"Sie sind nur Marionetten!"

Die Morde in Malatya und der Fall Ergenekon sind eng miteinander verbunden, viele Fragen sind aber noch immer offen

In einer groß angelegten Polizei-Operation in neun türkischen Provinzen am 16. März 2011 wurden, im Zuge der Ergenekon-Ermittlungen, Dutzende von Verdächtigen, darunter Angehörige des Militärs, festgenommen. Unter den Verhafteten war Mehmet Ülger, ehemaliger Kommandeur der Malatya Provinz-Gendarmerie Brigade. Ülger war 2009 schon einmal festgenommen worden, dann aber wieder freigekommen. Ergenekon ist der Name eines geheimen Terrornetzwerks, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Regierung zu stürzen.

Die zentralanatolische Stadt Malatya erlangte im April 2007 durch einen grausamen Dreifachmord traurige Berühmtheit. Die Opfer, zwei Türken und ein Deutscher, waren gefoltert, erstochen und erdrosselt worden. Alle drei waren protestantische christliche Missionare gewesen. Kurz nach dem Mord griff man fünf junge Männer mit Messern und blutüberströmt am Tatort auf, Emre Günaydın und seine Freunde. Die Morde galten schnell als Teil einer gezielten Ergenekon-Operation, die Chaos im Land stiften und die Regierung unterminieren sollte, indem man christliche „Feinde“ der türkischen Nation zum Ziel nahm.

Im Laufe der Ermittlungen tauchten immer mehr Verbindungen zwischen den Morden in Malatya und Ergenekon-Angehörigen auf, die seither für die Planung des Umsturzes der Regierung verhaftet wurden. Zeugen in Malatya sprachen von einer Verbindung mit der geheimen Abteilung Nachrichten- und Terrorabwehrdienst der Gendarmerie (JİTEM), die in den 1990ern angeblich für eine Reihe Attentate verantwortlich war. Bereits im Oktober 2005, nur wenige Monate nach der Aufnahme der Beitrittsverhandlungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union, schien wie aus dem Nichts eine Welle der Christenfeindlichkeit über das Land hereingebrochen zu sein. Die Übergriffe wurden weltweit als islamistische Ausschreitungen aufgefasst.

Der Anwalt Erdal Doğan sah schon früh eine Verbindung zum „Tiefen Staat“ – einer Verflechtung von Sicherheitskräften, Politik, Justiz, Verwaltung und organisiertem Verbrechen – und äußerte sich bezüglich der Malatya-Verhandlung: „Ich las die ersten Akten über den Prozess, die Anklage, die Aussage der Verdächtigen. Wer eine normale Intelligenz besitzt, erkennt, dass etwas Größeres dahinter steckt.“ Zwei Jahre später sagte er aus: „Es gibt eine viel größere Strategie und viel komplexere Verbindungen. Alles war geplant, aber nicht von ihnen, von anderen. Sie sind nur Marionetten.“

Neben dem Hauptverdächtigen Emre Günaydın und seinen Freunden wird Mehmet Ülger durch einen anonymen Brief, der auf einen Mann namens Ali Arslan zurückgeführt werden konnte, als angeblicher Auftraggeber belastet. Varol Bülent Aral, der zum Zeitpunkt der Malatya-Morde bereits im Gefängnis saß, kommt außerdem als Drahtzieher in Frage. Ein weiterer Mann, Deniz Uygar, sagte aus, er sei auf Anweisungen der Gendarmarie in Malatya zum Christentum konvertiert um sich bei den Missionaren einzuschleichen. Gemeinsam mit Mehmet Ülger habe er Veranstaltungen organisiert, bei denen besprochen wurde, wie man gegen die christlichen Missionare handeln und ihnen drohen könne. Später sei er auf Befehl wieder zum Islam konvertiert. Er gab die Zusammenarbeit mit Emre Günaydin und seinen Freunden zu, die schließlich zum Dreifachmord in Malatya führte. JITEM habe dies alles und weitere Aktionen finanziert.

Mehr zum Thema auf der Website der ESI (European Stability Initiative)

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