Sprachwechsel: Wo "Experten" irren

Eine gute Erstsprache ist eine gute Grundlage, aber kein Automatismus. Zur wissenschaftlichen Debatte über die Mehrsprachigkeit.

Sehr geehrter Herr Dr. Maier, sehr geehrter Herr Karakoyun,

ich bin eine Leserin, die Ihre interessanten Nachrichten gerne verfolgt. In Ihrer Ausgabe 11 haben Sie aufgrund des türkischen Prämierministers Erdogan das Türkisch bzw. Deutschlernen von in Deutschland lebenden Türken thematisiert. Auch wenn ich den Grundsatz gut fand, habe ich als Sprachwissenschaftlerin den Artikel „Appell an die Heimatgefühle der deutschen Türken“ mit großem Ärgernis gelesen. Ich hätte von dem/der Verfasser/in etwas mehr Recherche über Zweisprachigkeit und Spracherwerb gewünscht, sonst wären die Behauptungen nicht so oberfächlich und laienhaft:

1. Von den Jugendlichen, die an der Straße mit anderen zweisprachigen Jugendlichen sprachenwechselnd (Ihrer Meinung nach also ein Mischmasch) sprechen, wissen wir schon seit einigen Jahren, dass Sprachwechsel im Gespräch eine besondere Kompetenz ist und nicht zwangsläufig belegt, dass diese Menschen „weder in der Lage sind, die türkische Sprache zu sprechen, noch in deutscher Sprach miteinander zu kommunizieren“. Prof. Dr. Inken Keim hat dazu Studien über Jahre geführt und gerausgefunden, dass Sprachwechsel unter Zwei- bzw. Mehrsprachigen eine Normalität und eine besondere Kompetenz ist, die nicht mit mangelnden Kenntnissen in der jeweiligen Sprache zu tun hat.

2. Sie führen Prof. Esser an, der selber keine empirischen Studien zum Spracherwerb führt, von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die seit Jahren sich sehr ernsthaft und auch kritisch mit dem Thema Spracherwerb auseinandersetzen, sehr hart kritisiert wird, weill er genau das sagt, was viele Politiker hören wollen: Das Türkische bringt nichts, kann man vergessen, ist sogar schädlich. Dies ist nun wissenschaftlich wiederlegt (s. z.B. Rehbein 1987; Baur/Meder 1989; Haberzettl 2005; Verhoeven 2007; Apeltauer 2008; Senyildiz 2010).

3. Früher ist man von einem Automatismus ausgegangen und dachte: Wenn die Erstsprache gut gelernt ist, dann lernen die Kinder die Deutsche Sprache besser. Dies wird heutzutage etwas differenzierter betrachtet: eine gute Erstsprache ist eine gute Grundlage, aber kein Automatismus. Was nutzt einem Kind seine Erstsprache für seinen Deutscherwerb, wenn es mit dem Deutschen nicht in Kontakt kommt?

4. Als berufstätige Mutter und Eltervertreterin eines Kindergartens, in dem 42 Natitonen vertreten werden, in den Kinder mit Migrationshintergrund meist ohne Deutschkenntnisse kommen, muss ich auch Herrn Franz kritisieren. Herr Franz glaubt, dass diese Kinder nicht rechtzeitig in den Kindergarten geschickt werden. In dem Jahr, in dem mein Kind in seinen Kindergarten kam, gab es viele 4,5 und 5 Jährige, die gerade einen Platz bekommen hatten. Die Eltern berichteten, dass sie seit Jahren auf einen Platz warteten. Ihre Beschwerden wurden damit abgewürgt, dass ihr Kind gerne in einem 20 KM entfernten Kindergarten einen Platz bekommen könnte, was für die meisten Eltern, die in sehr schwierigen Jobs ausüben und nicht unbedingt über ein Auto verfügen nicht einfach gewesen wäre.

Wer in dem Milieu lebt, in dem viele Türken sich befinden, und mit ihnen (und nicht über sie) redet, findet auch Antworten, die mehr einleuchten.

Mit freundlichen Grüßen

Reyhan Kuyumcu

Literatur

Apeltauer, Ernst (2008): Wortschatz- und Bedeutungsentwicklung bei zweisprachig aufwachsenden Kindern. In: Flensburgerpapiere zur Mehrsprachigkeit und Kulturenvielfalt im Unterricht. Heft 47/48.

Baur, Ruprecht, S./ Meder, Gregor (1989): Die Rolle der Muttersprache bei der schulischen Sozialisation ausländischer Kinder. In: Diskussion Deutsch 20 (1989), 119 – 135.

Haberzettl, Stefanie (2005): Der Erwerb der Verbstellungsregeln in der Zweitsprache Deutsch durch Kinder mit russischer und türkische Muttersprache. Tübingen (Niemeyer).

Rehbein, Jochen (1987): Diskurs und Verstehen. Zur Rolle der Muttersprache bei der Textverarbeitung in der Zweitsprache. In: Apeltauer, Ernst Gesteuerter Zweitspracherwerb. Voraussetzungen und Konsequenzen für den Unterricht Hueber. 113-173.

Senyildiz, Anastasia (2010): Wenn Kinder gemeinsam mit Eltern Deutsch lernen: soziokulturell orientierte Fallstudien zur sprachlichen Entwicklung von russischsprachigen Vorschulkindern. Tübingen: Stauffenburg.

Verhoeven, Ludo (2007): Early bilingualism, language transfer, and phonological awareness. In: Applied Psycholinguistics 28/3. 425 – 439.

Mit freundlichen Grüßen

Reyhan Kuyumcu

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