"Entscheidend ist der soziale Status – und nicht die Herkunft"

Das Gesundheitswesen in Deutschland muss auf die steigende Anzahl von Migranten reagieren und kulturspezifische Besonderheiten berücksichtigen

Türkische MigrantInnen erkranken durchschnittlich zehn Jahre früher als andere Bevölkerungsgruppen an Herz-Kreislauf-Krankheiten. Hauptgründe hierfür seien die Ernährung und das Raucher-Verhalten, erklärt Mechthild Rawert, SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin gegenüber den Deutsch Türkischen Nachrichten. Der sogenannte healthy-migrant-effect, demzufolge Gastarbeiter der ersten Migrationsphase aufgrund ihrer günstigen Altersstruktur und der medizinischen Auslese bei der Anwerbung dem hiesigen Gesundheitssystem nur geringe Kosten verursachten, kehre sich nun um. Dies lasse sich an der deutlich gestiegenen Inanspruchnahme von Krankenkassen- und frühen Rentenleistungen ablesen.

Rawert: „Wir müssen auch aus diesem Grund dringendst dafür sorgen, dass unsere Gesundheits-, Pflege- und Rehabilitationssysteme auf die Herausforderungen eines modernen Einwanderungslandes eingestellt werden und über Wissen zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung verfügen. Meines Erachtens soll schon in der Ausbildung viel stärker als bisher auf kulturspezifische Besonderheiten eingegangen werden.“

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden haben im Jahr 2008 rund 19 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund aufgewiesen. Die Türkei führt mit gut 2,9 Millionen die Liste der wichtigsten Herkunftsländer an, gefolgt von den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit zusammen knapp 2,9 Millionen, Polen mit 1,4 Millionen und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens mit zusammen 1,3 Millionen. Laut Zahlen der OECD von 2007, haben aber ca. 800.000 Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus und eine unbekannte Zahl von Migranten keinen Krankenversicherungsschutz besessen. Dadurch sei der Zugang zur medizinischen Versorgung erheblich erschwert worden, so Rawert: „Laut Malteser Hilfsdienst werden 80% der Kranken ohne Versicherungsschutz in speziellen Ambulanzen für Menschen ohne Krankenversicherung behandelt. Von diesen Kliniken gibt es jedoch nur acht in ganz Deutschland.“ Der Zugang zum deutschen Gesundheitssystem ist also für Migranten nicht immer leicht. Zusätzlich unterscheiden sich ihre Anforderungen von denen deutscher Patienten.

Rawert plädiert dafür, ein besonderes Augenmerk auf die gesundheitliche Versorgung von Kindern zu legen: „Kinderärztinnen und Kinderärzte berichten, dass unter Kindern mit psychosomatischen Beschwerden Kinder mit Migrationshintergrund überrepräsentiert sind. In Bezug auf psychosoziale Belastungen kommt es oft vor, dass sie unter Angstzuständen und depressiven Verstimmungen sowie anhänglichem und abhängigem Verhalten, Schlafstörungen und Albträumen leiden.“ Laut einigen Studien würden Kinder von Migranten bezüglich vieler somatischer Erkrankungen wie Bronchitis, Allergien oder Magen-Darm Infektionen aber einen besseren Gesundheitszustand aufweisen als Kinder ohne Migrationshintergrund. Einem aktuellen Berliner Senatsbericht über die Kindergesundheit in Berlin zufolge würden besonders Kinder türkischer, arabischer und osteuropäischer Herkunft unter Übergewicht leiden. Doch, so Rawert: „Entscheidend für die gesundheitliche Entwicklung ist der soziale Status und nicht die Herkunft der Kinder. Fakt bleibt: Kinder aus armen Familien haben schlechtere gesundheitliche Startchancen. Und hier müssen wir als Gesellschaft und ich als Gesundheitspolitikerin ansetzten.“

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