Die Debatte über Migranten hat eine Pickelhaube

Die Integrationsdebatte wird geführt, als ob es sie noch nie zuvor gegeben hätte. Dabei gibt es sie seit über 120 Jahren.

Die Debatte um die Integration von Migranten bestimmt seit nunmehr über 60 Jahren die innenpolitische Auseinandersetzung in Deutschland. Sie wird mit zunehmender Härte geführt. Betrachtet man die zunächst als Ausländerfrage bezeichnete Diskussion in längerer Perspektive, sieht man, dass sie seit den 60ern alle paar Jahre aufs Neue auftaucht und so tut, als seien ganz neue Probleme zu beobachten. So als ob es sie noch nie zuvor gegeben hätte.

Dabei wird die Diskussion über den Zuzug von Menschen und ihre Integration seit mehr als 120 Jahren unter ähnlichen Fragestellungen geführt. Seit 120 Jahren wird Zuwanderung zum einen als Bedrohung der eigenen kulturellen und ethnischen Identität der Deutschen gesehen und zum anderen werden Vorschläge, die eine Begrenzung oder Verringerung der Zuwanderung vorsehen, als Gefährdung des liberalen Rechtsstaates gesehen, der angesichts von Kriegen und Armut in der Welt dazu verpflichtet sei, Verantwortung zu übernehmen. So bleibt die Diskussion zwischen den radikalen Befürwortern einer Zuzugssperre und den Vertretern einer radikalen Grenzöffnung hängen.

Eine Bilanz der Zuwanderungsdebatte in Deutschland würde daher auch sehr
zwiespältig ausfallen. Auf der einen Seite beobachten wir eine furchtbare Tradition von Fremdenhass, Rassismus und Zwangsarbeit und auf der anderen Seite ein weltoffenes Deutschland, in dem jeder Fünfte inzwischen einen Migrationshintergrund hat und über einen sehr hohen Lebensstandard mit allen Freiheiten verfügt. Wir nehmen auf der einen Seite ein noch nicht überwundenes Potential radikaler Fremdenfeindlichkeit und auf der anderen Seite ein im Vergleich zu anderen europäischen Staaten hohes Maß an Integration und Akzeptanz der gesellschaftlichen Wirklichkeit von Zuwanderung wahr.

Aus diesem Grunde wird eine Analyse der aktuellen Probleme im Zusammenhang von Zuwanderung auch immer auf die bisherigen Erfahrungen der Mehrheitsbevölkerung mit Zuwanderern stoßen. Denn die Geschichte verdeutlicht, dass die Probleme, die wir heute diskutieren, in ähnlicher Form in der Vergangenheit diskutiert wurden. Selbstverständlich kann die Beschäftigung von polnischen Arbeitern im Kaiserreich oder Zwangsarbeitern nach 1939 nur abstrakt mit der Situation türkischer Gastarbeiter im Ruhrgebiet verglichen werden. Aber es muss dennoch darum gehen, die gegenwärtige und sehr komplexe Problematik auch durch die Vergangenheit zu erklären und zu verstehen. Aktuelle Probleme und Diskussionen müssen als Prozess und als historische Entwicklung gesehen werden. Denn ohne eine Diskussion der kollektiven Erfahrungen, die eine Gesellschaft in Verbindung mit Zuwanderung in der Vergangenheit gemacht hat, ist es nicht möglich, ihren Umgang mit Zuwanderung in der Gegenwart zu verstehen.

Die Definition des Fremden dient immer als Voraussetzung zur Bestimmung des Eigenen. Zuwanderung von Fremden zieht also einen wechselseitigen Anpassungs- und Selbstfindungsprozess nach sich, bei dem sich beide Seiten immer neu erfinden. Wenn man dies beachtet, sieht man, dass eigentlich alles besser wird und wir vielleicht schon in 20 Jahren über die heutigen Diskussionen in Deutschland schmunzeln werden.

Ercan Karakoyun

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