Die Gastarbeiter und ihre süße Stimme: Ibrahim Tatlises

Der arabisch-kurdische Superstar Ibrahim Tatlises geriet in letzter Zeit hauptsächlich wegen des Attentats auf ihn in die Medien. Ein gezielter Kopfschuss hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Der Tathergang wirft immer neue Fragen auf. Tatlises ist einer der bekanntesten Vertreter der Arabesk-Musik, die selbst eine lange Tradition hat. Diese wird fortgesetzt von Muhabbet, der vorallem jüngeren Generationen ein Begriff ist.

Ibrahim Tatlises ist ein einer bedeutendsten Sänger in der Türkei. Doch nicht nur das. Er ist Entertainer mit eigenen TV- und Radiosendungen, Großunternehmer, besitzt eine Restaurant-Kette, eine Fluggesellschaft, Radio- und Fernsehsender, eine Musik-Produktionsfirma, ein Tourismusunternehmen und unterhält Rastplatz-Restaurants. 1952 wurde er als Sohn einer armen arabisch-kurdischen Familie in Sanliurfa (Süd-Ost-Anatolien) geboren. In seiner Jugend begann er auf Hochzeiten und Festen zu singen. Als ihn ein Musikproduzent entdeckte und er nach Istanbul zog, begann seine Karriere, die bis heute andauert und ihn zum Multimillionär gemacht hat. Er symbolisiert wie kein anderer den türkischen Traum: Vom Landarbeiter zum reichen Sänger.

Ibrahim Tatlises ist der bedeutendste Vertreter der Arabesk Musikrichtung. Arabesk ist die Musik der vielen Millionen Landflüchtlinge, die in den 70er und 80er Jahren aus dem anatolischen Osten in die Westtürkei wanderten, um vor Armut und Terror zu entgehen. Sie lebten meist in den sogenannten Gecekondus (über Nacht gebaute Häuser) der Großstädte. Diese Häuser wurden zu Tausenden über Nacht improvisiert, ohne Architekt und ohne gelernte Bauarbeiter. Man wollte ein Dach über dem Kopf haben und dann schnell Arbeit finden. Die Hoffnung und der Glaube an eine bessere Zukunft sowie die Sehnsucht nach Heimat und Familie führten hier zum Entstehen der Arabesk-Musik. Die Lieder dieser Musikrichtung sind oft sehr sentimental und orientalisch angehaucht. Sie  handeln von Trennung, Herz und Schmerz, Heimweh und Liebe. „Der Zug in die Fremde trennte uns“, „Ich habe nur einen Wunsch: Sei glücklich. Das reicht mir“, „Als du fort gingst, wurde ich zum Waisen“, „Es gibt kein Leid, dass ich noch nicht erlitten habe“, „Wer erhört meine Schmerzen“, und „Ich vermisse dich“ sind Passagen aus Liedern von Ibrahim Tatlises, die für die Gefühlswelt dieser Menschen stand.

Lange war die Gefühlswelt der Gastarbeiter in Deutschland vergleichbar. Fern von der Heimat und der Familie, in einem fremden Land lebten auch sie von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in ihrer Heimat mit ihrer Familie. Die Arabesk Tradition lebte in den Arbeitersiedlungen Deutschlands weiter.

Arabesk ist also nicht nur Musik, sondern ein Lebensentwurf. Sie wurde von den alten Eliten als minderwertige Migranten- und Proletenmusik gebrandmarkt. Aufgrund ihrer traurigen, Schmerz darstellenden Texte wurden sie stets verachtet und ignoriert. Arabesk wurde in den 80er Jahren sogar zensiert und oft verboten, da die Musik so zu sein hatte, wie die Elite es wollte. Trotzdem erlangte Arabesk  in Arbeiterghettos und in großen türkischen Metropolen wie Istanbul große Popularität und ist aus der türkischen Musikszene nicht mehr wegzudenken.

Trotz der Veränderungen in der Gesellschaft in der Türkei und auch der Migranten in Deutschland, verstanden es Arabesk-Interpreten sich so sehr anzupassen, dass die meisten von ihnen heute die Interessen und den Geschmack vieler weiter bedienen. Jugendliche Migranten in Deutschland haben mittlerweile eine eigene deutsche Arabesk-Kultur entwickelt. Ihr wichtigster Vertreter ist Muhabbet. Wir werden sehen, wie sich diese Musik-Tradition fortsetzt.

http://www.youtube.com/watch?v=sEjlpub_yU4&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=qRddXLK99qA&feature=related

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.