"Der Zugang zur Bildung ist vom Geldbeutel der Eltern abhängig"

Muhterem Aras, Mitvorsitzende der Grünen-Ratsfraktion in Stuttgart, spricht über ihren Wunsch nach mehr Gerechtigkeit in der Bildung, die Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen sowie ihre Abneigung gegen Innenminister Friedrich.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was sollten die Grünen in Zukunft besser machen in der Migrationspolitik, was die CDU in 60 Jahren vielleicht verschlafen hat?

Muhterem Aras: Am allerwichtigsten ist es, mehr Gerechtigkeit in die Bildung hineinzubringen. Bildung ist eigentlich eines der Haupthindernisse für eine gelungene Integration. Weil der Zugang zur Bildung vom Geldbeutel der Eltern abhängig ist, vom sozialen Status der Eltern. Im besonderen Maße leiden darunter die Migrantenkinder. Der andere Bereich ist die Anerkennung bzw. die Angleichung der im Ausland erworbenen Diplome. Es geht darum, diese Willkommenskultur, die gerade überall wieder in ist, mit Leben zu füllen und nicht nur leere Floskeln zu verwenden. Baden-Württemberg hat sich hier sicherlich nicht besonders gut hervorgetan. Erinnert sei beispielsweise nur an den Gesinnungstest, der hier eingeführt wurde. Das Regierungspräsidium hat bei Einbürgerungen bisher eher sehr stark behindert als gefördert.

Warum hängt die Bildung vom Geldbeutel der Eltern ab?

Hier werden die Kinder nach der vierten Klasse getrennt und es ist durch viele Studien belegt, dass Kinder aus Akademikerfamilien eine vielfach höhere Chance haben, auf ein Gymnasium zu wechseln als Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien. Es geht darum, dass wir Schulen so gestalten, dass wirklich jedes Kind individuell gefördert werden kann. Wenn Familien ihren Kindern nicht helfen können, egal aus welchen Gründen, dann muss die Politik genau dort unterstützend eingreifen, damit man wirklich jedem Kind auch die Chance gibt, sich in seiner Persönlichkeit zu entfalten. Das andere ist dann die individuelle Förderung: mehr Ganztagsschulen und vor allem eine vernünftige Hausaufgabenbetreuung, die dann auch in der Ganztagsschule wäre.

Sprechen Sie da auch aus eigener Erfahrung?

Ich habe selbst zwei Kinder. Meine Tochter ist in der achten Klasse. Auch wenn man hier Abitur gemacht hat, ist es ganz schnell so, dass man dem Kind nicht mehr helfen kann oder nicht entsprechend. Und sehr viele Familien leisten sich eben eine private Nachhilfe. Da kommt der Lehrer dann nachmittags, das ist sehr verbreitet in Baden-Württemberg. Und das kann es nicht sein. Das ist zum einen wegen der Kinder einfach ungerecht, weil man sie wirklich in ihrer Entwicklung behindert. Zum anderen ist es auch volkswirtschaftlich das Allerdümmste, was wir uns leisten und das teuerste. Letztendlich produzieren wir uns selbst die Ungebildeten von morgen. Doch die Wirtschaft braucht in der globalen, internationalen Welt die besten Köpfe. Es gilt darum, dass wir ganz früh in die Bildung investieren. Damit wir wirklich unsere einzige Ressource, die wir haben, fördern und unseren eigenen Wohlstand bewahren. Deshalb ist es so wichtig, in der Bildung anzusetzen. Ich bin mir ganz sicher, wenn wir die Bildung wirklich gerechter machen, und Kinder dort unterstützen, wo der Bedarf ist, dann ist ganz viel in Bezug auf Integration gelungen und erledigt.

Welche weiteren Punkte sind Ihnen wichtig?

