Migrantenorganisationen: Neu gegen Alt

Eine neue Generation engagiert sich in Vereinen und will mehr Integration sowie weniger Türkei-Nostalgie.

Mit der jungen Generation der Deutsch-Türken ändern sich auch die Migrantenvereine: Waren die der ersten Generation auf die Türkei ausgerichtet, fokussieren sich die jungen Vereine auf Deutschland.

Migrantenorganisationen rücken immer mehr in den Mittelpunkt der Debatte um Integration in Deutschland. Ihre Funktion ist allerdings sehr umstritten. Haben Migrantenorganisationen eine segregierende oder eine eher integrative Wirkung? Die Wissenschaft und die Politik haben sich hierzu bislang noch keine einheitliche Meinung gebildet. Die einen sind der Ansicht, dass Migrantenorganisationen eine fördernde Rolle im Integrationsprozess spielen, da sie in den ersten Phasen der Einwanderung Sicherheit und Halt geben und als Mediator von Alltagswissen auftreten. Anschließend können sie auch als Interessenvertretung fungieren.

Andere hingegen kommen zu entgegengesetzten Resultaten und sehen im Bestehen von charakteristisch ethnischen Organisationen eher ein Hindernis für die Integration. Es wird argumentiert, dass dieser Ansatz dazu führe, dass Migranten eher Kontakte in ihre eigene Gruppe knüpft als zur Aufnahmegesellschaft. Je ausgeprägter das Netz ethnischer Organisationen sei, desto größer sei sogar die Gefahr, dass nicht mehr der Kontakt zur Aufnahmegesellschaft und deren Institutionen gesucht werde, sondern sich die Migranten mit den eigenen Ressourcen zufrieden geben würden. Die Folge sei, so die Meinung, eine sehr geringe Integrationswirkung. Oft aber kommt es zum Entstehen einer Parallelwelt, die weitere Benachteiligungen und Segregationen nach sich ziehe.

Bei den Migrantenorganisationen, die von Personen mit türkischem Migrationshintergrund gegründet wurden, lassen sich, je nachdem welche Organisationsbildung untersucht wird, Belege für die eine wie für die andere These finden.

Die Organisationsbildung von Türken der ersten Generation kann oftmals als Beispiel für mögliche Segregationseffekte von Vereinen angeführt werden. Insbesondere Vereine aus den 1970er und 1980er Jahren sind direkte Ableger von Organisationen in der Türkei (vor allem der Parteien), die zu Zeiten der Militärdiktatur zeitweise sogar verboten waren. Politische Auseinandersetzungen in der Türkei werden durch diese Organisationen auf die türkische Bevölkerung in Deutschland übertragen, was zu heftigen Auseinandersetzungen unter den Türken in Deutschland führt und auch eine gewisse Fundamentalisierung von Teilen der Bevölkerung nach sich zieht. Schon die Namen dieser allseits bekannten Vereine verdeutlichen, dass es vor allem um Türken und um die Türkei geht.

Dagegen können die Selbstorganisationen der neueren Generationen, wie Bildungsvereine, deutsch-türkische Vereine und interkulturelle Vereine, die vor allem zur Unterstützung von Bildung, Dialog, Zusammenleben und Toleranz ins Leben gerufen wurden, als Beispiele für die positive Wirkung von Selbstorganisationen auf die Integration angeführt werden.

Es ist daher wichtig die Vertreter dieser neueren Selbstorganisationen im politischen Prozess ernst zu nehmen und als gleichwertige Diskussionspartner anzuerkennen. Nur so wird es möglich sein, den Einfluss der Migrantenorganisationen der ersten Generation, die sich in erster Linie mit der Situation in der Türkei beschäftigten und deswegen ins Abseits führen, zu vermindern, und die Vereine der neueren Generation, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, zu stärken.

Ercan Karakoyun

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