Schavan: Gesetz zur Anerkennung von Auslandsabschlüssen noch in diesem Jahr

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) über die geplante Anerkennung von Auslandsabschlüssen in Deutschland, christliche Hochschultheologie als Vorbild für eine hiesige Imamausbildung sowie ihre ablehnende Haltung zum Kopftuch an Schulen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was sind die wesentlichen Inhalte des Gesetzesentwurfs zu Anerkennung von Auslandsabschlüssen?

Ministerin Schavan: Das Wichtigste ist: Wer einen Berufsabschluss im Ausland erworben hat, wird einen Anspruch auf Prüfung der Anerkennung bekommen – und das innerhalb von drei Monaten.

Der Rechtsanspruch bezieht sich also auf die Prüfung und nicht auf die Anerkennung?

Es kann keinen Rechtsanspruch auf die Anerkennung geben, weil natürlich geprüft werden muss, ob die Qualifikation vergleichbar ist oder noch zusätzliche Kenntnisse erworben werden müssen. Das Gesetz ist eine wichtige Brücke in die globale Welt. Zunehmend werden Menschen auf ihrem Berufsweg in unterschiedliche Länder gehen. Deshalb ist es wichtig, dass auch Deutschland offen ist für Berufsabschlüsse, die in anderen Ländern erworben wurden.

Wird es dafür bundesweit gültige Kriterien geben?

Die Prüfung von etwa 350 Ausbildungsberufen wird nach bundesweit einheitlichen Kriterien erfolgen. Bei diesen wird die Anerkennung in einem Bundesland auch in einem anderen gültig sein. Ein wichtiger Partner dabei werden die Kammern sein.

Wird es eine zentrale Antragsbehörde geben?

Es wird eine zentrale Telefonhotline und natürlich auch eine Homepage geben, an die alle Interessierten sich wenden können. Dort gibt es die Information, wo das Anerkennungsverfahren erfolgt. Also keine zentrale Prüfungsbehörde, sondern eine zentrale Anlaufstelle.

Fachkräftebedarf in Deutschland steigt an

Warum haben Sie nicht eine zentrale Anlaufstelle vorgesehen, die das Ganze erleichtert hätte?

Wir setzen auf die Kammern und Behörden, die bisher schon für die jeweiligen Berufe zuständig waren und sich am besten auskennen. Wir wollten mit einer zentralen Behörde keine unnötige Bürokratie aufbauen. Wichtig ist: Alle Behörden, die die Anerkennung prüfen, werden das auf der Grundlage gleicher Kriterien tun.

Wann wird das Gesetz denn in Kraft treten?

Der Gesetzesentwurf geht jetzt an Bundesrat und Bundestag, also an die Länderkammer und das Parlament. Ich gehe davon aus, dass es noch in diesem Jahr in Kraft treten kann. Parallel werden die nötigen Verordnungen erarbeitet und die Hotline eingerichtet, damit es sofort losgehen kann.

Vorausgesetzt, dass das Gesetz im Bundesrat nicht blockiert wird und Sie den Vermittlungsausschuss einschalten müssen, oder?

Das erwarte ich nicht. Die Bundesländer waren in den gesamten Prozess eingebunden. Dazu kommt: In Deutschland gibt es einen Konsens, dass in dieser Sache gehandelt werden muss.

Liegen Ihnen verlässliche Zahlen vor, wie viele Menschen von dieser Regelung betroffen sind?

Wir schätzen diese Zahl auf etwa 300.000 Menschen. Die Regelung gilt aber natürlich auch für alle, die nach Deutschland kommen wollen, aber bisher anderswo hingegangen sind, weil ihr Berufsabschluss hier nicht anerkannt wird. Das Gesetz ist logische Konsequenz einer globalisierten Welt, in der Mobilität über nationale Grenzen hinweg zunimmt und der Fachkräftebedarf Deutschlands immer größer wird.

Eine späte Einsicht der Christdemokraten, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist?

Eine Einsicht, dass ein türkischer Taxifahrer, der Medizin studiert hat und hier als Arzt gebraucht wird, die Chance haben muss, in seinem eigentlichen Beruf zu arbeiten. Das ist eine Frage des Respekts vor Menschen und ihrer Lebensleistung.

Muslimisch-Theologische Forschung vorantreiben

Eine andere Baustelle, an der Sie mitwirken, ist ja die Ausbildung von Imamen in Deutschland. Wie weit ist der der Prozess der Imamausbildung?

Mein Ministerium fördert den Aufbau von vier Standorten für Islamische Studien an deutschen Universitäten. Mir ist besonders wichtig, dass an diesen Orten auch muslimisch-theologische Forschung möglich wird. Deutschland hat eine gute Tradition der christlichen Theologie an den Hochschulen – und hier liegt auch eine große Chance für den Islam.

Welche Chance meinen Sie genau?

Theologie ist für Religionen immer wichtig gewesen. Theologie klärt auf und verhilft einer Religion zum Nachdenken über sich selbst. Sie führt zu einem Glauben, der nicht nur geglaubt sondern auch gedacht werden will.

Erhoffen Sie sich durch Forschung über den Islam eine Rationalisierung des Umgangs mit offenbarten Texten?

Das ist ein wichtiger Punkt. Die historisch-kritische Methode im Umgang mit heiligen Texten war für das Christentum eine Bereicherung. Warum sollte der Islam aus dieser Erfahrung keine neuen Erkenntnisse für sich ziehen? Eine andere Bereicherung wird sein, dass wir mit theologischen Fakultäten wie zum Beispiel der in Ankara enger zusammenarbeiten können.