In Baden-Württemberg hat sich die CDU eher damit hervorgetan, dass sie einen Gesinnungstest eingeführt hat, dass das Regierungspräsidium in Bezug auf Einbürgerungen eher hindert als dass man die Menschen motiviert, zum Beispiel die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Es geht aber eher darum, dass man die Leute motiviert und belohnt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, weil mit ihr auch für ein Land identifiziere, mich dafür entscheide. Es geht darum, diese Willkommenskultur, die jetzt alle auf einmal neu entdeckt haben, auch mit Leben zu füllen. Auch geht es darum, insgesamt in allen Verwaltungsebenen mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Entscheidend und wichtig ist das zum Beispiel im Lehramt, dass man das voranbringt. Aber das hängt nicht davon ab, ob ich jetzt ein Ministerium habe, das sich explizit damit beschäftigt.

Wie stehen Sie denn zum islamischen Religionsunterricht, der ja in Nordrhein-Westfalen eingeführt werden soll. Wie sieht das in Baden-Württemberg aus?

Wir sind dafür, dass der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache an den Schulen unterrichtet wird. Wenn wir eine Religionsfreiheit haben, was im Grundgesetz verankert ist, dann muss es auch für den islamischen Religionsunterricht gelten. Hier ist es noch ein Modellversuch an einigen wenigen Schulen. Das zeigt eben, dass das Interesse der Landespolitik bisher nicht da war. Man hat das Thema Jahrzehnte lang wirklich raus gehalten. Jetzt hat man sich wieder einmal mit Modellprojekten beholfen. Uns geht es darum, dass man den islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache an den Schulen ganz regulär unterrichtet.

Sollten dem Islam generell die gleichen Rechte eingeräumt werden wie dem Christentum?

Wenn wir eine Religionsfreiheit haben, und dazu stehen wir, dann gilt das für alle Religionen, die sich auf dem Grundsatz der Verfassung bewegen. Von daher muss das natürlich auch für den Islam gelten, ja.

Gibt es bestimmte geplante Änderungen in der Flüchtlingspolitik? Die Grünen sagen ja, man will Verantwortung für die weltweit vorhandenen Flüchtlingsprobleme übernehmen.

Die Flüchtlingsthematik ist ja eher eine Bundes- und EU-Angelegenheit. Wir müssen natürlich schauen, dass sich durch die Abwahl der bisherigen Regierung sich natürlich auch die Bundesratsmehrheit ändert. Da kann man sicher über Bundesratsinitiativen daran arbeiten. Zum einen geht es um die Bekämpfung von Ursachen. Und letztlich: Wenn Flüchtlinge vor den Toren Europas sind, muss man auch eine vernünftige Regelung finden, dass man wie bisher nicht nur die Mauer hoch macht, sondern wie man auch in Notlagen helfen kann. Dafür werden wir Grüne uns sicher einsetzen.

Was erwarten Sie von der Islamkonferenz?

Ich erwarte von diesem Innenminister nichts, aber auch gar nichts. Wenn schon seine erste Amtshandlung darin bestand, dass er erst einmal erklärt, der Islam gehöre nicht zu dieser Republik, dann erwarte ich von so einem gar nichts. Diese Menschen bei der Konferenz sollten die Zeit lieber mit etwas Vernünftigerem verbringen als dass der Innenminister jetzt so eine Show abzieht.

Laura Räuber, Felix Kubach

 

Muhterem Aras

Die Politikerin ist seit 12 Jahren in der Kommunalpolitik im Stadtrat von Stuttgart tätig. Seit vier Jahren ist sie gemeinsam mit Werner Wölfle Fraktionsvorsitzende der Grünen in Baden-Württemberg. Bildungspolitik ist ihr eine „Herzensangelegenheit“ wie sie sagt, „weil nicht nur ich die Bildungspolitik in Baden-Württemberg als sehr ungerecht empfinde“. Von Haus aus ist sie Diplom-Ökonomin und Steuerberaterin mit einer eigenen Kanzlei. Ihr politisches Wunschressort besteht aus einer Kombination aus Bildung und Finanzen. Sie lebt seit dem 12. Lebensjahr in Deutschland.

Die Politikerin hat als Kandidatin des Wahlkreises Mitte mit 42,5 Prozent das beste Grünen-Ergebnis im ganzen Land eingefahren und nebenbei das Direktmandat geholt. Sie wird die erste aus der Türkei stammende Abgeordnete im baden-württembergischen Landtag sein.

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