Das ungeschminkte Kopftuchmädchen sagt: Ich bin eine Deutsche

Oft sind es die verstopften Ohren, dank derer dem deutschen Mann vor der Glotze klar wird, wer er ist, und wer sie. Eine literarische Neuerfindung Deutschlands von Jasmin Ramadan.

Beinahe brutal hatte seine Mutter ihn einst in die ordentliche Benutzung eines Q-Tip eingefuhrt. Er bekommt Lust, das Wattestäbchen wieder einmal so weit hineinzustecken, dass er es auf dem Trommelfell spüren kann, und dann drückt er, bis es schmerzt. Er weiß, wenn er jetzt zustöst, wird er sich schwer verletzen. Er traut sich nicht, bohrt aber noch lange in seinem Ohr und fuhrt das Stäbchen so tief ein wie noch nie. Als er es wieder herauszieht, klebt gar kein Ohrdreck dran, und er begreift mit panischem Erschrecken, dass auch die Watte fehlt. Sie muss noch in seinem Ohr sein.

Er beginnt danach zu suchen, aber seine dicklichen Finger vermögen nichts auszurichten. Mit einer Taschenlampe versucht er Einblick in sein Ohr zu bekommen. Aber ihm fehlt die nötige Geduld. Er denkt an die zarte Vietnamesin mit den flinken Fingern, die längst schon davongetrippelt ist. Plötzlich verspürt T. einen Stich im Kopf auf der gesunden Seite unter der Schlafe. Er hält inne und stellt eine Bewegung nach oben fest. Als würde das Watteknötchen langsam, aber unaufhaltsam zu seinem Gehirn vordringen. Ihm wird rot vor Augen, so als würde Blut hineinschiesen, dann wird es schwarz, er schliest die blinden Augen, spürt das Knötchen und sieht einen gelblichen Schatten.

Ein gelbes, leuchtendes Knotchen wandert hinter seinen Augäpfeln entlang. Er schüttelte den Kopf, öffnet die Augen; er kann wieder etwas sehen, aber sein Sichtfeld ist noch immer eingeschränkt; es ist, als würde er aus einem engen Tunnel in sein geraumiges Wohnzimmer blicken, er muss den Kopf wenden, um alle Ecken des Raumes sehen zu können, als würde er, wie ein Kutschpferd, Scheuklappen tragen. Sein Nacken wird steif, sodass T. nun nur noch starr in eine Richtung sehen kann. Er setzt sich auf die Couch, das Frühstücksfernsehen läuft noch. Eine ungeschminkte türkische Frau mit einem Kopftuch sitzt bei der feschen blonden Moderatorin und lächelt, als führe sie etwas im Schilde. Das fällt der jungen Moderatorin natürlich nicht auf. Alle dürfen ja heute ins Fernsehen, alle dürfen heute alles und können wenig, müssen nicht mal studiert haben, um einen gewissen Wohlstand oder Status zu erringen.

T. versucht dem Gespräch zu folgen. Das Kopftuchmädchen behauptet, eine Deutsche zu sein, sagt, wer ihr das abspreche, müsse sich schon auf das Blut zur Identifizierung von Nationalitat berufen. Ja, ja! Da hatte sie recht, doch gar nicht so dumm, das Kopftuchmadchen. Ein negroider Moderator kommt dazu und redet Plattdeutsch, als ware das eine Legitimation.

(Auszug aus dem Buch “Manifest der Vielen”, erschienen im Blumenbar Verlag)

Jasmin Ramadan wurde 1974 geboren und lebt in Hamburg. Mit ihrem Roman-Debüt „Soul Kitchen“ zum gleichnamigen Kinohit von Fatih Akin konnte sie 2009 einen Überraschungserfolg landen. Bereits im Jahr 2008 erhielt Ramadan den Hamburger Förderpreis für Literatur. Jetzt, im Frühjahr 2011 erscheint bereits ihr neuer Roman „Fehrmanns Spezialitäten“.

Das Buch „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ gilt als Erwiderung auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Herausgeberin ist die bekannte Autorin Hilal Sezgin („Typisch Türkin“). 30 profilierte Autorinnen und Autoren aus Kultur, Gesellschaft und Medien haben an dem im Februar 2011 erschienen Werk mitgewirkt: Feridun Zaimoglu, Aiman Mazyek, Kübra Gümüsay, Naika Foroutan und Hatice Akyün, um nur einige zu nennen.

Bereits erschienen: Feridun Zaimoglu “Das Elend der Konservativen und der gewendeten Linken”Aylin Selcuk “Hurensöhne” und “dumme Menschen” – da gibt es nichts zu diskutieren sowie Riem Spielhaus „Sind Muslime die gefährlichen Migranten?“

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