Selcuk: "Weg von diesem ständigen Klagen und Jammern"

Aylin Selcuk (22), Gründerin des Vereins “Deukische Generation”, über die selbstbewusste Generation junger Migranten sowie mit einem Appell an den Chef des Zentralrats der Muslime, wieder an der Deutschen Islam Konferenz teilzunehmen.

Für junge Menschen ist es sicher nicht leicht etwas zu ändern, da sie möglicherweise oft das Gefühl haben, nicht ernstgenommen zu werden. Wie kann man diese motivieren, weiterzumachen?

Wenn man ernst genommen werden will, muss man sich selbst erst einmal ernst nehmen. Sprich: wegkommen von dieser Opferposition, weg kommen von diesem ständigen Klagen und Jammern, sondern einfach konstruktiv mitmischen. Ich muss sagen, ich habe ganz positive Erfahrungen gemacht. Mit 18 konnte ich z.B. bereits meine Stimme beim nationalen Integrationsgipfel  einbringen.  Aber natürlich muss man auch professioneller werden in der Arbeit. Sprich: Man sollte sich selbst immer fortbilden und auch an Vorbildern orientieren. Außerdem kann man so viel mit ganz einfachen Mitteln erreichen. Es geht darum, die neuen Medien wie Facebook professionell einzusetzen und es nicht bei einer leisen Stellungnahme zu belassen, sondern laut zu werden und selbstbewusst seine Meinung zu vertreten.

Mit dieser forschen Art sticht man sicher in einige Wespennester. Gab es negative Reaktionen?

Ich habe sehr viele negative Emails, teils auch Droh-Emails, bekommen, meist aus der rechten Szene. So wurde ein Artikel über meinen Verein in einem rechten Forum gepostet mit der Aufforderung, mir doch ganz viele Hassmails zu schicken. Man darf das nicht unterschätzen und muss die Sache auf jeden Fall ernst nehmen. Aber man sollte sich auf gar keinen Fall davon abbringen lassen. Mittlerweile ist es so, dass ich diese ganzen Emails gar nicht mehr durchlese, sondern direkt an die Polizei weiterleite. Wenn es notwendig ist, wird dann ermittelt.

„Ich hätte erwartet, dass mehr aus der deutschen intellektuellen Szene kommt“

Gab es vielleicht auch Unverständnis von Freunden, bei so viel überschäumender Aktivität?

Von meinen Freunden selbst kam kein negatives Feedback. Das einzige was ich erlebt habe, war zu meiner Abiturzeit: Da wurde seitens einiger Personen im Abiturbuch mein Engagement nicht so geschätzt. Stattdessen hat man sich darüber lustig gemacht mit Kommentaren wie beispielsweise, ich sei der „Gandhi aus Deutschland“. Einige Mitschüler haben es einfach nicht verstanden, warum man sich ehrenamtlich engagieren sollte. Es war eine Schule, die überwiegend von Kindern aus  gutsituiertem Elternhaus besucht wurde. Da es den meisten Schülern sehr gut ging, hatten sie nie das Bedürfnis, sich für etwas oder gar für andere einzusetzen. Das hat mir gezeigt, dass in Deutschland generell das Ehrenamt nicht so hoch angesehen ist. Vor allem an Schulen wird nicht dafür geworben, es ist eher Sache der „Streber“  Das hat mir des Weiteren verdeutlicht, auch dahingehend Projekte fördern zu müssen, was wir nun als Verein auch tun. Diese Projekte, die ehrenamtlich durchgeführt werden, müssen noch nicht einmal etwas mit Integration zu tun haben. Wir sagen: Jeder Mensch in Deutschland trägt eine Verantwortung. Alle müssen etwas zum Allgemeinwohl beitragen. Das versuchen wir unter Jugendlichen „cooler“ zu machen, dass man sich eben engagiert. Bisher ist es meist so, dass sich die Betroffenen engagieren. Doch es muss ein Wir-Gefühl entstehen! Es kann nicht sein, dass sich nach Sarrazins Äußerungen nur die deutsch-türkische, deutsch-arabische oder deutsch-muslimische Community darüber beschwert. Ich hätte auch erwartet, dass mehr aus der deutschen intellektuellen Szene kommt und diese auch den Aufstand proben und demonstrieren.

