, dass es schwieriger ist, als man im ersten Moment denken würde und das sie sich dort dann auch „fremd“ gefühlt haben.

Wie ist es umgekehrt? Was sehen die Deutschen in der Türkei – außer als das bekannte Urlaubsparadies?

Yasemin: Diese Frage sollte ein Deutscher beantworten. So, ist es doch wieder nur eine Behauptung einer Deutsch-Türkin.

Haben Sie schon ein weiteres Filmprojekt in Planung?

Nesrin: Ja, wir schreiben schon an neuen Ideen!

L. Räuber, F. Kubach

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.