Was sind denn Ihre Kriterien für die Ausbildung von Imamen und muslimischen Religionslehrern?

Die Hochschulen definieren die wissenschaftlichen Kriterien. Für uns ist wichtig, dass die Ausbildung der Imame und muslimischen Religionslehrer von hoher Qualität ist – vergleichbar zum Beispiel der Ausbildung für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht. Die späteren Imame und Religionslehrer werden künftig auf Erfahrungen zurückgreifen können aus dem Land, in dem sie später auch arbeiten. Und das ist Deutschland.

Deutschland öffnet sich auch auf dem Arbeitsmarkt für ausländische Abschlüsse und schafft Strukturen in der Ausbildung von Imamen und muslimischen Religionslehrern. Zwei wichtige Schritte für die Willkommenskultur, auf die auch Sie großen Wert legen. Ist das nicht genau der richtige Zeitpunkt auch in der Kopftuchdebatte neue Akzente zu setzen. Wieso sollte es nicht möglich sein, dass eine Lehrerin muslimischen Glaubens, die aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch trägt, auch Islam an öffentlichen Schulen unterrichtet?

Das ist keine zwingende Konsequenz, weil es zur Bedeutung des Kopftuchs auch innerhalb der Muslime gegensätzliche Auffassungen gibt. Zu einer guten Willkommenskultur gehört auch, dass sich Bürgerinnen und Bürger aus unterschiedlichen Kulturen nicht gegenseitig überfordern.

Was wäre Ihre Antwort an eine hier geborene Abiturienten, die aus Überzeugung Kopftuch trägt und als Wunschberuf Lehrerin werden will?

Dass beides an öffentlichen Schulen nicht möglich ist. Wie das an den staatlichen Schulen in der Türkei übrigens auch nicht geht, wenn auch aus anderen Gründen.

Sie nehmen sich die Türkei als Modell in der Kopftuchfrage?

Nein, ich nehme die Türkei nicht als Modell, sondern erwarte von einer Muslimin, die als Lehrerin an einer öffentlichen Schule arbeiten möchte, Diskretion.

Impulse von Schulen in freier Trägerschaft erwünscht

Zehn Jahre sind nunmehr nach der ersten Pisastudie vergangen. In dieser Zeit hat die Zahl der Privatschulen enorm zugenommen. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die öffentlichen Schulen gescheitert sind?

Nein, keineswegs. Im internationalen Vergleich ist der Anteil von Privatschulen in Deutschland immer noch gering. Die Bildungspolitik braucht Impulse von Schulen in freier Trägerschaft. Deswegen sind sie auch eine Bereicherung für unser Bildungssystem. Die öffentliche Verantwortung für die Bildung stellt das nicht in Frage. Auch da hat sich seit der ersten Pisastudie viel verändert. Wir haben mehr Kindergartenplätze und viel mehr Ganztagsschulen als vor zehn Jahren. Eine der großen Veränderungen an den Schulen ist, dass es eine sehr viel stärkere Wahrnehmung gibt, wie wichtig Bildung für die Integration ist.

Wir erleben auch in der türkischen Community einen Bildungsboom. In den letzten Jahren sind hunderte von Nachhilfeeinrichtungen und fast 30 Privatschulen auf Initiative von Deutschtürken entstanden. Bekommen sie diese Entwicklung überhaupt mit?

Ja, auch das gehört zu den Entwicklungen, die Bewegung ins deutsche Bildungssystem bringen.

In manchen Städten, unter anderem in Stuttgart, entstehen Bildungsinvestitionen in Höhe von 12 Millionen Euro und mehr. Auch in Köln und Berlin investieren Deutschlandtürken Millionen von Summen in die Bildungszukunft ihrer Kinder. Macht das alles sie als Bildungspolitikerin nicht neugierig?

Das ist ein interessanter Trend. Ich kann mir gut vorstellen, eine dieser Einrichtungen zu besuchen, um mir ein eigenes Bild zu machen.

In der globalen Welt ist Mehrsprachigkeit ein wertvolles Gut. Wir haben sehr oft aber eine Sprachdebatte. Warum gelingt es deutschen und türkischen Politikern nicht, gemeinsam die Botschaft zu verkünden „Beide Sprachen sind wichtig“.

Das gelingt immer da nicht, wo es nicht um die Sprache an sich geht, sondern sie für etwas anderes instrumentalisiert wird. Für Kinder, egal welcher kulturellen Herkunft, ist die Sprache, die in der Schule und später im Berufsleben gesprochen wird, von zentraler Bedeutung. Deshalb gibt es keine Alternative zu Deutsch. Aber natürlich ist auch Mehrsprachigkeit als Teil der modernen Welt wünschenswert. Es gibt überhaupt keinen Grund, die Sprache der Herkunftsfamilie und Sprache der Gesellschaft, in der ein Mensch lebt und arbeitet, gegeneinander auszuspielen.

1961 ist das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet worden. Marco Buschmann und Serkan Tören, beide Bundestagsabgeordnete der FDP, haben sich an dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert gewandt, mit der Bitte, mit einem Festakt im Bundestag den Beitrag der türkischen Migranten zu würdigen. Wie finden sie diesen Vorschlag?

Das Thema in irgendeiner Form im Bundestag aufzugreifen finde ich eine gute Idee.

Süleyman Bag

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