Sie haben gerade den Namen Sarrazin erwähnt. Was ist aus Ihrer Klage gegen ihn geworden, die Sie im vergangenen Jahr wegen Volksverhetzung gemeinsam mit vier anderen Klägern angestrengt haben?

Wir haben immer noch keine konkreten Ergebnisse. Erst vor einer Woche haben wir noch einmal angefragt. Aber die Sache läuft immer noch.

Wenn ich jetzt ein Jugendlicher wäre und das Bedürfnis verspüren würde, mich zu engagieren. Was hätte ich davon, in Eurem Verein Mitglied zu werden?

Erst einmal geht es darum, überhaupt Gleichgesinnte zu finden, also ein Netzwerk zu haben, wo es Studenten und andere Auszubildende gibt, die sich gegenseitig bei vielen Dingen unterstützen. Dann geht es natürlich in erster Linie nicht darum, etwas zu bekommen, sondern etwas zu geben. Es geht darum, dass wir ehrenamtliches Engagement fördern möchten. Es geht darum, zum Beispiel neben dem Studium noch anderen Jugendlichen zu helfen, sie in ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Es geht darum, etwas zum Allgemeinwohl beizutragen. Dann gibt es natürlich auch intern immer wieder Workshops, in denen unsere Mitglieder geschult werden. Es geht zum Beispiel um Projekt- und Zeitmanagement, wo wir unsere Mitglieder ausbilden, damit die ganze Arbeit auf professioneller Ebene geschieht. Davon können die Leute natürlich auch in ihrem Beruf oder Studium und selbstverständlich auch persönlich profitieren. Man lernt schließlich ganz viel in der Vereinsarbeit: Allein wie man diskutiert, wie man neue Projekte entwickelt. Wie ein Verein, wie politische Teilhabe funktioniert. Wie man Einfluss nehmen kann. Wie Medienarbeit funktioniert . Das sind ganz wichtige Schlüsselqualifikationen.

Ein Gründungsziel war es, „binnen kürzester Zeit eine gesellschaftliche Institution zu etablieren, die primär die Integration von türkischstämmigen Bürgern in Berlin verbessert“. Wurde das erreicht?

Wie kann man das messen? Wir haben nicht den Anspruch, alles sofort zu verändern. Es gibt ein türkisches Sprichwort: „Viele Tröpfchen bilden den Ozean“. Wir möchten auch so ein Tropfen sein. Und vielleicht mit anderen Tröpfchen zusammen den Ozean bilden. Wenn wir drei Jugendlichen zu einer besseren Bildung verhelfen oder diese zu einem Studium oder einer Ausbildung motivieren, dann sind das drei Schicksale. Und jedes dieser Schicksale ist wichtig für uns. Genauso werden diese Menschen dann auch andere Menschen unterstützen. Es ist eine Kettenreaktion.

Im Augenblick studieren Sie Zahnmedizin. Angesichts Ihres Engagements und offensichtlichen Talents würden Sie viele sicher gern in der Politik sehen. Wie stehen Sie dazu?

Ich habe tatsächlich schon viele Angebote von Parteien bekommen. Mir ist es zur Zeit jedoch wichtig, dass die „Deukische Generation“ parteiunabhängig ist. Als Vorstandsvorsitzende kommt es für mich daher auf gar keinen Fall in Frage, in eine Partei einzutreten. Ich sehe, dass man mit unabhängiger Arbeit viel erreichen kann. Nach dem Studium könnte ich es mir vielleicht vorstellen, wenn die „Deukische Generation“ etabliert ist und es im Vorstand Jüngere gibt, die meine Arbeit fortführen wollen. Denn natürlich bin ich irgendwann zu alt, um in der „Deukischen Generation“ aktiv zu sein. Wir haben eine Begrenzung: Bis 28 darf man aktives Mitglied werden. Wenn es dann noch notwendig ist, könnte ich mich vielleicht auch in der Politik sehen. Vor einem Jahr war es für mich noch total undenkbar, aber heute ist es eine Verantwortung, die ich einfach nicht mehr abstreifen darf und deswegen halte ich mir diese Option offen.

Felix Kubach

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